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Stonewall in Wien – Before Stonewall: Friedemann Hoflehner

Verfasst von am 26. November 2012 – 11:57Kein Kommentar

Wie war die Zeit in Linz vor 1967, bevor du nach Wien gekommen bist?

Das ist schwer in der Rückschau zu sagen, weil für jeden Menschen, das, was er gerade erlebt, sein Normalität ist. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten der Betrachtungsweise: Entweder ich schau mir das Ganze an, wie ich es damals erlebt hab, nämlich einfach als Alltag, als ganz normaler Alltag, oder ich schau es mir an aus heutiger Rückschau: Wenn ich mir das heute so anschaue, muss ich sagen, das war furchterregend. Und das muss man wörtlich nehmen: Die Menschen hatten Furcht, sie hatten Angst vor Denunziation, sie hatten Angst vor Erpressung, sie hatten Angst vor ihrem Elternhaus, sie hatten Angst vor jeder Arbeitsplatzsituation. Die Zeit war aus heutiger Sicht geprägt von Angst, Angst, Angst. Was daraus resultiert: Menschen, die in Angst leben und in Angst gehalten werden, werden selbst gemein. Wenn ich mich heute an die damalige Linzer Szene erinnere, habe ich zwei Dinge in Erinnerung: Die Erbarmungswürdigkeit der Szene durch die Umstände und die Gemeinheit, die daraus dann entstanden ist in einzelnen Fällen, im unerträglichen Umgang miteinander.

Was geschah dir selbst 1967?

In Linz gab es ein Lokal, das hieß Brucknerstüberl und war in der Altstadt, in einem vollkommen abgefuckten sehr finsteren Winkel, in dem die Unterwelt verkehrte. Und dieses Brucknerstüberl hatte eine Führung von zwei Frauen, die einander nicht besonders mochten. Aber die eine der Frauen war das, was man heute als eine Schwulenmami bezeichnen würde. Die Luise hat dafür gesorgt, dass im Hinterzimmer dieses Lokals Schwule möglichst unbehelligt miteinander haben sitzen können. Samstags war es sogar möglich, dass die Schwulen aus dem Hinterzimmer herauskamen und im Hauptraum dann Männer und Frauen miteinander tanzten. Selbstverständlich durften Männer mit Männern nicht tanzen! Mindestens zweimal im Monat war, meist Samstags, Razzia. Das spielte sich so ab, dass einzelne Polizisten zur Ausweiskontrolle ins Lokal gekommen sind. Ich war bereits zwei Jahre aus dem Elternhaus weg, denn ich wurde, als ich meinen Eltern eröffnete, schwul zu sein, aus dem elterlichen Verband entfernt, wie man damals gesagt hat. Ich war – wörtlich zitiert – „verstoßen auf Lebenszeit“. Ich war dadurch so aus der Bahn geworfen gewesen, dass ich meiner geregelten Arbeit im Finanzamt nicht mehr nachgekommen bin und den geregelten Wohnsitz verloren habe, weil ich mir das gar nicht leisten konnte. Die Polizei wollte einen Ausweis sehen und ich hatte keinen, weil ich alle meine Dokumente an einem sicheren Ort aufbewahrt hatte. Ich wurde mitgenommen. Dann wurde ich befragt nach meinen Daten, nach meinem angemeldeten Wohnsitz, den ich nicht sagen konnte, wurde nach meiner aktuellen Arbeit befragt und konnte nichts sagen und wurde dann zu meinem Aufenthalt im Brucknerstüberl befragt. Bei den ersten Befragungen war man noch sehr zurückhaltend. Man fragte, ob ich wisse, welchen Ruf das Lokal hatte, dass dort Homosexuelle verkehrten und ob ich selber homosexuell sei. Ich bejahte alle diese Fragen, was sehr ungewöhnlich gewesen sein muss. Nach dieser Antwort glaubten die wahrscheinlich, jetzt hätten sie leichtes Spiel, denn die erwarteten selbstverständlich in diesem Augenblick Namen. Die waren an mir persönlich nur interessiert, als jemand der jung ist, jung und dumm, ihnen die Namen zu liefern, auf die sie die ganze Zeit gewartet haben. Die nächste Frage war: „Mit wem haben Sie denn so? Haben Sie so was schon gemacht?“ und als ich sagte „Ja“, die Frage „Mit wem?“ Ich sagte: „Das sage ich nicht“. Daraufhin kam „selbstverständlich“ einmal die erste Watsch’n. Das ging dann die ganze Zeit der Polizeiinhaftierung so, zwei bis drei Tage und Nächte. Es hat bedeutet: Nahrungsentzug, Schlafentzug und in etwa jeder Stunde Kreuzverhör. Das hat bedeutet, dass dieser kleine, ungeheuer dünne und sehr zerbrechlich wirkende junge Mann von sieben Bullen Tag und Nacht einfach nur ununterbrochen verdroschen worden ist. Nur damit sie einen Namen aus ihm herausprügeln. Dann wurde ich aus der Polizeihaft entlassen und kam einen Monat in Untersuchungshaft mit einer ein Monat lang dauernden Befragung durch den Untersuchungsrichter zu demselben Thema und mit demselben Ergebnis. Dann kam der Prozess und die Verurteilung und die Überstellung in das sogenannte „Außenarbeitslager“ bei Linz für weitere zwei Monate.

Wie war das in der Gefängnishierarchie als Schwuler?

An letzter Stelle, noch hinter den Kinderschändern. In der Hierarchie war das das Letzte, das absolut Letzte. Damals erlebt, war das – das Schlimmste.

Alle Interviews von „Stonewall in Wien“: <http://www.qwien.at/stonewallinwien/>

[Permalink: <http://www.qwien.at/stonewallinwien/f_hoflehner>]

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