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Theater brennt. Lichterloh

Verfasst von am 23. Juli 2013 – 10:17Kein Kommentar

Vom Theater besessen war der Regisseur und Theaterdirektor Hans Gratzer, der mit seiner zweimaligen Leitung des Schauspielhauses nicht nur Wiener Theatergeschichte schrieb. Eine lesenswerte Neuerscheinung stellt sein Lebenswerk vor. Eine Empfehlung von Andreas Brunner

Eigentlich wollte er Schauspieler werden, aber das Studium am Reinhardt-Seminar endete nach einem Jahr mit einem Rauswurf und Hans Gratzer wandte sich bald der Regie zu. Und schon in seinen ersten Jahren erarbeitete er sich dabei ein unverwechselbares Profil. Im Theater am Kärntnertor (heute: Stadttheater Walfischgasse) begann er 1973 unter dem Namen Werkstatt-Theater mit einer Serie von deutschsprachigen Erstaufführungen und Uraufführungen aktueller Stücke. Schon zu dieser Zeit bewies er seine Fähigkeit Autor_innen zu entdecken und ein engagiertes Ensemble, das bis zur Erschöpfung arbeitete, um sich zu scharen. So entdeckte er den später erfolgreichen Drehbuchautor Ernst Hinterberger für die Bühne, heute noch klingende Namen wie Krista Stadler, Beatrice Frey oder Justus Neumann spielten in seinen Inszenierungen.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie trostlos die Wiener Theaterlandschaft dieser Jahre war. Salonunterhaltung in der Josefstadt, gehobenes Großbürgertheater an der Burg und sonst praktisch nichts. Eine freie Szene im heutigen Sinn gab es nicht, einige engagierte Theatermacher wie Conny Hannes Meyer oder Dieter Haspel, die hauptsächlich politisches Theater (Stichwort: Brecht) machten, kämpften wie Gratzer um dürftige Subventionen. Es ist ein Verdienst von Petra Paterno, Theaterwissenschafterin und Redakteurin der Wiener Zeitung, in Lichterloh. Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001 nicht nur auf den für Wien bahnbrechenden Spielplan einzugehen, sondern auch immer wieder eine Einordnung der Bühne in der Porzellangasse in die Wiener Theaterlandschaft der Zeit zu beschreiben. Dabei kommt sie auch immer wieder auf die finanzielle Ausstattung des Schauspielhauses zurück, und macht damit deutlich, wie sich die Subventionierung der Wiener Theater seit den 1970er Jahren grundlegend verändert hat. Und sie zeigt dabei auch, durchaus kritisch, dass Gratzer ein genialer Theatermann gewesen sein mag, mit Geld und bei der Finanzierung seiner Unternehmungen hatte er nicht immer eine glückliche Hand.

Progarmmheft der österreichischen Erstaufführung von „Bent“ (c) QWIEN Archiv

Gratzer brachte in den 1970er Jahren auch eine neue Theaterästhetik nach Wien. Beeinflusst von Off-Off-Broadway Gruppen wie La Mama oder Jérôme Savarys Grand Magic Circus, brachte er körperbetontes, mit Versatzstücken der Hoch- und Popkultur spielendes Theater auf die Bühne. Und von Anfang an widmete sich der offen schwul lebende Regisseur auch am Theater schwulen Themen. Mit Der Homosexuelle oder die Schwierigkeit sich auszudrücken des französischen Dramatikers Copi brachte Gratzer 1975 das erste Mal ein provokantes Stück über schwules Leben auf eine Wiener Bühne. Die Eröffnungspremiere der Ära Schauspielhaus I im Mai 1978 war diesbezüglich programmatisch, wie der Dramaturg Werner Walkner im Gespräch mit Petra Paterno bestätigte: Hans Gratzer wählte mit Der Balkon des in Österreich praktisch unbekannten Jean Genet einen „Kultautor der schwulen Bewegung“, aus dessen Stück man „ein optisch und politisch engagiertes Ereignis machen“ konnte, „von Sex über Kritik an der Kirche, Gesellschaft und Politik war in diesem Stück alles vorhanden.“

Zwei Jahre – lange bevor sich Österreich mit seiner NS-Vergangenheit auseinander zu setzen begann – inszenierte Gratzer Bent – Die Männer mit dem rosa Winkel des amerikanischen Autors Martin Sherman, in dem er sich mit der Verfolgung Homosexueller und deren Ermordung in den Konzentrationslagern der Nazis auseinandersetze. Ausführlich beschäftigt sich Petra Paterno mit dem Einsatz Gratzers für schwule Themen, wie sie in einem späteren Abschnitt seine Auseinandersetzung mit HIV und Aids auf der Bühne ausführlich darstellt und in einen internationalen Kontext stellt. Wie von ihr zitierte interne Protokolle und Diskussionspapiere zeigen, war sich dabei Gratzer durchaus bewusst, dass das Schauspielhaus in Wien als „schwules Theater“ verschrieen war: „In der Intrigenküche schwelt es allerdings, wird vom ’schwulen Theater‘ gemunkelt.“ In ihrer Auseinandersetzung mit schwulem Theater und den (schwulen) Aidsstücken, die Gratzer in der Ära Schauspielhaus II inszenieren wird, offenbart sich eine sprachliche Hilflosigkeit der Autorin, wenn sie von „Gay-Dramen“, „Gay-Bewegung“ oder gar von „Gay-Forschung“ spricht, wo sie eigentlich schwule Dramen, die Lesben- und Schwulenbewegung oder die schwul/lesbische historische Forschung meint. Dies zeigt einmal mehr, wie groß die Ahnungslosigkeit selbst (vermeintlich) aufgeklärter Autor_innen ist, wenn es darum geht, Homosexualität sprachlich zu beschreiben.

Dies ist aber der einzige Wermutstropfen in Petra Paternos lesenswerter kleinen Wiener Theatergeschichte, die sie mit Ausschnitten aus Gesprächen mit Schauspieler_innen, Dramaturg_innen und Autor_innen lebendig erzählt und mit Zitaten aus Kritiken unterfüttert. Erst in der Rückschau wird klar, was Hans Gratzer und seine Weggefährt_innen für die Wiener Theaterlandschaft bedeutet haben, auch wenn seine Karriere einer Berg- und Talbahn glich. Einmal als Darling der Wiener Kulturschickeria vom Publikum gestürmt, wurde anderntags sein Scheitern mit fast unverhohlener Schadenfreude kommentiert. Lange bevor Regietheater in Wien zum Begriff wurde, schaffte es Gratzer mit seinen Klassikerinszenierungen (allen voran die großen Shakespeare-Stücke von Hamlet bis König Lear) zu begeistern. Immer wieder setzte er sich für junge (österreichische) Autor_innen ein – von Elfriede Jelinek, Marlene Streeuwitz bis zu Werner Schwab, von Bernard-Marie Koltès bis zu den Protagonist_innen des jungen britischen Theaters der 1990er Jahre Sarah Kane oder Mark Ravenhill. Gratzers Schauspielhaus I und II war nebenbei auch das einzige größere Theater in Wien, das sich mit Homosexualität auseinandersetzte und die Katastrofe von Aids in nicht immer gelungenen aber um so mutigeren Inszenierungen auf die Bühne brachte.

Wie arm wäre das Wiener Theater ohne diesen von seinem Metier besessenen Hans Gratzer gewesen? Das kann man in Petra Paternos glänzenden recherchierten Buch über das Schauspielhaus nachlesen: Eine nachhaltige Empfehlung!

Petra Paterno

Lichterloh. Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001.

Wien: Edition Atelier 2013 (=Edition Theater 3), erhältlich bei Löwenherz

 

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