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Identität und Migration

Zwei neue wissenschaftliche Arbeiten setzen sich mit Homosexualität im Zusammenhang mit Migration, Homophobie und Islamophobie auseinander. In seinem Buch Der postethnische Homosexuelle. Zur Identität ’schwuler Deutschtürken‘ beschäftigt sich Wenzel Bilger erstmals mit Männern türkischer Herkunft, die sich als schwul definieren. In den Debatten um eine sogenannte Leitkultur in Deutschland (aber auch in Österreich, auch wenn das nicht der Untersuchungsgegenstand Bilgers ist) wurde der Islam oft als frauenfeindlich und homophob dargestellt und die unterstellte strukturelle Frauenfeindlichkeit bzw. Homophobie gegen ihn ausgespielt. Dass die Beziehungen zwischen dieser sogenannter „Parallelgesellschaft“, die sich aus Muslim_innen und/oder Zuwander_innen zusammensetzt, und Homosexualität nicht so simpel sind, wie es in medialen Kampagnen dargestellt wird, liegt auf der Hand, wie genau sich diese Gemengelage verhält, wird von Bilger in seiner Arbeit untersucht. Selbst in schwulen Medien ist von „türkischen Hormonbolzen“ [(c) Peter Rehberg für Männer]die Rede, mit negativer Konnotation, wenn es um Gewalt gegen Schwule geht, unter vermeintlich positiver Konnotation, wenn es um die begehrte sexuelle Potenz geht, doch sind beide ähnlich ausschließend, wie Berichte von Zwangsverheiratungen und Ehrenmorden wegen sexueller Abweichung. Einerseits hat sich, insbesondere in Großstädten, eine relativ selbstbewusste Subkultur – Stichwort: Homoriental – entwickelt, andererseits sind türkische Männer „ohne explizit heterosexuelle Identität“, wie Bilger vorsichtig formuliert, in ihrer Herkunftskultur vielfach Diskriminierungen ausgesetzt. „Welche Formen von Identität [konnten] männliche Deutschtürken der zweiten und dritten Generation, die Sex mit Männern haben, […] hervorbringen?“, fragt Bilger, wobei es ihm bei seiner Untersuchung besonders um die „Semantik der Männlichkeit“ ging. Verstehende Interviews mit „schwulen Deutschtürken“ bilden die Basis für die theoretischen Überlegungen und die Untersuchung der künstlerischen und politischen Repräsentation. Bei ihrer Identitätsfindung unterliegen die Interviewten sowohl einer Selbst- als auch Fremdethnisierung, also Zuschreibungen ganz unterschiedlicher Art. Auch Fragen der Sexualität, Männlichkeit und Intimität werden von Wenzel Bilger untersucht. Die Auswertung der Gespräche führt Bilger zu drei Identifikationsordnungen für den postethnischen Homosexuellen, die Felder des Rechts, der Ökonomie und der Bildung. Er stellt dabei fest, dass die von ihm befragten Männer ein hohes Maß an Ambivalenz gegenüber ihrer ethnischen Herkunft haben, was zu „einer deutlichen Instabilität“ bei der Indentitätsarbeit führt. Wird diese überwunden und passt er sich an die in einer heteronormativen Gesellschaft akzeptierten „Modelle der Homosexualität“ an, „wird ihm so eine gelungene und gelungene kohärente Identität ermöglicht“. Binationalen Paaren widmet sich Zülfukar Çetin in seiner Studie Homophobie und Islamophobie. Intersektionale Diskriminierungen am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin. Ausgehend von Rassismustheorien entwickelt Çetin seine theoretischen Überlegungen und Begriffsklärung zu Homophobie und Islamophobie. Auch bei ihm bilden Interviews das Ausgangsmaterial, wobei er sich auf die differenzierte Analyse von sechs Fallbeispielen beschränkt. Diese rekonstruktive Auswertung der ausgewählten Interviews geht detailreich in die Tiefe (sie umfasst mit 220 Seiten mehr als die Hälfte des Buches), um am Ende nach dem Konzept der biografischen Gesamtforschung zusammengefasst zu werden. Mit der Methode der minimalen und maximalen Kontrastanalyse werden die Interviews noch einmal verglichen und die drei sich herauskristallisierenden Gruppen (türkische Herkunft, binationale Eltern, deutsche Herkunft) auf unterschiedlichen Vergleichsebenen gegenübergestellt. Diskriminierungserfahrungen mit biologischem, kulturellem oder institutionellem Rassismus werden in diesem Gruppen unterschiedlich erfahren. Die daraus abgeleiteten Differenzen, die Auseinandersetzung mit Mehrfachdiskrimierungen sollen nach Ansicht Zülfukar Çetins, der sich selbst in der Antirassismusarbeit und kritischen Migrationsforschung engagiert, auch in Sozialprojekte Eingang finden. Wenzel Bilger: Der postethnische Homosexuelle. Zur Identität „schwuler Deutschtürken“. Bielefeld: transcript Verlag 2012 (Queer Studies 5) erhältlich bei Löwenherz Zülfukar Çetin: Homophobie und Islamophobie. Intersektionale Diskriminierung am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin. Bielefeld: transcript Verlag 2012 Queer Studies 3) erhältlich bei Löwenherz]]>

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