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Überleben

Verfasst von am 16. September 2013 – 13:06Kein Kommentar

Die österreichische Autorin Marlen Schachinger versucht sich an der schwierigen Aufgabe, die Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit in einem Roman zu erzählen. Manuela Bauer hat für QWIEN den gelungenen Faction-Roman gelesen.

Die junge, aus Sarajevo stammende Historikerin und  Dokumentarfilmerin Lea lernt bei einer Wanderung auf der Rax Marie, eine rüstige, lebensbejahende Frau in den Achzigern kennen, die ihr sprichwörtlich vor die Füße fällt und sich verletzt. Nachdem Marie aus dem Krankenhaus entlassen wird, kümmert sich Lea um sie und schon bald entsteht eine enge Verbundenheit und Freundschaft zwischen den ungleichen Frauen. Lea ist eine hoffnungslose Pessimistin, die sich einzig und allein – und beinahe schon exzessiv – ihrer Arbeit widmet, oftmals unsicher wirkt und vergessen hat, dass das Leben auch schöne Seiten haben kann. Marie dagegen ist fröhlich, genießt das Leben und die Zeit, die ihr noch bleibt, und lebt ausschließlich in der Gegenwart. Ihre Vergangenheit ist ein Kapitel, über das sie kaum spricht. Auf der Premiere ihres Dokumentarfilms zum Thema sexualisierte Gewalt in NS-Konzentrationslagern lernt Lea Carla kennen und verliebt sich auf den ersten Blick in die attraktive Frau. Die beiden verbringen eine Nacht miteinander und trotz der Zweifel, die Lea hegt und einer kurz davor gescheiterten Beziehung werden Carla und sie ein Paar.

Im Zuge ihres neuen Projekts reist Lea unter anderem in das ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück. Die Eindrücke, die sie dort gewinnt und das Wissen, dass Marie einst an diesem Ort in einem Lagerbordell missbraucht wurde, bringen Lea physisch und psychisch an ihre Grenzen. Immer mehr beginnt die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verschmelzen und immer mehr scheint die Gegenwart keinen Platz mehr in Leas Leben zu haben, weshalb sie befürchtet, aufgrund all der Dinge, die sie sehen und lesen musste, verrückt zu werden. Weder Carla, die Lea inständig bittet, die Arbeit an diesem Projekt einzustellen, noch Marie scheinen ihr aus dieser Krise heraushelfen zu können. Erst als Marie beschließt, mit Lea zu verreisen und fernab von ihrer Arbeit einige ruhige und entspannte Tage mit ihr zu verbringen, beginnt sich Leas Zustand wieder zu bessern. In diesen Tagen findet Marie auch erstmals die Kraft, mit Lea über ihre Vergangenheit zu sprechen. Über Sophie, ihre große Liebe, die in den 1960er Jahren vor Maries Augen durch einen Autounfall den Tod fand. Über ihren Mann Hans, der gleichfalls homosexuell, Marie 1939 zur Tarnung heiratete und 1943 im Konzentrationslager Mauthausen starb. Über all die Menschen in ihrem Leben, die die Zeit des Terrors nicht überlebt haben.

Trendiges Genre

Kurze Zeit nach Fertigstellung des Films stirbt Marie. Doch Lea hat aus der knapp einjährigen Freundschaft mit ihr gelernt, dass das Leben zu kostbar ist, um es ständig mit negativen Gefühlen und Angst zu vergeuden. Vielmehr sollte jeder Tag zählen, denn wie hätte Marie gesagt: Wenn dieser Tag dein letzter wäre, was würdest du heute tun wollen?

Marlen Schachinger folgt in ¡Leben! einem neuen Trend, romanhafte Fiction mit historischen Fakten zu verbinden, weshalb sie ihr Buch auch einen Faction-Roman nennt. Die Autorin wechselt in der Erzählung immer wieder zwischen Gegenwart, Vorvergangenheit und Passagen aus dem Dokumentarfilm, was zu Beginn durchaus verwirrend wirken mag. Trotzdem gelingt es der Autorin eine Spannung aufzubauen, sodass man doch wissen möchte, wie die Geschichte nun endet. Die Textstellen zu dem historisch-wissenschaftlichen Teil des Buches, in dem auf die Geschichte der Homosexuellenverfolgung während der NS-Zeit und den § 129 Ib eingegangen wird, sind gut recherchiert, da sich Schachinger größtenteils an Standardwerke von Günther Grau und Claudia Schoppmann orientiert hat. Die auf Tatsachen beruhenden Begebenheiten dieses Buches sind auch für Laien, die sich bislang kaum oder gar nicht mit der Verfolgung homosexueller Männer und Frauen im Nationalsozialismus beschäftigt haben, gut verständlich und als erster Einstieg und Basiswissen  geeignet und empfehlenswert.

Marlen Schachinger: ¡Leben! Graz: Leykam 2013; erhältlich bei Löwenherz

Lesung mit Marlen Schachinger am Dienstag, 24. 9. 2013, ab 19 Uhr, im Gugg, Heumühlgasse 14, 1040 Wien

 

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