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Fassbinder ersetzt alle Drogen

Die letzte Lebengefährtin von Rainer Werner Fassbinder hat eine Interviewbuch über den Starregisseur zusammengestellt. Marliese Mendel hat es gelesen. Juliane Lorenz hörte ihren Mann nicht mehr schnarchen. Da wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Ihr Lebensgefährte Rainer Werner Fassbinder lag tot am Sofa. Genauso schnell, wie er gelebt hatte, war er gestorben: an einer Überdosis Kokain und Schlaftabletten. „Er hat sich ohne jedes Brimborium ins Jenseits abgesetzt, ist ohne Dramatik verschwunden“, erzählte der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, dem er auch gesagt hatte: „Es geht mir ein bisschen wie Mozart, ich habe mein Werk abgeschlossen.“ Aber neben der Leiche lag noch das Skript zu seinem Filmprojekt Rosa L. und Notizen zur Verfilmung des Lebens seiner ersten Frau – beide unfertig. Der Trinker und Kettenraucher hatte in weniger als 15 Jahren 40 Filme, 3 Kurzfilme, 4 Fernsehserien gedreht und 24 Theaterstücke und 4 Hörspiele geschrieben. Rudolf Augstein sagte dazu: „Wenn er Samstags eine Idee herausließ, war am Montag das fertige Konzept, ja sogar ein fertiger Filmentwurf auf dem Tisch.“ Sein enormes Arbeitstempo forderte alle, die in seinen Produktionen mitwirkten. Sein Regieassistent Harry Baer brachte es auf den Punkt: „Es wurde ein Film nach dem Anderen produziert. Völlig verrückt. Man brauchte kein Speed, es genügte ein Schlückchen Fassbinder zu nehmen.“ Familienzwist Lorenz traf einige von denen, die „ein Schlückchen Fassbinder getrunken“ hatten: Seine Ex-Frauen, Kameramänner, Schauspieler und Verleger. In 41, für das Buch Das ganz normale Chaos geführten Interviews, erlebte sie selbst einige Überraschungen und erfuhr erstaunliches über den Mann, der immerhin über 6 ½ Jahre ihr Lebenspartner gewesen war. 2012 erschien die überarbeitete Version mit einem zusätzlichen Interview. Fassbinders Vater spricht über seinen Sohn, die Familienverhältnisse und die berühmten Frauen im Clan. Helmut Fassbinders Verhältnis zu einem Sohn war zeitlebens angespannt und nach dessen Tod kam es zu Streitigkeiten über dessen Nachlass. Zu Wort kommt auch der Cousin Egmont Fassbinder, Gründer des Verlags Rosa Winkel; allerdings halten sich die Berührungspunkte im Leben der Beiden in Grenzen. Zigaretten im Tee Aber selbstverständlich dürfen Einzelheiten zur Entstehung von Filmen und Theaterstücken sowie persönliche Erfahrungen nicht fehlen. Zwischen Passagen, die dem ausschweifenden Leben Fassbinders nicht gerecht werden, erfährt man ab und zu auch dramatische Details über geplante Mordanschläge, unromantische Hochzeitsnächte und verweigerte Bluttests. So öffnete dem Kameramann Xaver Schwarzenberg ein in ein Leintuch gehüllter Mitbewohner Fassbinders und wunderte sich, dass jemand so früh am Morgen (es war immerhin 11 Uhr) Fassbinder sprechen wolle. Mueller-Stahl war erzürnt, weil seine Schauspielkollegen für den Film Lola die doppelte und dreifache Gage erhielten wie er. Als Fassbinder Mueller-Stahls Unmut merkte, erlaubte er ihm, im Film einfach alles zu machen, worauf er Lust habe. Mueller-Stahl rührte daraufhin seinen Tee mit einer brennenden Zigarette um und Fassbinder war begeistert. Mit Mario Adorf hingegen saß der Meister stundenlang zusammen und schwieg. Fußball statt schlechte Poesie Seine alleinerziehende und oft krankheitbedingt abwesende Mutter Liselotte Eder hatte versucht, ihren Sohn von der Familientradition, schlechte Poesie zu schreiben, abzuhalten. Sie kaufte ihm Fußballschuhe und gab ihm Bauklötze, tat alles, um zu verhindern, dass er ein dilettantischer Dichter würde. Glücklicherweise versagte die Erziehungsmethode; schon mit elf Jahren nahm er mit seinen Schulkollegen Hörspiele auf und schrieb Geschichten. Später, als Fassbinder berühmt war, musste sie ihn vor dem Gefängnis bewahren: In all den Jahren hatte Fassbinder keine Steuererklärung gemacht. Im letzten Moment arbeitete seine Mutter elf Jahre Buchhaltung auf und Fassbinder konnte weiter in Kaffeehäusern Drehbücher schreiben, statt aus dem Gefängnis Regieanweisungen zu geben. Schwulenclub Für scheinbare Nebensächlichkeiten hatte Fassbinder keine Zeit: Selbst am Tag seiner Heirat mit Ingrid Caven im Jahr 1970 drehte er in einer Kneipe Szenen für den Film Der amerikanische Soldat. Die Ehe hielt nicht lange. Nicht nur wegen seiner Arbeitswut: Fassbinder verliebte sich immer wieder auch in heterosexuelle Männer und war häufiger Besucher von Schwulenclubs. Caven wusste von Fassbinders Affären und war durchaus gewillt, diese zu akzeptieren. Trotzdem kam es nach zwei Jahren zur Trennung. Bluttest Auch weitere Beziehungen Fassbinders endeten oft dramatisch. Sein Partner Armin Meier nahm sich nach der Trennung das Leben. (Der im Buch aufgestellten Behauptung, auch der marokkanische Schauspieler und Geliebte Fassbinders, El Hedi Ben Salem, habe Selbstmord begangen, widerspricht jedoch die Dokumentation Ali im Paradies). Nach Meiers Selbstmord lernte Fassbinder Juliane Lorenz, die Autorin des Buches kennen; sie heirateten vor einem Friedensrichter in Fort Lauderdale. Seine zweite Ehefrau war die Autorin des Buches. Fassbinder gab ihr vor einem Friedensrichter in Fort Lauderdale das Jawort; die Ehe war jedoch ungültig, weil Fassbinder den in den USA vorgeschriebenen Bluttest verweigert hatte. Noch in der Hochzeitsnacht soll der frisch gebackene Ehemann mit einem Mann ins Bett gegangen sein. Auftragsmörder All seine Erlebnisse ließ Fassbinder in Filme einfließen, arbeitete seine „Nicht-Kindheit“ auf und thematisierte seine Beziehungen mit Männern und Frauen. Ob er den vom Schauspieler Kurt Raab angeheuerten Auftragsmörder in eine seiner Werke einbezog, geht aus dem Buch nicht hervor. Trotz des gescheiterten Mordanschlags  wurde Fassbinder nicht alt, ganz nach dem Spruch: „Lieber nur 37 Jahre, aber dafür richtig.“ Ein Interviewband kann nie vollständig Auskunft über die Biographie eines Menschen geben. Noch dazu sind Interviews immer sehr subjektiv. Die Gespräche verheddern sich manchmal in Nebensächlichkeiten. Das Buch scheint deshalb für Fassbinder-Einsteiger nicht wirklich geeignet zu sein. Juliane Lorenz: Das ganz normale Chaos. Gespräche über Rainer Werner Fassbinder. Berlin: Henschel 2012 erhältlich bei Löwenherz]]>

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