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Stonewall in Wien – die 1970er: Evelyn Mollik-Werner

Was bedeutete das Motto in den 70-er Jahren? Ich hätte im Motto eigentlich einen Meldezettel ausfüllen müssen. Das Motto war für uns High Life. Es waren tolle Leute hier und es war eines der ersten Schwulenlokale, die nicht unbedingt ein finsteres Kellerloch waren. Allerdings hatte das Motto etwas, das die anderen Lokale auch hatten: Man musste draußen klingeln, ist durch ein Guckerl begutachtet worden und dann durfte man rein. Im Vergleich zu den anderen Lokalen ist das Motto immer offener geworden. Dann kam eine gewisse Bewegung von wegen “Gemma Schwule schauen“,  und dadurch wurde das Lokal immer gemischter, was es anfangs nicht war. Was mich anfangs wunderte, war, wann immer es an der Tür geläutet hat, haben sich alle umgedreht und sich gefragt, wer kommt jetzt rein? Erst später habe ich mitgekriegt, was eigentlich los war. Damals war der Schwulenparagraf erst eineinhalb Jahre gefallen. Aber man musste nach wie vor mit massiven Razzien rechnen,  und die haben hier stattgefunden, speziell nach der Eröffnung. Wie liefen solche Razzien ab? Hinten hat es eine kleine Bar gegeben, dort saß ein schwules Pärchen. Es kamen zwei Männer in Zivil rein und es fängt eine Rangelei zwischen den Polizisten und einem des schwulen Pärchens an. Darauf sagt der Schwule: „Geben Sie mir ihre Dienstmarke, ich mache eine Anzeige.“ Das macht er dann auch und wird später vorgeladen. Dort heißt es dann: „Sagen Sie mal, ihr Freund ist doch in einer Bank angestellt?“ „Ja“, sagt er. „Und gibt es in dieser Bank nicht jede Menge Lehrbuben?“ Worauf er sagt: „Ja“. “Dann würde ich mir im Sinne der Karriere ihres Freundes überlegen, ob die Anzeige nicht doch zurückgezogen wird“. So geschehen. Bei einer anderen Razzia kommt ein führender Herr der Bezirksvorstehung mit und regt sich auf, und man macht ihn darauf aufmerksam, dass der Paragraf doch schon längst gefallen sei. Seine Antwort war: „Aber net bei uns im Bezirk!“ So war die offizielle Einstellung, obwohl gesetzlich schon längst geregelt. Mittlerweile gilt das Motto nicht unbedingt primär als Schwulenlokal. Das Motto war dann eines der Lokale, die immer offener geworden sind. Es gab eine Mixtur, so genannte “Normale” sind gekommen und daraus ist auch eine gewisse Akzeptanz geworden. Anfangs hieß es noch “Gemma Schwule schauen” und dann war die Sensation gar nicht so groß. Abgesehen von einem, den wir alle Die Vetsera genannt haben. Der hat einmal am Ende des Lokals einen  wunderbaren Strip hingelegt. Und ein Mann sagt zu seiner Frau: „Schau dir das an, da kannst noch was lernen!“ So war das damals. Es war hier ja auch ein Prominentenlokal. Von Bernstein angefangen über … Ich erinnere mich an einen Geburtstag, da hat mir sogar der Nurejew gratuliert. Das war das Motto, nur: Der Nurejew und der Bernstein sind behandelt worden, wie alle anderen. Gab es damals auch politische Bewegung? Es gibt etwas, was mich damals sehr verwundet hat und eigentlich bis heute wundert. Es war damals parallel die Frauenbewegung. Und da kam der Gedanke hoch, wenn sich jetzt die Frauen und die Schwule auf ein Packl hauen, würden wir doch die Mehrheit erbringen und könnten viel mehr bewirken. Das wurde sonderbarerweise von beiden Seiten abgelehnt. Diese Majorität, die man gehabt hätte, war offensichtlich nicht gewünscht, obwohl es teilweise durchaus um dieselben Anliegen gegangen wäre. Das hat nie stattgefunden. Alle Interviews von „Stonewall in Wien“: <http://www.qwien.at/stonewallinwien/>

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