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Friedensklärchen, Bartwuchs und Kontaktanzeigen

Verfasst von am 25. März 2013 – 15:28Kein Kommentar

Ein neu erschienener Sammelband diskutiert neue Aspekte der Geschlechtergeschichte in der Bundesrepublik. Eine Rezension von Marliese Mendel

Selbstverständlich darf die berühmte Tomatenwurfrede und die polarisierende Sternkampagne „Ich habe abgetrieben“ in einem Buch über Geschlechtergeschichte nicht fehlen. Aber die drei Herausgeberinnen von Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte“ spannen den Bogen viel weiter. Die Theologin Julia Paulus, die Kommunikationswissenschafterin Eva-Maria Silies und die Geschichts- und Politikwissenschafterin Kerstin Wolff stellen neue und neu entdeckte Forschungsansätze und -ergebnisse vor. Es geht um kämpferische Frauen, die Erfindung der Pille, um Kontaktanzeigen in Frauenzeitschriften und darum, wie Politik und Gesellschaft darauf reagierten. Ein Teil des Buches beschäftigt sich mit den Hintergründen von Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie Abgrenzung der Frauenorganisationen und -institutionen untereinander.

Das berühmte STERN Cover (c) QWIEN

Wie immer, wenn Geschichte aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird, eröffnen sich neue Perspektiven, die oft zu erstaunlichen Erkenntnissen führen. Die drei Wissenschafterinnen zeigen in ihrem Band in fünf Themenblöcken, dass manch tradierte „Weisheit“, manch festgefahrener Begriffe neu überdacht werden muss und dass es in der Geschlechter-Geschichtsschreibung noch große Lücken gibt.

Die Autor_innen durchforsteten Archive der deutschen Frauenbewegung, Protokolle politischer Einrichtungen, Gesetzesbücher, Frauenzeitschriften und andere Quellen, um neue Erkenntnisse über Geschlechterordnung, Berufswelten, die (Un)Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über Sexualitäten und Körper und über Partizipation und Protest zu erlangen.

Frau Irene

Die Historikerin Lu Seegers las für ihren Beitrag „Kriegswitwen und Töchter ohne Väter in der Bundesrepublik“ hunderte Ausgaben der Zeitschrift HÖR ZU und interviewte einige der 1,2 Millionen Kriegswitwen. Nach 1945 lebten 2,5 Millionen Kinder als Halbwaisen. Seegers erforschte die schweren Bedingungen der Kriegswitwen und ihrer Töchter im Nachkriegsdeutschland. Die damals oft jungen Frauen erhielten kaum staatliche Hilfe und der Zugang zu Arbeitsstellen war schwierig. Besonders hart traf es die Witwen von NSDAP-Mitgliedern, sie waren von allen Sozialleistungen ausgeschlossen. Erst in den 1950er Jahren wurde die Situation der Kriegswitwen ein Thema, ausgehend von der negativ konnotierten „Onkelehe“: Viele Paare lebten unverheiratet zusammen, um die Rentenansprüche nicht zu gefährden. Druck kam auch von der Kirche, die Kriegswitwen und ihre Kinder wurden als „unvollständige“ Familien stigmatisiert. Erstaunlicherweise war es die Rundfunk- und Familienzeitschrift HÖR ZU“, die die soziale Situation der Frauen in diesen „Halbfamilien“ thematisierte. In der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“ riet der Schriftsteller Walther von Hollander den Frauen inkognito, selbstbestimmt zu leben und ihre Kinder eigenverantwortlich zu erziehen. Vor allem die Buben schienen unter der Vaterlosigkeit gelitten zu haben, während die Mädchen eher versuchten, den Lebensentwurf der Mütter, der durch den Krieg zerstört worden war, wieder zu beleben. Seegers‘ Beitrag zeichnet sich dadurch aus, dass sie erstmals auch die Töchter der Kriegswitwen in ihre Forschungen einbezog.

Friedensklärchen

Anhand der Verbands- und Institutionengeschichte der verschiedenen Frauenorganisationen in der Nachkriegszeit erzählt Irene Stoehr in ihrem Beitrag die Geschichte vom Friedensklärchen. Dies war der Spitzname der Mitbegründerin der Frauenfriedensbewegung, Klara-Marie Fassbinder. Diese Friedens- und Frauenaktivistin, die ursprünglich gegen das Frauenwahlrecht war, vermochte  der eisige Wind des Kalten Krieges, der ihr aus dem Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen entgegenwehte, nicht wegzublasen. Die Behörde warf Fassbinder vor, unter dem Einfluss der Kommunisten zu stehen, weil sie eine Gesprächsplattform zwischen West- und Ostdeutschland forderte.

Stoehr betrachtet die Argumentationslinien und Aktionsräume der staatlich unterstützten Frauenorganisationen wie der „Antikommunistischen Staatbürgerinnen“ und stellt diese Fassbinders vom Friedensgedanken getragenen Organisationen gegenüber.

Beate Uhse

Viel leichter als die Frauenaktivistinnen hatten es die Universitätsprofessorinnen und Unternehmerinnen in Deutschland auch nicht. Erst als der Deutsche Akademikerinnenbund auf die sehr männlich dominierte Besetzung von Professuren aufmerksam machte, änderte sich nach jahrzehntelangem Kampf die Personalpolitik. Es ist auch einer Unternehmerin zu verdanken, dass der Kreis von Fabrikschefinnen, Reedereibesitzerinnen, Metall- und Chemieindustriellen schließlich in die männlich dominierten Wirtschaftsclubs aufgenommen wurden. Immerhin befanden sich 25% aller Betriebe in weiblichen Händen – wenn die Frauen dort oft auch nur als Lückenbüßerinnen dienten, bis der Sohn groß genug war, um die Firma zu übernehmen.

Ob sich die Damen für die Produkte von Beate Uhse interessierten, ist dem Buch nicht zu entnehmen. Aber die Kommunikationswissenschafterin Eva-Maria Silies interessierte sich für die Pille. In ihrem Beitrag beschreibt sie, wie schwer es anfangs für unverheiratete Frauen war, sich die Pille verschrieben zu lassen. Die Gesellschaft fürchtete sich vor dem Sittenverfall der Jugend. Die Konservativen zeichneten Horrorszenarien von häufig wechselnden Sexualpartnern und untreuen Ehefrauen. Aber es waren großteils die Männer, die fremd gingen und nicht die Frauen! Als sich das Verhütungsmittel durchgesetzt hatte, begannen ab 1968 Frauen über die Wirkung der Pille nachzudenken. Nebenwirkungen wie Krampfadern, Gewichtszunahme und Bartwuchs wurden genauso thematisiert wie die nun weit verbreitete Ansicht, dass nur die Frauen für die Verhütung zuständig seien. In der kurzen Zeitspanne zwischen der Erfindung der Pille, die ein Gefühl der sexuellen Freiheit vermittelte und der einsetzenden Ablehnung des Verhütungsmittels wuchs in der Frauenbewegung eine Generation heran, die neue Themen und Diskussionsräume eröffnete. Somit kann Silies Beitrag auch als Sittenbild der deutschen Gesellschaft gelesen werden.

Kontaktanzeigen

Benno Gammerl analysierte für seinen Artikel Kontaktanzeigen in der selbstverwalteten Frauenzeitschrift Courage und verglich sie mit denen der Männermagazine Him, Don und Der Kreis. Er entdeckte erstaunliches: anhand der aufgegebenen Partnersuchinserate lassen sich tatsächlich gesellschaftliche Veränderungen, Diverisfizierungen innerhalb der Lesbenszene und ein sich verschiebendes Männerbild ablesen. Wie hart die Kämpfe und die Selbstverortung der Frauen in der Gesellschaft sind, wird im letzten Teil des Buches thematisiert. Den langen Weg, bis die Anliegen der Frauen gehört wurden, zeichnen  Kerstin Wolff in ihrem Beitrag „Ein Traditionsbruch?“ und Elisabeth Zellmer in „Protestieren und Polarisieren“ nach.

Die Autoren eröffnen in ihrem Buch einen neuen erfrischenden Blickwinkel auf die Geschlechtergeschichte. Bleibt nur die Frage: Wie sieht es in Österreich aus?

Julia Paulus, Eva-Maria Silies, Kerstin Wolff (Hg): Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte – Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik. Frankfurt: Campus 2012 erhältich bei Löwenherz

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