office@qwien.at   +43 (0)1 966 01 10

Noch mehr nackte Männer

Linz ist immer eine Reise wert, aber besonders bis zum 17. Februar 2013, denn so lange läuft die Ausstellung Der nackte Mann im Lentos.

Dass im Wiener Leopold Museum just zur selben Zeit Nackte Männer zu sehen sind, hat die Lentos Direktorin Stella Rollig, die in Zusammenarbeit mit Sabine Fellner und Elisabeth Nowak-Thaller die Linzer Ausstellung kuratierte, naturgemäß wenig erfreut, als Ausstellungsbesucher_in darf man sich hingegen über zwei unterschiedliche Zugänge zum Thema des nackten Manns in der Kunst freuen, die sich auch wunderbar ergänzen. „Die Geschichte der Männlichkeit soll aus der Gegenwart gedacht werden“, charakterisiert Stella Rollig das Konzept der Ausstellung. In der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts wird nach einem Bild des Mannes gesucht, ob nach der Nacktheit als „Gewand des Helden“, den Vorstellungen vom perfekten Körper, aber auch nach der in der Industriegesellschaft um sich greifenden Entfremdung des Mannes von seinem Körper und dessen Verunsicherung durch Feminismus, Psychoanalyse und queere Auflösungsbestrebungen zugeschriebener Identitäten. Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt überraschend konventionell mit dem AKT, einem Raum, in dem der nackte Mann als entsexualisiertes Modell gezeigt wird. Selbst den ausgewählten Blättern von Anton Kolig fehlt hier die prickelnde Erotik, die viele seiner Zeichnungen kräftiger junger Männer sonst haben.

Das ändert sich in HÜLLENLOS. Nach den steifen Kerlen in Pose ist man wie als Kontrapunkt mit sehr persönlichen Bildern nackter Männlichkeit konfrontiert. In Eric Fischls Krefeldprojekt, Wohnzimmerszene 1, tritt einem ein nackter Mann entgegen, vor einer Wohnzimmercouch, in sich versunken aus einem Weinglas trinkend, eingefangen in einem unbeobachteten Moment unverstellter Intimität. Besonderen Wert wird in der Lentos Schau auf Positionen aktueller, besonders heimischer Künstler_innen, gelegt. In diesem Raum etwa Sigi Hofer, Moni K. Huber oder Elke Krystufek. Selbstentäußerung ist der nächste Schritt. SCHMERZsind zwei Räume überschrieben. Sich expressiv verrenkende Leiber bei Statuen von Anton Hanak oder Alfred Hrdlicka, Körperexperimente von Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler und Stelarc, der sich selbst auf einem Kran und an Fleischerhaken hängend über den Zuseher_innen seiner Performance schweben lässt. Hier fehlen auch nicht die zu erwartenden Darstellungen des hl. Sebastian, darunter auch – man darf schmunzeln – eine Fotoarbeit von Paul Albert Leitner Die Reise zum Hl. Sebastian (Gerald Matt auf Sofa).

Der unbelastete nackte Mann, unbeobachtet im Badehaus oder am Strand, in freier Natur zeigt eine Folge von Räumen, die mit ADAMüberschrieben sind – der Mann vor dem „Sündenfall“. Dass es einzelne Künstler_innen gibt, die sowohl in der Wiener als auch in der Linzer Ausstellung präsentiert werden, war erwartbar. Eine Installation der polnischen Künstler_in Katarzyna KozyraMänner im Badehaus, ist jedoch in beiden Ausstellungen zu sehen ist, was paradoxerweise einen grundsätzlichen Unterschied zwischen ihnen aufzeigt. Repräsentieren Kozyras Impressionen aus dem Budapester Gellert Bad in Wien den weiblichen Blick auf den nackten Mann, steht die Installation in Linz in einem inhaltlichen Kontext und wirft auch einen queeren Blick auf Männlichkeit, denn Kozyra mischt sich mit künstlichem Glied unter die sich unbeobachtet fühlenden Badenden Männer. Dem Beisammensein im Bade widmet das Leopoldmuseum einen eigenen Raum mit Künstlern wie Edvard Munch und Max Liebermann, die in auch in Linz gezeigt werden, und zeigt dabei die Entwicklung eines Sujets, das im ausgehenden 19. Jahrhundert modern wurde. Die Linzer Ausstellung bettet das populäre Sujet in einen größeren Zusammenhang mit Bildern, die den Mann in einer unbefangenen Natürlichkeit zeigen, auch wenn diese, wie in den Ständerfotos von Gelatin, schon ironisch gebrochen wird.

Pierre & Gilles ApollonIn KNABE wird der erotischen Aufladung des Epheben, die schon in manchen Badebildern wie auch in Bronzen wie Stehender Jünglingsakt von Georg Minne zu beobachten ist, dessen Verletzlichkeit entgegengesetzt, wie zum Beispiel auf dem Plakat der Ausstellung, dem Foto eines androgynen Jungens mit langem Haar und einer langen Narbe auf der Brust von Bernhard Prinz (Verwundung). Man möchte meinen, dass sich eine Männlichkeit, die sich ihrer selbst über ihre gesellschaftliche Macht so sicher ist, auch selbstsicher in POSE werfen kann. Doch „einen Mann zu malen, heißt, ihn zur Frau zu machen“, stellte die libanesisch-amerikanische Philosophin und Malerin Etel Adnan in Analogie zur erotischen Instrumentalisierung nackter Frauen in der Kunst fest. So hängt in diesem Raum ein Stehender Mann von Ilse Haider neben einem stehenden Spiegelakt von Anton Kolig, der Imperial Nude von Sylvia Sleigh, neben Robert Mapplethorpe oder Pierre & Gilles, weiblicher neben homoerotischem Blick auf den posierenden Mann. Daneben feiert Richard Avedon in seinem Akt von Rudolf Nurejew die Pose während sie Matthias Herrmann in seinen Textpieces ironisiert, wie Bernadette Huber in ihrem Buchobjekt Ausland Seite 5, einer der witzigsten Arbeiten der Ausstellung.

ALTER ist in unserer Gesellschaft ähnlich tabuisiert wie der nackte Mann. Hier dominieren stille Arbeiten von Ron Mueck, dessen Objekt Ohne Titel (Mann in Decken) einen alten Mann in Größe und Haltung eines Babies geschützt in Decken eingehüllt zeigt, ein weiteres berührendes Werk von Eric Fischl oder Fotoarbeiten von John Coplans, dessen Selbstporträts derzeit auch in der Wiener Albertina zu sehen sind (Besprechung hier). Verlässt man den Raum könnte man das kleine Porträt von Leigh Bowery von Lucien Freud fast übersehen. Bowery, dem ebenfalls in Wien eine Ausstellung in der Kunsthalle gewidmet ist, zeigt Freud gar nicht schrill sondern in sich zurückgezogen, still und auch einsam, obwohl kaum dreissig Jahre alt als alten Mann.

Nach dieser Reihe kleiner Räume öffnet sich ein großer Saal, der locker und durchlässig mit der Abteilung SCHWUL beginnt und damit die Bedeutung des schwulen Blicks für das Bild des Mannes würdigt. Fotos vom Ahnvater der homoerotischen Aktfotografie Wilhelm von Gloeden, von Herbert List oder Andy Warhol, eine zarte Zeichnung von David Hockney und Großformate von Salomé und Gilbert & George zeigen eine breite Palette an schwulen Männerbildern. Sex wird in Linz nicht ausgespart, auch wenn die fickenden Ledermänner von Tom of Finland mit einem Lätzchen verhängt werden. In einem Grenzbereich zur Abteilung BIZEPS, die nur locker von den schwulen Männerbildern getrennt ist, hängen Grafiken des schwulen deutschen Künstlers Sascha Schneider, der die Objekte seines Begehrens, sportliche Jünglinge, in antikisierendem Gewand turnen lässt. Der Körper wird geformt, zum begehrten Objekt, dessen schmerzhaftes Fehlen das leere Podest für einen Gogo-Tänzer von Felix González-Torres symbolisiert, ein Aids-Memorial, das einmal täglich ohne Vorwarnung für genau fünf Minuten von einem Tänzer in knappen silbernen Shorts, mit i-Pod und Kopfhörern betanzt wird. Der trainierte Körper gewinnt in Zeiten von Aids an Bedeutung, vermittelt (vermeintlich) Gesundheit und Kraft, eine Idealisierung die auch in Kunstwerken zu finden sind, die die Formierung des Körpers für ihre politischen Zwecke nutzen. Die Bodybuilder der Blue Noses Group ironisieren dieses bedrohliche Körperbild zwar, doch lässt es sich nicht ausblenden.

Das interessiert Dich vielleicht auch ...

de_DEDeutsch
en_GBEnglish (UK) de_DEDeutsch