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Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs

Verfasst von am 22. Juni 2012 – 12:38Kein Kommentar

Die Kunsthalle Wien zeigt eine schwierige Ausstellung über das Werk von William S. Burroughs, die wohl nur SpezialistInnen und Fans des exzentrischen Künstlers begeistern wird.

William S. Burroughs ist eine Ikone: der Literatur des 20. Jahrhunderts, der Beat Generation und ihrer Nachfolger und ja auch der Schwulen. Das aber wohl mehr, weil er offen schwul oder bisexuell lebte und nicht so sehr wegen seines Werk. Junkie, Queer oder die Wild Boys gehören zwar zum Kanon schwuler Literatur, Bestseller waren sie aber alle nicht. Vor allem durch die Verehrung, die Burroughs von zahlreichen PopkünstlerInnen wie Frank Zappa, Lou Reed und nicht zuletzt Patti Smith erfuhr, erlangte er späte Popularität. Das immer wieder aufflackernde Interesse an den Hauptprotagonisten der Beat Generation, seiner engsten Freunde Jack Kerouac oder Allen Ginsberg, zieht auch Burroughs regelmäßig ins Rampenlicht. Die Kunsthalle Wien versucht es nun mit einer von den Burroughs-Experten Colin Fallows und Synne Genzmer (Kunsthalle Wien) kuratierten Ausstellung über Burroughs künstlerische Methoden, die selbst Einfluss auf die Pop-Kultur hatten.

Brion Gysin, William S. Burroughs, Danger, Paris 1959; The Barry Miles Archive

Bereits in seinem ersten literarischen Werk, der Co-Produktion mit Jack Kerouac Und die Nilpferde kochten in ihrem Becken experimentierte er mit Erzähltechniken, indem die beiden Autoren abwechselnd die Kapitel verfassten. Als der Künstler Brion Gysin 1959 eher zufällig die Cut-up Methode entdeckte, erkannte Burroughs sofort deren revolutionäres Potential für sein Werk. Aus vorhandenem Material, aus Zeitungen, Texten, später auch Bildern werden neue Werke komponiert – gesampelt würde man heute sagen. Die Dadaisten nannten die Methode schlicht Collage. Also ganz so neu war die Methode nicht, wie Burroughs aber aus dem mit dem Stanleymesser zerschnittenen Text einen neuen, inhaltlich und stilistisch „schneidenden“ Text produzierte, schildert Jon Savage in seinem Katalogbeitrag sehr gut nachvollziehbar:

William S.Burroughs, Brion Gysin, Untitled (p. 157), ca.. 1965; Los Angeles County Museum of Art (c) Estate of William S. Burroughs

Burroughs zerschnitt einen Artikel über die Beat Generation aus dem Life Magazin und mischte die Papierstreifen zu Open Letter to Life Magazine, was einerseits witzig war, weil „die Phrasendrescherei und die laxe Weltsicht des Massenjournalismus in ein scheinbares Kauderwelsch vermanscht“ wurde. „Die Herausstellung von Wendungen wie ’negro snapped the degradations of addiction‘ [‚Neger knipste die Untiefen der Sucht‘] erzählen indes noch eine andere Geschichte. Es ergab sich nicht nur ein neuer Sinn, der die abwiegelnde Intention des Originals unterlief, sondern eine neue Sprache.“ (Savage)

Gerne würde man dieses Beispiel in der Ausstellung sehen, vielleicht ist es ja tatsächlich ausgestellt, aber die Ausstellung hat ein Problem – Papier. In langen Vitrinen werden in unzähligen Beispielen verschiedene Versuche und Varianten der Cut-up Arbeiten von Gysin und Burroughs aneinandergereiht, wie ein in seine Einzelblätter zerlegtes Buch. In dieser Masse inhaltliche Feinheiten, wie die von Savage geschilderte, zu entdecken, ist schlicht unmöglich. Dass Burroughs später ganze Romane mit dieser Methode montiert hat, wird erläutert und ist anhand der Exponate erahnbar, aber nicht wirklich nachvollziehbar. Ergänzt wird dieser zentrale Teil der Ausstellung durch Collagen von Burroughs aus allen Schaffensperioden und durch die berühmten, fragwürdigen Arbeiten, die der Künstler und Waffennarr mit seiner Kanone (keine Ahnung ob Colt, Revolver oder Gewehr) durchlöchert hat.

William S. Burrough, 45 Long Colt 5 Shots, 1992, Mugrabi Collection, (c) Estate of William S. Burroughs

Ab Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich Burroughs auch mit Tonexperimenten, indem er unterschiedliche Soundelemente, gesprochene Texte und Geräusche zu dichten Soundcollagen montierte, mit simpelster Technik, aber höchst wirkungsvoll. Mit diesen Collagen beeinflusste er wiederum Generationen von PopmusikerInnen, von den Beatles bis David Bowie, von Laurie Anderson (Language Is A Virus) bis Sonic Youth. Solche Einflüsse in der Ausstellung nachzuhören, bleibt BesucherInnen aber auch verwehrt. Auf einer Hörstele kann man sich in die mitunter recht monotone Klangwelt von Burroughs einhören, bekommt eine Ahnung davon, was daran Mitte der 1960er Jahre revolutionär war, die Auswirkungen seiner Tonkunst auf die Geschichte der Popmusik kann man aber nur im Katalog nachlesen und sich daheim anhören, so man/frau die entsprechende Musiksammlung hat.

Dass Burroughs seine Cut-up Technik auch auf Filme anwandte, ist in einem letzten Raum zu sehen, den der Rezensent aus Erschöpfung über die Fülle des zu lesenden Materials aber ausgelassen hat. Vielleicht wäre dort die spannende Erleuchtung gekommen, die in der papierenen Ausstellung zu vermissen ist. Lesen kann man auch den Katalog zur Ausstellung, der zweisprachig in die Methodik von William S. Burroughs einführt, Interviews von und mit Weggefährten bringt und einen handlichen Überblick über die Montagearbeiten bringt, denn mit einem hat Burroughs sicherlich recht: „Life is a cut-up. As soon as you walk down the street your consciousness is being cut by random factors. The cut-up is closer to the facts of human perception than linear narrative.“

Die Ausstellung „Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs: Die Kunst des Williams S. Burroughs“ läuft noch bis 21. Oktober in der Kunsthalle Wien, Museumsquartier, täglich 10-19 Uhr, Donnerstag 10-21 Uhr

Info: www.kunsthalle.at

Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag für Moderne Kunst erschienen.

 

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