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Stonewall in Wien – die 1990er: Gerry Keszler

Wie kamst du auf die Idee, den Life Ball im Rathaus statt finden zu lassen? Naja, der Wunsch, den Life Ball, eine Aids-Charity damals, die einmalig geplant war, hier stattfinden zu lassen, war natürlich ein bedeutungsvoller, weil’s eine ganz düstere neugotische Aktenburg ist und auch damals das einzige politische Gebäude der Welt war, wo eine Aids-Charity stattfinden durfte, bei der sich alle Gesellschaftsgruppen vereint haben, egal ob hetero oder schwul oder jung oder alt oder reich oder arm. Wie war dein Verhältnis zu Helmut Zilk? Der Zilk, obwohl er mich geduzt hat, war bis zu seinem Ableben für mich immer ein großes Vorbild. Der hat sich durch nichts unterkriegen lassen, und er ist auch ziemlich oft angefeindet worden. Aber er hat ein natürliches und sehr professionelles Gespür gehabt, Dinge im Sinne auch der Zeit und der Anliegen zu begreifen. Er war ein Visionär für mich in Sachen Life Ball, während alle anderen sich bekreuzigt haben und in Panik ausgebrochen sind, hat der Zilk das wie ein Trüffelschwein gerochen, und hat mir sehr viel Vertrauen geschenkt und dieser Veranstaltung. Schon mit viel Sorge auch, er ist ja ein Riesenrisiko eingegangen. Kritiker_innen bemängeln, der Life Ball hätte sich von der schwulen Szene weit entfernt. Der Life Ball hat natürlich eine Entwicklung in allen Bereichen – um Gottes Willen, wenn wir dieselben Trends auslösen würden und uns statisch verhalten wie 1993, dann würde es längst keinen Life Ball mehr geben. Er ist einer Wandlung unterlegen wie alles in den letzten 20 Jahren. Vieles darf – Gott sei Dank – nach außen hin viel offener sein. Das meine ich jetzt nicht nur, was HIV und schwule Themen anbelangt. Der einzige Life Ball, der wahrscheinlich ein wirkliches Szene-Event war, war wahrscheinlich der allererste Life Ball – ein Event, den man sicher nicht wiederholen kann, weil keiner gewusst hat, was passieren wird. Er war von einem Engagement getragen von vielen Menschen, die heute nicht mehr leben. Und auch die Klientel natürlich war viel betroffener von HIV und Aids, zumal es damals noch immer ein Todesurteil war. Gleichzeitig hat sich die öffentliche Meinung zur Homosexualität stark geändert, sicher auch durch den Beitrag des Life Balls. In der Hinsicht bin ich unverbesserlicher Fanatiker und Idealist, in dem Glauben, dass diese reaktionären Einstellungen und Vorurteile gegen Schwule irgendwann einmal so unbedeutend werden, dass man nicht einmal mehr sagen muss, wie viel Prozent Schwule sind jetzt am Life Ball und wie viel Prozent Heteros. Alle Interviews von „Stonewall in Wien“: <http://www.qwien.at/stonewallinwien/>

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