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Gay Lives. Lebensgeschichten

Verfasst von am 20. Juni 2012 – 08:14Kein Kommentar

Ein neues Buch über Schwule und Lesben in der Geschichte, das viele Bücher über „unsere“ Berühmtheiten in den Schatten stellt.

Als dieses Buch auf meinem Schreibtisch landete, dachte ich spontan – nicht schon wieder ein Buch über berühmte Homosexuelle. Aber ich habe mich geirrt: Das noch dazu wunderschön bebilderte Buch von Robert Aldrich bietet einige Überraschungen. Weder geht es Aldrich um ein Best-of noch hat er einen eingeschränkten Blick auf die westliche Welt. Die Auswahl der behandelten Persönlichkeiten folgt einem sehr offenen Blick auf Homosexualität. „Sexuelle Orientierung hat hier gleichermaßen emotionalen wie physischen Aspekt – es geht um das Maß intimer Verbundenheit, nicht nur den Geschlechtsverkehr, es geht um Liebe ebenso wie um Begierde.“

Walt Whitman, um 1860 © Brady-Handy Photograph Collection/Library of Congress, Washington

In zwölf Kapiteln macht sich Aldrich auf eine Zeitreise. Er hebt an mit einem rätselhaften Männerpaar aus dem alten Ägypten. Kann man die innigen Darstellungen der beiden Freunde Chnumhotep und Nianchchnum in ihrem Grab als gleichgeschlechtliche Beziehung deuten? Das ist vielleicht nie eindeutig zu entscheiden, sei aber auch unerheblich, meint Aldrich, denn die unbestimmte Art ihrer Beziehung ist „als Illustration der in vielen Kulturen durchlässigen Grenzen zwischen Zuneigung, Freundschaft, Intimität sowie sexuellem Verlangen und dessen Verwirklichung“ zu verstehen. Nach altbekannten Persönlichkeiten wie Sappho oder Hadrian zeigt sich die Bandbreite von Aldrichs Ansatz: Chen Weisong war ein hochangesehener Dichter im China des 17. Jahrhunderts, er hatte Frau und Kindern und lebte mit dieser und seinem Geliebten Xu Ziyun ganz selbstverständlich in einer großen Patchwork-Familie.

In den wenige Seiten langen biografischen Abrissen verbindet Aldrich lebens- oder werkgeschichtliche Informationen immer mit einer Schilderung der Zeitumstände, die es ermöglicht das erzählte Leben in einen größeren historischen Kontext zu stellen. Natürlich ist er sich auch bewusst, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen in unterschiedlichen Kulturen anders gesehen werden und nicht immer unser westlichen Maßstäbe das Maß aller Dinge sein können. Das zeigen besonders auch die Kapitel über Liebe in der Levante und in Japan. Die Vielfalt der Lebensbeschreibungen ist überraschend und erfreulich. Neben dem mittelalterlichen Mönch Aelred von Rievaulx steht Michelangelo, gefolgt von der barocken Nonne Benedetta Carlini. Es gibt bei den Biografien einen leichten Überhang an Männern, das nicht nur durch ein eigenes Kapitel über Frauen, die Frauen liebten, ausgeglichen wird, auch in den anderen Kapiteln finden sich interessante lesbische Lebensentwürfe, wie die niederländische Musikerin und Widerstandskämpferin Frieda Belinfante.

Es ist hier unmöglich die pralle Vielfalt gleichgeschlechtlichen Lebens und Liebens nachzuerzählen, die Aldrich mit 80 Biografien auf 300 Seiten darstellt. Besonders hervorheben möchte ich noch das letzte Kapitel, das sich den internationalen Lebensentwürfen der Moderne widmet, und bei dem uns Aldrich auf eine Weltreise der Möglichkeiten mitnimmt – Indien, Jamaika, Sri Lanka, Algerien oder Kuba gehören zu diesen Stationen. Robert Aldrichs Buch ist ein Bereicherung auf dem sonst inhaltlich oft recht eingeschränkten Markt biografischer Bücher über gleichgeschlechtlich liebende Menschen in der Geschichte.

Robert Aldrich: Gay Lives. Lebensgeschichten. Köln: DuMont 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

 

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