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Der Parade-Nazi

Verfasst von am 15. Mai 2012 – 13:47Kein Kommentar

Sein frühes Lebensende im Jahr 1942 änderte nichts an der Angst, die allein sein Name verbreitete: Reinhard Heydrich, einer von Hitlers brutalsten Karrieristen, wurde zum Thema einer präzisen und lesenswerten Biografie. Robert Gerwarth analysiert darin den beruflichen Aufstieg des fanatischen Nationalsozialisten und Judenhassers. Ein wenig erfährt man auch über die Verfolgung der Schwulen, für die er ebenso mitverantwortlich zeichnete.

Reinhard Heydrich, ca. 1940 (c) Bundesarchiv, Quelle Wikipedia

Reinhard Heydrich entstammte einem gutbürgerlichen, musikalischen Elternhaus, sein Vater war bekannter Komponist und Opernsänger, baute rund um die Jahrhundertwende ein Konservatorium in Halle an der Saale auf, das bis in die 1920er Jahre prächtig lief. Weltanschaulich war man zunächst dem wilhelminischen Kaiserreich und später der völkischen Rechten verbunden, der 16-jährige Reinhard wurde Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes von Halle. Mit 18 trat er in die Reichsmarine ein, als Seekadett, der von seinen Kameraden als eigensinnig und als Sonderling angesehen wurde. Er begann ein Verhältnis mit einer unbekannten Frau, mit der er sich ab und zu am Wochenende traf, und widmete sich seiner Karriere und vor allem dem Sport.

1930 lernte er Lina von Osten kennen, die sieben Jahre jünger war als er, und glühende Nationalsozialistin und Antisemitin. Zwei Wochen später waren sie verlobt, doch der Ehe standen zwei Dinge entgegen: Heydrich hatte seiner ehemaligen Geliebten die Verlobungsanzeige mit Lina von Osten zugesandt, was jene bzw. ihr Vater mit einer Eingabe an die Marineleitung wegen des damit erfolgten „gebrochenen Hochzeitsversprechens“ quittierten und zur Entlassung Heydrichs aus der Marine führte, aber nicht wegen des Umstandes der vorehelichen Beziehung an sich (wer hatte das nicht?), sondern wegen Heydrichs arrogantem Auftreten vor dem Marinegericht, in dem er seine Ex-Geliebte dermaßen anschwärzte und belastete, dass die Marineleitung die „Würde“ der Seestreitkräfte verletzt sah. Der zweite Hinderungsgrund für die Ehe resultierte daraus: Heydrich hatte kein Geld. Der von der Schwiegerfamilie eingefädelte erste Job bei der NSDAP brachte auch zu wenig Geld für die Existenzsicherung, die Partei hatte 1931 noch nicht viele, gutdozierte Jobs zu vergeben.

Als Heydrich in diesem Jahr Heinrich Himmler vorgestellt wurde, beauftragte ihn dieser mit einer raschen Skizze für den Aufbau und die Organisation eines Nachrichtendienstes, eine Aufgabe, die er mit dem intellektuellen Rüstzeug seiner Lektüre von Kriminal- und Spionageromanen zu Himmlers bester Zufriedenheit erfüllte, da Himmler selbst keine solchen Romane gelesen hatte. Heydrich baute nun den Sicherheitsdienst der SS auf.

1933 änderte sich alles. Partei und SS hatten plötzlich legalen Zugang zur Macht. Die verschiedenen polizeiähnlichen Parteieinheiten wie Gestapo, SS und SD wurden allmählich mit der staatlichen Polizei verschmolzen, Reinhard Heydrich wurde zunächst stellvertretender Chef der bayrischen Polizei, durch seine und Himmlers sorgsame Machtpolitik bald zum Chef des preußischen Gestapa (Geheimes Staatspolizeiamt). Er zog nach Berlin und nahm einen seiner zuverlässigsten Beamten aus München mit, Josef Meisinger. Die Berliner Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße wurde unter Heydrich zur Zentrale des nationalsozialistischen Terrors, Meisinger baute darin die kleine Abteilung auf, die sich der Schwulenverfolgung („Sonderdezernat II S Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“) widmete.

Josef Meisinger (c) Wikipedia

Beider Karrieren liefen blendend: Sie trugen die fingierten Beweise für den sogenannten „Röhm-Putsch“ zusammen, mit dessen „Niederschlagung“ die Führungselite der SA ermordet oder entmachtet wurde. 1939 werden auf Wunsch von Himmler und Heydrich der SD und die Sicherheitspolizei zum Reichssicherheitshauptamt fusioniert, als dessen Chef Heydrich installiert wird. Schon 1936 wurde Josef Meisinger zum Leiter der „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“. Genau legt Robert Gerwarth dar, dass es sich bei Heydrich nicht um den ideologiefreien Karrieristen handelte, sondern dass seine Karriere zwar durchaus nicht ohne Ellbogen, aber auch nicht ohne ideologische Basis geschah. Ähnliches ist für seinen treuen Mitarbeiter Meisinger zu vermuten.

Ins Stolpern gerieten die geradlinigen Aufsteiger dann durch die Fritsch-Affäre: Werner von Fritsch, Oberbefehlshaber des Heeres, wurde der Homosexualität bezichtigt, Heydrich und Meisinger betrieben die Ablöse des auch bei Hitler in Ungnade gefallenen Militärs. Josef Meisinger fuhr sogar nach Ägypten, an den Ort, an dem von Fritsch Urlaub gemacht hatte, um Beweise für dessen Homosexualität zu finden. Von Fritsch wurde abgesetzt, Hitler hatte damit handstreichartig auch die Schaltstellen der militärischen Macht besetzt. Man wartete auf den Prozess.

Der sich als Untergang erwies. Die Anklage brach in sich zusammen, die Gestapo war blamiert, Heydrich hatte Angst vor dem Karriereknick. Und Josef Meisinger erlebte ihn. Er wurde strafversetzt ins Archiv des Hauptamtes des Sicherheitsdienstes (SD), wo er bis zum Überfall auf Polen blieb (Dort wird ihm später die Sicherheitspolizei für den Distrikt Warschau anvertraut, er verantwortet dort die brutalsten Ausschreitungen, Terrormaßnahmen und Massenerschießungen. 1945 wird er von den Alliierten verhaftet werden und 1947 vom Obersten Gerichtshof in Warschau zum Tode verurteilt werden). Am deutschen Überfall auf Polen war Heydrich bereits wieder federführend dabei, er inszenierte schon im Vorfeld einige der „Zwischenfälle“, die als polnische Provokationen den deutschen Einmarsch legitimeren sollten.

Zeitgleich machte Heydrich den Sicherheitsdienst zu einer Schlüsselinstitution der Judenverfolgung und Judenvernichtung: 1938 hatte er Adolf Eichmann nach Wien geschickt, um dort die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ einzurichten, sie wurde zum Vorbild für die im Januar 1939 eingerichtete „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“ in Berlin. Denn zunächst sollten die Juden durch ein System von Enteignung und Vertreibung aus dem Reich gedrängt werden. Bald wechselte die antijüdische Agenda aber von der Vertreibung zur Ermordung, Reinhard Heydrich organisierte und überwachte Massenerschießungs-Kommandos. Am 31. Juli 1941 wurde er von Hermann Göring beauftragt, alle erforderlichen Vorbereitungen für eine „Gesamtlösung der Judenfrage“ zu treffen, seien sie finanzieller, organisatorischer oder verwaltungstechnischer Natur, was ihn dazu veranlasste, die dafür erforderliche große Koordinations-Sitzung, die „Wannsee-Konferenz“, abzuhalten.

Er wurde am laufenden Band belohnt: 1941 wurde er zusätzlich zu seinen polizeilichen Leitungsfunktion zum stellvertretenden „Reichsprotektor für Böhmen und Mähren“ ernannt. Dort „arisierte“ er ein Landgut, das dem österreichischen Zuckerfabrikanten Ferdinand Bloch-Bauer und seiner Frau Adele (heute weltberühmt, da von Klimt als „Goldene Adele“ verewigt) gehörte. Wieder errichtete Heydrich ein System drakonischer Brutalität und Willkür, für die ansässigen Juden ließ er das KZ Theresienstadt errichten. Er war am Zenit seiner Macht.

Der tschechische Widerstand, vor allem die tschechische Exil-Regierung in London, wussten, dass sie von den führenden Nationalsozialisten noch am ehesten Heydrich erwischen würden. Er fuhr täglich vom Hradschin in die Prager Innenstadt eine kurze Strecke im Cabrio, auf der er so gut wie ungesichert war. Die Attentäter Jozef Gabčík und Jan Kubiš warteten an einer Haarnadelkurve und verletzten Heydrich lebensgefährlich, er starb eine Woche später an den Folgen der Verletzung.

Die Vergeltung der deutschen Besetzer für das Attentat auf Heydrich war entsetzlich. Man unterstellte den Dörfern Lidice und Ležáky, die Täter beherbergt zu haben (was sich später als falsch herausstellte), und zerstörte sie vollends. Die Männer der Dörfer wurden getötet, die Frauen in Lager verschleppt, die Kinder entweder vergast oder in deutsche „Lebensborn“-Heime verbracht. Sogar Heydrichs Tod hinterließ die Blutspuren Hunderter Unschuldiger.

Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich. Biographie. München: Siedler 2011, € 30,90

 

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