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Im Zeichen der Sehnsucht

Der deutsche Autor Michael Sollorz ist nach Jahren wieder zu Gast in Wien und liest am 18. 4. im „Gugg“, 1040, Heumühlgasse 14, aus seinem neuen Erzählband „Piratenherz“. Neun Geschichten, einige wenige schon älter und in Anthologien veröffentlicht, spannen einen weiten Bogen durch den erzählerischen Kosmos des Schriftstellers Michael Sollorz. Erinnert er sich in der ersten Erzählung „Quälgeist“ noch an die letzten Tage der DDR, taucht er in der Titelgeschichte „Piratenherz“ tief in die Sehnsuchtswelten schwuler Männer ein. „Jeder seriöse Autor sollte meiner Meinung nach vor allem über jene Dinge schreiben, die er am besten beurteilen kann. Das ist in meiner Biografie neben der Liebe zu Männern zum Beispiel auch die prägende Erfahrung einer Jugend im Sozialismus und die jähe Veränderung, über Nacht im Kapitalismus zu wohnen, den Sieg des Westens und seiner Werte erleben zu müssen.“ In seinem letzten Roman „Die Eignung“, der auch in der nicht-schwulen Szenepresse auf sehr positive Resonanz stieß, hatte Sollorz einen ideologisch verbohrten Schläfer, den verborgenen Kämpfer einer geheimen Armee zum Sturz des kapitalistischen Systems, porträtiert und dabei deutlich auch eigene Erfahrungen in der DDR verarbeitet. Im Erzählband „Piratenherz“ ist dieser Teil seiner Erfahrungswelt hingegen kaum präsent. Einzig die bereits erwähnte erste Erzählung „Quälgeist“ spielt im Jahr 1989 und vermittelt – zumindest für einen Österreicher – mit ihrem heiter, leichten Erzählton ein Gefühl von „Ostalgie“, eine Stimmung, die man in den restlichen Erzählungen vergeblich suchen wird. Berlin ist die Stadt von Sollorz‘ Helden, die eigentlich keine Helden sind. Es sind verletzliche Figuren, die ihren Ort im schwulen Biotop der Großstadt suchen. Wie etwa Konstantin, der sich in der Erzählung „Minz und Mauz“ von seinem Liebhaber Marek trennt, um in der Geschichte „Die Zeit danach“ erste neue Schritte in die „schwule Welt“ zu machen. Dieser gewinnt der Autor durchaus auch surreale Momente ab, wenn er beschreibt, wie Volker in einem Saunalabyrinth mit dem vielversprechenden Namen „Paradies“ die Orientierung und jeden Bezug zur Außenwelt verliert. Es sind keine strahlenden Sexprotze, die den Kosmos von Michael Sollorz bevölkern, auch wenn schwuler Sex und das Begehren nach Männerkörpern immer präsent ist. Es ist nicht das bunte Partyvolk der schwulen Metropole Berlin, das Sollorz‘ Geschichten belebt, sondern die unscheinbaren, schwulen Existenzen in den Hinterhöfen des alten Ost-Berlin, denen der Autor seine Aufmerksamkeit schenkt. So in der Erzählung „Hung“ (mit seinem herrlich irreführenden Titel), in der sich der Quartalssäufer und Notstandshilfeempfänger Rüdiger seine kleine schwule Welt erträumt. Auch die beiden letzten Geschichten bilden auf irritierende Weise ein Paar. Wenn Abel und Bao in „Der Amerikaner“ in einer schick ausgebauten Dachbodenwohnung einem mörderischen Spiel nachgehen, erscheint die nachfolgende Erzählung „Tsunami“ wie das Vorspiel zu diesem. David, ein über 50-jähriger Mann hat regelmäßige Treffen mit einem namenlos bleibenden Callboy, der sich für seinen rätselhaften Kunden mehr und mehr zu interessieren beginnt. Doch plötzlich ist David verschwunden… Auf Einladung von QWIEN ist Michael Sollorz wieder einmal zu einer Lesung in Wien.

Lesung mit Michael Sollorz; Montag, 18. April, 19.30 Uhr, Das Gugg, Heumühlgasse 14, 1040 Wien, Eintritt frei;

Links: Männerschwarm Perlentaucher

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