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Körperschau 2

Verfasst von am 5. November 2012 – 09:09Kein Kommentar

Die Kunsthalle Wien, wie das Leopold Museum im MUQUA beheimatet, ist der zweite Ort unseres Rundgangs durch aktuelle Ausstellungen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem männlichen Körper auseinandersetzen. XTRAVAGANZA stellt das Werk des britischen Multitalents Leigh Bowery vor.

Eine von Leigh Bowerys ausgefallenen Kreationen (c) QWIEN

Leigh Bowery ist eine schillernde Persönlichkeit, für die Einen das Enfant terrible den britischen Mode der 1980er, für die Anderen ein an Grenzen gehender Performancekünstler, der seinen Körper in Modeinstallationen zum Thema macht. Leigh Bowery war getrieben davon, seinen raumgreifenden Körper zu thematisieren. Ihn konnte und wollte er nicht verbergen, wenn er sich in schrille Roben warf. Seine radikale Offenheit verblüfft und betrifft, denn Leigh Bowery spielt mit unserem Voyeurismus, der auf seinen Exhibitionismus trifft.

Seine Kreationen beeinflussten eine ganze Generation von Modeschöpfern, John Galliano oder Alexander McQueen, um nur zwei zu nennen. Leigh Bowerys Kreationen waren aber eher Skulpturen, die auf seinen Körper zugeschnitten waren, als Mode, die sich für die Vermarktung eignen würde. Bowery ging es bei seinen Schöpfung auch nicht darum, sondern er benutzte seine Kleider als Vehikel, die ihm Selbstdarstellung ermöglichten. Die Kunsthalle Wien konnte eine Reihe von Leigh Bowerys Originalkreationen zusammentragen. Diese schillernden, paillettenbesetzten Gewandskulpturen bilden das künstlerische Rückgrad der Ausstellung und verzaubern auf den ersten Blick. Auf den zweiten beginnen sie aber zu verstören, den die mit ihrem Glitter und Tand lockenden Kleider entpuppen sich als weit mehr. Mit ihren Masken, Ergänzungen, die Körperteile überbetonen oder verlängern, sind die Kleider mehr als Verkleidung, sie definieren neue Körperformen.

Schamlos aus Schamhaftigkeit

The Laugh of No. 12, Performance April 1994 (c) Kunsthalle Wien

„Wir anderen nutzten Drag und Schminke, um unsere Makel und physischen Defekte zu kaschieren. Leigh machte sie zum Brennpunkt seiner Kunst“, meinte Boy George, der wie Bowery Teil der (schwulen) Londoner Subkultur der 1980er Jahre war, die für Leigh Bowery wie für keinen Anderen zur  Experimentierwiese wurde, auf der sich der Verletzliche zur Schau stellte und dabei seine Arbeitsweise immer weiter radikalisierte. Zusehends provozierte er mit Nacktheit, spielte Verwirrspiele mit den Grenzen des Geschlechts und schockierte mit seiner Schamlosigkeit. Bowery war dabei schamlos aus Schamhaftigkeit, der seinen Körper – man möchte fast sagen – gnadenlos zur Schau, ja Disposition stellte. Bowery wurde damit einer der prägenden Künstler der frühen Queer Theory, die lebendige Verkörperung von Judith Butlers Gender Trouble.

Zahlreiche Filme, Interviews, Musikvideos oder Magazine dokumentieren die Performances von Leigh Bowery. Eine Fülle von Fotografien, auf einer riesigen Säule montiert, zeigen seine vielen wandelbaren und facettenreicher Gesichter. Mit seinem Hang zu Exzess und Drama wurde er zum Role Model einer Community, die sich nach Enthemmung sehnte. Aber es war auch ein Tanz auf dem Vulkan, Aids wurde bald zur Todesdrohung. Von seiner exzessiven Selbstverausgabung geschwächt, verstarb Leigh Bowery am Silvesterabend 1994 an den Folgen der Immunschwäche.

Nur manchmal blitzt auch die stille Seite von Leigh Bowery auf, wenn er sich dem Maler Lucien Freud hüllenlos und nackt präsentiert. Von gegenseitigen Vertrauen geprägt – Leigh Bowery wird immer wieder als Muse von Freud bezeichnet – entstanden in langen Sitzungen intime Gemälde. Eine kleine Porträtstudie Leigh Bowerys von der Hand Lucien Freuds ist auch eines der berührendsten Objekte der im Linzer Lentos zu sehenden Ausstellung Der nackte Mann.  Noch bis 3. Februar 2013 zeigt die Kunsthalle Wien im Museumsquartier mit vielfältigem Begleitprogramm XTRAVAGANZA staging Leigh Bowery.

Weiter geht es mit dem 3. Teil des Rundgangs in Körperschau 3 in der ALBERTINA bei Körper als Protest.

Infos zur Ausstellung in der Kunsthalle Wien hier.

Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung Nackte Männer im Leopold Museum siehe Körperschau 1

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