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Leselust I

Verfasst von am 3. September 2013 – 13:31Kein Kommentar

In den letzten Monaten haben sich eine Reihe von Neuerscheinungen auf unseren Büchertischen angesammelt. Sachbücher und wissenschaftliche Arbeiten, aber auch Hörbücher, die wir über den Sommer gelesen bzw. gehört haben: QWIENs wissenschaftliche Empfehlungen für den Altweibersommer.

Lesbische Ärztinnen

Lesbische Frauen wie schwule Männer begegnen in zahlreichen Berufen nach wie vor vielfältigen Vorurteilen und Diskriminierungen. Sich mit diesen auseinander zu setzen und den Frauen in ihren Arbeitsverhältnissen den Rücken zu stärken ist auch seit 1999 Ziel von Charlotte e.V., einem Netzwerk von lesbischen Ärztinnen. Auf der Mitgliederbasis von Charlotte e.V. baut auch die Autorin Helga Seyler auf, wenn sie die Erfahrungen und Strategien lesbischer Frauen im Berufsleben untersucht. Anhand von Interviews mit Frauen aus unterschiedlichen Generationen und Erfahrungshintergründen erarbeitet sie im ersten Teil die wissenschaftliche Basis, stellt Untersuchungen zu Lesben in der Arbeitswelt vor und bringt diesen theoretischen Abschnitt mit biografischen Berichten in Zusammenhang, die den umfangreichsten Teil des Buches ausmachen. Hier geben Frauen Auskunft über ihre unterschiedlichen Erfahrungen und dem persönlichen Umgang mit der für alle wohl wichtigsten Frage: Soll ich mich outen? Welche Konsequenzen hat dieser Schritt? Gibt es eigentlich Rollenbilder lesbischer Ärztinnen? Helga Seydel hat aus den Lebensgeschichten und den Fragen, die sich daraus ergaben, einen lesenswerten Ratgeber für lesbische Frauen in Gesundheitsberufen gemacht. Denn anders als es der griffige Titel Lesbische Ärztinnen formuliert, geht es wohl hauptsächlich um diese, aber nicht nur, denn die gestellten Fragen betreffen alle lesbischen Frauen im Gesundheitswesen. Mit Vorschlägen zur Förderung der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen im Gesundheitsbereich schließt der informative Band.

Helga Seyler: Lesbische Ärztinnen. Erfahrungen und Strategien im Berufsleben. Frankfurt: Mabuse 2013; erhältlich bei Löwenherz

Tod in Venedig

Schon bei Erscheinen erregte die kühne homoerotische Fantasie Thomas Manns in Form der Novelle Tod in Venedig Aufsehen. Doch ist die Geschichte des Verfalls des Komponisten Gustav von Aschenbach heute von den Bildern der omnipräsenten Verfilmung von Luchino Visconti überlagert. Den eigenen Imaginationen hingeben kann man sich bei der Lesung von Matthias Brandt, der die Novelle auf drei CDs eingelesen hat. Das satte Timbre der Stimme des Schauspielers, die Seher_innen von TV-Krimiserien als Kommissar Hans von Meuffels aus Polizeiruf 110 bekannt sein wird, lässt einen den mäandernden Sätzen von Thomas Mann folgen, die Brandt lesend rhythmisch strukturiert. Von allen Autoren der klassischen Moderne sei Thomas Mann der „pathetischste“, wie der Schriftsteller Daniel Kehlmann im Feature Eros und Cholera, das der Edition als vierte CD beigeschlossen ist, zitiert wird. Obwohl er der „Gefühlsunmittelbarste“ sei, ist er auch distanzierter als andere, weil er mehr zu verbergen habe. Als hätte sich Matthias Brandt die Eindrücke Kehlmanns zum Motto genommen, trägt er den erotisch aufgeladenen Text Manns erfreulich unpathetisch vor. Zur Erscheinungszeit war Tod in Venedig ein gewagter Schritt, wie auch in Ulrike Voswinckels informativem Feature zu hören ist. Sie folgt darin den vielfältigen Verknüpfungen zwischen Mann, Gustav Mahler und Luchino Visconti und widmet sich dabei ausführlich dem verpönten Eros, dessen schüchterne Huldigung sowohl die Novelle als auch der Film unternehmen. Hörenswert!

Thomas Mann: Tod in Venedig. Gelesen von Matthias Brandt. Hörbuch, 4. CDs. München: der Hörverlag 2013

Pier Paolo Pasolini – Poetisch Philosophisches Porträt

Es ist kaum zu glauben, dass Pier Paolo Pasolini schon seit 1975 tot ist, denn seine Aktualität ist ungebrochen, wie dieses spannende CD-Porträt des italienischen Dichters, Filmregisseurs, Dramatikers und unbestechlichen Intellektuellen zeigt. Hört man etwa das Kapitel „Völkermord, Konsumismus und Auslöschung“ fragt man sich, wo ein so unbeugsamen Streiter gegen die Konsumgesellschaft heute Allianzen finden würde. Beim nonkonformistischen Komiker Beppe Grillo? Fehlenden Nonkonformismus warf er jedenfalls den „Homosexuellen“ (ebenfalls ein Abschnitt auf der CD) vor. Einer, so Pasolini, verlogenen Scheintoleranz wegen, würden sie den Normen der herrschenden Klasse nacheifern, und der Nivellierung jedes Andersseins Vorschub leisten. Pasolini-Kenner Hans Ulrich Beck gibt in seinem 150 Minuten langen Hörbuch einen spannenden Ein- und Überblick in Leben und Werk des großen italienischen Poeten, Filmemachers, Künstlers, politischen Streiters. Wichtige Ereignisse in seinem Leben werden künstlerischen Entwicklungen gegenüber gestellt und treten dabei in einen spannenden Dialog. Mitunter zeigt sich Pasolini als Prophet, wenn er die politische und gesellschaftliche Entwicklung Italiens vorhersieht. Seine antikolonialistische Haltung – Pasolini war ein vehementer Verfechter einer Vielfalt der Kulturen, Sprachen, Ausdrucksformen, Sexualitäten – findet heute in queeren Theorien ihre gedankliche Fortsetzung. Das auf dem kleinen Hörbuchlabel Edition Apollon erschienene Hörbuch macht aber auch Lust wieder einmal Pasolini zu lesen oder einen seiner Filme in den DVD-Player zu schieben.

Hans Ulrich Reck: Pier Paolo Pasolini – Poetisch Philosophisches Porträt. Hörbuch, 2 CDs. Edition Apollon 2012

Queer zur Norm

Schwul-lesbische Emanzipationsbewegungen, untrennbar verbunden mit der Entwicklung schwul-lesbischer Identitäten, haben ihren Ausdruck in der „gay pride“ gefunden. Dieser emanzipatorische Prozess führt jedoch zu einer Herausbildung von Normstrukturen, die zwar nicht der heterosexuellen Welt entsprechen, jedoch mit einer Ausgrenzung anderer Geschlechtsidentitäten und Lebensweisen einhergehen. Die Beiträge in diesem Sammelband stellen Lebensformen vor, die weder in die heterosexuellen, noch in die homosexuellen Identitätsnormen passen und beleuchten die Problematik der zweigeschlechtlichen Ordnung. Dabei ist beispielsweise von Drag-Kinging und lesbischen Transmännern die Rede, die durch ihre männlichen Inszenierungen in lesbischen Frauenräumen nicht willkommen zu sein scheinen oder mit Vorwürfen der Imitation heterosexuellen Normen konfrontiert werden. Des Weiteren setzt sich der Artikel von Robin Bauer mit der queeren BDSM-Szene auseinander, die er als Spielplatz zur Erkundung von Geschlecht beschreibt, wo Geschlechtervielfalt große Wertschätzung erfährt, jedoch der Transfer in die Mainstreamgesellschaft aufgrund dominierender heteronormativer Strukturen nur begrenzt möglich ist. (Rezension Carina Haselmayer)

Volker Weiß, Bodo Niendel (Hg.): Queer zur Norm. Leben jenseits einer schwulen und lesbischen Identität. Hamburg: Männerschwarm 2012 (=Edition Waldschlösschen, 11), erhältlich bei Löwenherz

Gender im Gedicht

Man sollte in literaturwissenschaftlicher Queer- und Genderforschung und Diskursanalyse firm sein, um den Ausführungen Stefan Schukowski in seiner Untersuchung „Zur Diskursreaktivität homoerotischer Lyrik“ folgen zu können. In der queeren Literaturwissenschaft sieht er einen Schwerpunkt in der Beschäftigung mit erzählenden und dramatischen Texten, deren Analyse zudem häufig rein inhaltlich, also diskursmimetisch, erfolgt. Lyrik als „relevantes Objekt genderwissenschaftlicher Forschung“ betrachtend liegt Schukowskis „Hauptaugenmerk auf den jeweiligen ästhetischen Realisierungen diskursiver Strukturen in lyrikhaften Texten“. Bei den ausgewählten Texten geht es ihm um eine „dezidiert punktuelle Analyse“, nicht um einen „repräsentativen Durchgang durch die männlich-homoerotische Lyrik Europas“, weshalb eher unbekannte Lyrik aus mehreren europäischen Sprache und einem Zeitraum von über 130 Jahren Grundlage der Studie ist. Die spezifische Medialität von Lyrik stellt sich dabei als für für die genderspezifische Forschung besonders geeignet heraus. In einem Exkurs wendet Schukowski die von ihm erarbeiteten Analysekriterien auf die Diskursreaktivität in der Fotografie an.

Stefan Schukowski: Gender im Gedicht. Zur Diskursreaktivität homoerotischer Lyrik. Bielefeld: Transcript 2013, erhältlich bei Löwenherz

Ulrike Ottinger

Zwischen überhöhter Künstlichkeit und Dokumentation, zwischen den Geschlechtern und zwischen östlicher und westlicher Welt changiert das Werk der Künstlerin Ulrike Ottinger. „Mäanderndes Erzählen“ nennt es Kristina Jaspers in ihrem Beitrag über die „poetischen Bildwelten der Ulrike Ottinger“. Der aufwändig gedruckte Bildband gibt einen Überblick über das filmische Werk von Ulrike Ottinger, wobei leider der anarchische Kultfilm „Madame X“, der eine frühe filmische Manifestation queeren Denkens ist, keine Aufmerksamkeit findet. Ab „Freak Orlando“ wandte sich Ottinger einem dokumentarischen Kino zu, in das die Regisseurin inszenierend eingreift. Filmstills, Installationen, Auszüge aus den Dreh- und Skizzenbüchern zeigen, dass Ulrike Ottinger vor allem Künstlerin bleibt, auf die Macht der Bilder vertrauend. Seit der Zeit nach „Madame X“ ist sie mit Elfriede Jelinek befreundet, die auch in „Prater“ auftritt, einem Film mit „betörenden Bildern und abwechslungsreichen Erzählungen“, eine Hommage an einen zauberhaften Ort in Wien. Eine gelungene, bunte Einführung in Ulrike Ottingers Werk und Welt.

Ingvild Goetz/Karsten Löckemann/Susanne Touw (Hg.): Ulrike Ottinger. Ostfildern: Hatje Cantz 2012

Mephisto

Als Klaus Manns Schlüsselroman 1936 im Exil erschien, war die Vorlage für den opportunistischen Schauspieler Hendrik Höfgen, der deutsche „Staatsschauspieler“ Gustaf Gründgens, bereits einer der unumstrittenen Stars des nationalsozialistischen Kulturlebens. Einige Jahre zuvor waren Klaus und seine Schwester Erika Mann noch eng mit Gründgens befreundet, Erika war sogar einige Jahre mit ihm verheiratet, obwohl beide homosexuell waren. In ihrer Analyse von Buch und Film hebt Karina von Lindeiner-Stráský auch hervor, dass Mann hier in einem entscheidenden Detail vom Vorbild abwich, wohl weil er als homosexueller Autor keinen homosexuellen Antihelden schaffen wollte. Ausgehend von der Intermedialität, der stofflichen und inhaltlichen Beeinflussung der beiden Medien, analysiert die Autorin zuerst Struktur und Figuren des Romans und setzte sich mit dessen Thematik und Handlung auseinander. Nach einer strukturell ähnlichen Analyse des Films vergleicht sie entscheidende Szenen des Romans mit dem Film. Für Forschende besonders interessant sind auch die Materialien im Anhang: Neben einem Inhaltsprotokoll des Romans, findet man ein detailliertes Sequenzprotokoll des Films und ausführliche Einstellungsanalysen.

Karina von Lindeiner-Stráský: Die Mehrfarbigkeit der Vergangenheit. István Szabós Adaption von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013

Regenbogenfamilien

Als angehenden Pädagogen interessieren Michael Plaß gesellschaftliche Strukturen, wobei er interdisziplinär vorgeht und Pädagogik, Psychologie und Soziologie als Grundlagen für seine Diskursanalyse zur Sozialisation in Regenbogenfamilien heranzieht. Dabei interessiert ihn vor allem die Frage, warum ausnahmslos alle Diskursstränge von einer Konzentration „auf möglich Defizite in Regenbogenfamilien gegenüber den traditionellen“ durchzogen sind. Gerade Regenbogenfamilien wohlmeinend gegenüberstehende Forscher_innen scheinen einem Rechtfertigungsdruck zu unterliegen, der sie die heteronormativen Ordnungen unserer Gesellschaft als gegeben akzeptieren lässt. Defensiv seien die Diskursstränge vor allem deshalb, weil sie „sich permanent darum drehen, Vorurteile zu widerlegen, anstatt in einer offensiven Haltung eigene Akzente zu setzen“. So wird die heterosexuelle Elternschaft zur „goldenen Messlatte“ für alle zentralen Fragen. Sind Homosexuelle gute oder schlechte Eltern? Wie sieht es mit der Rollenverteilung aber auch mit den Rollenvorbildern bei gleichgeschlechtlichen Elternpaaren aus? Kommt es bei Kindern homosexueller zu Störungen der Geschlechtsidentität – natürlich aus dem heteronormativen Blickwinkel betrachtet. Letztlich geht es immer um die Frage „normal/anormal“; und dabei ist der Standpunkt entscheidend. Zum Abschluss seiner Analyse stellt Michael Plaß eine entscheidende Frage: „Kann die Defizit-Diskussion beendet werden, solange die Grundstruktur der mitteleuropäischen Gesellschaft heteronormiert ist?“ Eine eindeutige Antwort darauf lässt sich nicht so einfach geben, Ziel der pädagogischen Wissenschaft muss es aber sein, Menschen nicht durch Reglementierungen zu hierarchisieren.

Michael Plaß: Diskursanalyse zur Sozialisation in Regenbogenfamilien. Homosexualität und Heteronormativität. Münster: LIT Verlag 2012 (=Reform und Innovation. Beiträge pädagogischer Forschung, 21), erhältlich bei Löwenherz

 

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