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Biografisches

Verfasst von am 26. September 2012 – 14:18Kein Kommentar

In den letzten Monaten sind einige (auto) biografische Bücher über und von homosexuelle Männer erschienen. Es ist noch gar nicht so lange her, das wurde das „peinliche Thema“ in Biografien oft umschifft. QWIEN hat die aktuellen Bücher gelesen.

Rainer Werner Fassbinder

Nun war Fassbinders Homosexualität schon zu Lebzeiten kein Geheimnis, so ist es auch nicht verwunderlich, dass sie auch in Jürgen Trimborns Biografie über den vielleicht wichtigsten, auf jeden Fall aber produktivsten deutschen Regisseur der Nachkriegszeit breiten Raum einnimmt. Bekannte, frühere Biografien über Fassbinder stammten oft von Mitgliedern des Fassbinder-Clans wie etwa die von Harry Baer oder Kurt Raab und pendelten zwischen Hagiografie und Abrechnung, die aktuelle von Jürgen Trimborn hingegen zeichnet sich vor allem durch eine entsprechende historische Distanz zum biografierten Subjekt aus. Trimborn wurde 1971 geboren, da hatte Fassbinder schon ein halbes Dutzend seiner mehr als 40 Filme zwischen 1969 und 1982 abgedreht. Auch das Lebensgefühl der bundesrepublikanischen Aufbruchsjahre zwischen Studentenrevolte und RAF kennt der Biograf nicht aus eigenem, bewusstem Erleben, was ihm einen ausgewogeneren, nicht involvierten Blick auf die für Fassbinder so zentralen politischen Fragen der Zeit ermöglicht. So kann er, ohne verletzend zu werden, Fassbinder als egomanen Exzentriker schildern, der vor allem die Frauen in seinem Umfeld mit sadistischen Machtspielen quälte, und daneben den künstlerischen Werdegang Fassbinders in seiner Verwobenheit in der Zeit nachzeichnen. Und Trimborn kann etwas, das vielen Biografen abgeht: Er kann schreiben. Mühelos baut er zahllose Belegstellen (denn Trimborn hat auch glänzend recherchiert) in seinen flüssig, lesbaren Text ein, hinterfragt immer wieder überlieferte Geschichten und versucht die Zeitumstände, die Einflüsse und Anregungen, die Fassbinder aufnahm, darzustellen. Dazu schafft es Trimborn auch das ausufernde, verschiedenste Themen aufnehmende Werk Fassbinders darzustellen, seinen Aufstieg zum Starregisseur, aber auch seine Rückschläge und ständigen Selbstzweifel.

Jürgen Trimborn: Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben. Rainer Werner Fassbinder. Die Biografie. Berlin: Propyläen 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

Werner Schroeter

Einem viel kleineren Kreis ist Werner Schroeter, Freund und Weggefährte Fassbinders, bekannt. Er blieb immer ein Außenseiter, sowohl als Film- als auch als Theaterregisseur. Spät erst erlangte er Anerkennung, als ihm beim Filmfestival von Venedig 2008 von Wim Wenders der „Goldene Löwe“ für sein Lebenswerk überreicht wurde und er im selben Jahr auch auf der Viennale in Wien mit einer Werkschau geehrt wurde, obwohl er zur selben Zeit wie Fassbinder die ersten Filme drehte. Zu opernhaft, metaphorisch auf intensive Bilder bauend waren seine Filme, jenseits eines Mainstream-Geschmacks. In Österreich fanden nur wenige seiner Filme den Weg in die regulären Kinos, am erfolgreichsten war wohl Malina, der Film nach dem Roman von Ingeborg Bachmann mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle, für den Elfriede Jelinek das Drehbuch schrieb, die auch ein eine persönliche Erinnerung als Vorwort zur nun vorliegenden Autobiografie von Werner Schroeter beisteuert. Schroeters Autobiografie blieb Fragment, auch wenn er in den letzten Jahren immer wieder an ihr arbeitete. Der Krebs war jedoch schneller, seine Krankheit schritt rasch voran. Da er selbst weder Muße noch Ruhe zum Schreiben hatte, so viele Projekte wollte er noch umsetzen, erzählte er der Autorin Claudia Lenssen aus seinem Leben. Sie machte aus den Gesprächen den Text der Autobiografie, wobei es ihr glänzend gelangt, das eigenwillige Parlando in den Text zu retten. Von seiner Liebe zur Oper, zu ihren Diven, allen voran die göttliche Callas, von seiner Freundschaft und Zusammenarbeit mit Regisseurskollegen wie Rosa von Praunheim, Rainer Werner Fassbinder oder Daniel Schmid erzählt Schroeter und natürlich von der Muse aller: Ingrid Caven. „Unser utopischer Gedanke war, man erfindet das Leben neu, und dieses Leben ist Kunst“, beschriebt er diese Jahre. Von Oper, Theater, Film und Fotografie, von seinen künstlerischen Arbeiten erzählt Schroeter wie von Persönlichem, von Liebe, Sex und Rausch. Seiner Utopie kam Schroeter erstaunlich nahe: Einem Leben, das Kunst ist.

Werner Schroeter (mit Claudia Lenssen): Tage im Dämmer, Nächte im Rausch. Autobiografie. Berlin: Aufbau 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

Edward James

Der vollständige Untertitel der Autobiografie von Edward James lautet: Mein Leben als reiches Kind, meine vier Jahre mit Tilly Losch und das Ende meiner Jugend. Edward James konnte sich ein Luxusleben leisten, entstammte er doch einer einflussreichen irisch-amerikanischen Dynastie, in deren weit verzweigtem Stammbaum sich auch der Schriftsteller Henry James findet. Bekannt wurde James als Mäzen und Sammler der jungen Surrealisten, allen voran Salvador Dali, der ihn in dem Gemälde Schwäne spiegeln Elefanten porträtierte, und René Magritte, der ihn in zwei seiner rätselhaften Bilder darstellte. Später baute sich der Exzentriker, der sich auch als Poet versuchte, einen surrealistischen Figurenpark mitten im mexikanischen Dschungel, wohin er sich zurückgezogen hatte. Mitverantwortlich für diesen Rückzug war ein Skandalprozess im Jahr 1934, in dem ihn seine Frau Tilly Losch, eine Wiener Tänzerin, der Homosexualität bezichtigte. James gibt in den Gesprächen mit George Melly, die wie bei Schroeter die Basis der Autobiografie waren, unumwunden zu, dass er vor Tilly Männer bevorzugte und auch später gleichgeschlechtliche Beziehungen hatte, mit ihr entdeckte er aber die Freuden des Heterosex. Um ihr künstlerisch eine Basis in New York zu sichern, beauftragte er etwa Kurt Weill zur Komposition der Sieben Todsünden unter der Auflage, dass es ein tänzerisches Alter Ego zur Figur der Anna, die von Lotte Lenya gesungen wurde, gab – die Rolle für seine Frau Tilly. Trotzdem verliefen die vier Jahre Ehe unglücklich, bald von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Da Tilly ihn betrog, reichte Edward die Scheidung ein, die sie mit einer Gegenklage um James‘ vermeintliche Homosexualität beantwortete. Obwohl James den Prozess gewann, war sein Ruf beschädigt, sodass er sich aus dem schicken Luxusleben immer mehr in seine Kunstwelt zurückzog. Leisten konnte er es sich ja…

Edward James: Schwäne spiegeln Elefanten. Mein Leben als reiches Kind… München: Schirmer/Mosel 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

Ludwig Wittgenstein

Obwohl er sich auf philosophischer Ebene in der Manuskripten zu den Philosophischen Bemerkungen mit der Idee einer Autobiografie beschäftigte, wäre es wohl in der Tat nie dazu gekommen, denn Wittgenstein stellte an sich den Anspruch, danach zu trachten „mein Leben ganz wahrheitsgetreu darzustellen“. Dabei hätte er auch sein problematisches Verhältnis zu seiner eigenen Homosexualität offen legen müssen, wie er verklausuliert weiter folgert: „So darf meine unheldenhafte Natur nicht als ein bedauerliches Accidens erscheinen, sondern eben als eine wesentliche Eigenschaft (nicht eine Tugend).“ Der Herausgeber und Wittgenstein-Kenner Michael Nedo nahm sich aber Vorstellungen Wittgensteins für Aufbau und Gestaltung des biographischen Albums als Vorlage. Wittgenstein montierte selbst in seinen Alben auf Doppelseiten Bilder in thematischen Zusammenhängen. So ergeben sich bei Nedo Schautableaus, die er mit den notwendigsten Erläuterungen und Originalzitaten aus Schriften, Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen von Wittgenstein selbst und seiner Freunde und Familien ergänzt. Man ist angehalten zwischen den Texten und den wunderschön reproduzierten alten Fotografien, Manuskriptseiten, Erinnerungsschnippseln Beziehungen herzustellen. Leben und Werk werden immer wieder in Bezug gesetzt. Dabei entstehen auch intime Einblicke, etwa auch in das Zusammenleben Wittgensteins mit seiner ersten großen Liebe David Pinsent, wenn er in sein Tagebuch schreibt: „I am writing my diary – and Ludwig working. When he is working he mutters to himself (in a mixture of German and English) and strides up and down the room all the while.“ Wissend dass Pinsent im 1. Weltkrieg ums Leben kam wirkt das abgebildete Widmungsblatt der Logisch-Philosophischen Abhandlungen mit dem handschriftlichen Eintrag: „Dem Andenken meines Freundes David H. Pinsent gewidmet“ wie ein Memento Mori. In Nedos Album entfaltet sich Wittgensteins Leben facettenreich und bilderprall, Wittgensteins Menschen und Orte werden augenscheinlich. Ein Buch, in dem man immer wieder gerne blättert und hängenbleibt.

Michael Nedo (Hg): Ludwig Wittgenstein. Ein biographisches Album. München: C. H. Beck 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

Jack Kerouac & Allen Ginsberg

Beide gehörten zu den prägenden Autoren der amerikanischen Nachkriegsmoderne: Der Eine, Jack Kerouac, mit seinem Kultroman On the Road, der Andere, Allen Ginsberg, mit seinem Gedichtband Howl, der mit einer Auflage von über 1 Million wahrscheinlich erfolgreichste Gedichtband der Moderne überhaupt. Der Heterosexuelle, der sich in Alkohol und Drogen versunken immer mehr zurückzieht, und der offen Homosexuelle, der immer auf der Suche nach Neuem auch nichts ausließ – Sex, Drogen, Spiritualität oder Politik. Von 1944 an, in den Jahren vor dem Ruhm, als sie erste literarische Projekte entwickelten, bis Anfang der 1960er Jahre, den Jahren der zunehmenden Entfremdung, spannt sich der Briefwechsel der beiden so ungleichen Weggefährten der Beat Generation. Berichte von Freunden, Parties, Reisen oder Liebschaften wechseln mit Diskussionen und kritischen Betrachtungen über Literatur, über die Werke der Freunde aber auch die Eigenen. Von den Herausgebern instruktiv kommentiert entsteht beim Lesen eine Doppelbiografie, fragmentarisch, weil Unterbrechungen des Briefwechsels zu Lücken führen und die Freunde auch in ihren Mitteilungen selektiv sind. LiebhaberInnen der Beat Literatur sollten diesen über 450 Seiten dicken Schmöker keinesfalls auslassen, selten bekommt man einen so umfangreichen und persönlichen Einblick in eine Generation von Dichtern, die bis heute zu den einflussreichsten der Nachkriegsliteratur im englischsprachigen Raum sind.

Bill Morgan & David Stanford (Hrsg.): Ruhm tötet alles. Jack Kerouac. Allen Ginsberg. Die Briefe. Berlin: Rogner&Bernhard 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

 

 

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