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Gewalt und Handlungsmacht

Verfasst von am 30. September 2013 – 11:31Kein Kommentar

Das Gender Initiativkolleg (GIK) an der Universität Wien hat in einem Sammelband eine Ringvorlesung dokumentiert. Phi* Schneeweiß hat das Buch für QWIEN gelesen.

Der vorliegende Sammelband, verfasst und kollektiv herausgegeben von den Doktorats-Absolvent_innen des Gender Initiativkollegs Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht im Zeitalter der Globalisierung der Universität Wien und basierend auf der Ringvorlesung im Sommersemester 2011 zu Gewalt und Handlungsmacht. Feministische Perspektiven, gibt Einblicke in Wechselverhältnisse von Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht. Dabei ist es der Anspruch der Autor_innen, in queer-feministischer Perspektive feministische Gewaltdebatten weiter zu entwickeln und sich mit deren Widersprüchen sowie mit den Widersprüchen gesellschaftlich dominanter Anti-/Gewaltdiskurse kritisch zu beschäftigen. Insofern konsequent und interessant ist der dialogische Aufbau des Buches: Jedem Text antwortet eine Respondenz einer_s weiteren Autors_in. Den thematischen Rahmen des Buches bildet das Forschungs- und Spannungsfeld zwischen Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht, mit dem sich die Autor_innen aus unterschiedlichen inter_trans_disziplinären Perspektiven thematisch vielfältig beschäftigen. Ein besonderes Anliegen des Buches scheinen queer_feministische selbstkritische Auseinandersetzungen mit eigenen, strukturellen und individuellen Rassismen darzustellen – wobei die Autor_innen durchgehend weiß und westlich positioniert sind. Die Widersprüche, die eine solche Situation hervorruft – zwischen nötiger selbstkritischer Praxis und weißer (wissenschaftlicher) Selbstprofilierung mit den Kritiken Schwarzer und Queer-Feministinnen_ of Color sowie mangelnder praktischer Umverteilung weißer akademischer Privilegien und Verschleierung eigener Rassismen –  fallen auch in diesem Buch auf. Während jedoch in Titel und Einleitung der Eindruck erweckt wird, die_der Leser_in habe es hier mit einem Überblickswerk zu tun, werden nur bestimmte Gewaltformen zum Thema. „Andere“ wie etwa ableistische Gewalt, die Gewalt gegen Menschen mit Behinderung, oder Gewalt gegen intersexuelle Menschen werden ausgelassen und diese Auslassungen selbst nicht benannt.

Neue Widersprüche?

In Weiterentwicklungen und (neue) Widersprüche – eine Einleitung zu queer_feministischen Gewaltdebatten definieren Anna Petran und Johanna Louise Thiel einleitend Gewaltbegriffe, von struktureller (ökonomischer – symbolischer – und/oder diskursiver) Gewalt über direkte – körperliche und/oder psychische – zu symbolischer, epistemischer und normativer Gewalt. Diese Gewaltformen begreifen sie als miteinander verknüpft, sie bedingen einander. Dabei kommt eine wesentliche vergeschlechtlichte Dimension zum Tragen, denn hegemonialer Männlichkeit sei grundlegend Gewalt eingeschrieben.

In dieser Auflistung verschiedener, miteinander verbundener Gewaltformen fällt mir die marginale Thematisierung geschlechtsbasierter direkter Gewalt in nahen und nächsten Beziehungen auf. Während die Autor_innen entsprechend des State of the Art aktueller queer-/feministischer Gewalttheorien ihren Gewaltbegriff in Richtung symbolischer und repräsentativer Gewalt erweitern, gehen sie sehr wenig auf direkte, physische und psychische Gewalt, zumal in der Privatsphäre, ein. Diese Schwerpunktsetzung könnte allerdings eine Tendenz akademischer (auch queer-/feministischer Anti-Gewalt-) Debatten widerspiegeln, konkrete Gewaltverhältnisse zu entpolitisieren und von ihnen sowie ihrer – hoch politischen – realen Bekämpfung zu abstrahieren. Hingegen scheint es mir wichtig, verschiedene – ja immer miteinander verbundene – Gewaltformen nicht gegeneinander auszuspielen. Die Autor_innen nehmen für die verschiedenen Texte des Buches in Anspruch, unterschiedliche Gewaltbegriffe zu verwenden, allgemeingültige Gewaltdefinitionen finden sie schwierig.

Ihre Einleitung bietet einen sehr guten Einblick in queer-feministische Gewaltbegriffe sowie einen historischen Überblick feministischer Gewaltdebatten, wobei in letzterem – allzu linear erzählt – die Wechselbeziehungen zwischen den diese Antigewaltdiskurse wesentlich bedingenden Faktoren und Zusammenhängen meines Erachtens zu kurz kommen.

Es fällt zudem – zumal bei einem queer-feministischen Anspruch – auf, dass Petran und Thiel in ihrem Text ausschließlich Gewalt im Geschlechterverhältnis gegen Frauen_ thematisieren und vergeschlechtlichte Gewalt gegen genderqueere, trans*, inter Personen und weitere Personen außerhalb der Zweigeschlechterordnung völlig verschweigen. Während die intersektionale Analyse zwar theoretisches Anliegen ist, wird sie zudem erst in einem nächsten Schritt praktiziert, während Geschlecht zunächst als losgelöst für sich stehende Kategorie besprochen wird. Auch die Behauptung der Autor_innen, queer_feministische Gewaltdebatten unterschieden sich „von ihren [feministischen, Anm. P.S.] Anfängen durch ein verstärktes Bewusstsein für ihre selbstproduzierten Ausschlüsse“, scheint mir doch fraglich und angesichts insbesondere rassistischer, ableistischer, lookistischer und vieler weiterer Ausschlüsse in queer-feministischen Szenen und Theorien doch etwas selbstherrlich.

Wichtig ist Petran und Thiel ein intersektionales Verständnis von Gewaltverhältnissen, das auf den Kritiken jüdischer_Schwarzer_Feministinnen_ of Color an weißem dominantem Mittelschichtsfeminismus ebenso wie an den breiteren gesellschaftlichen (sozialen, politischen, ökonomischen) Verhältnissen basiert und überhaupt von Schwarzen und Feministinnen_ of Color entwickelt wurde: Das Geschlechterverhältnis ist mit „anderen“ Machtverhältnissen (gemeint sind etwa Rassismus, Heteronormativität, Ageismus – die Diskriminierung aufgrund des Alters, Klassismus, Ableismus, Lookismus – Diskriminierung aufgrund nicht-normkonformen Aussehens) immer verbunden, diese wirken wechselseitig und gleichzeitig mit- und ineinander. Das bedeutet zugleich – und darin sehen die Autor_innen einen Konsens feministischer Gewaltdebatten: Gewalt im Geschlechterverhältnis anzugreifen, heißt gegen soziale Machtverhältnisse zu kämpfen. Ein weiteres Anliegen ist es ihnen in feministischer Tradition, vergeschlechtlichte dichotome und starre Zuschreibungen an Täter_ und Opfer aufzulösen und der Komplexität der Geschlechterverhältnisse gerecht zu werden.

Gewalt und Handlungsmacht

In einem nächsten Schritt wird das Konzept der Handlungsmacht im Kontext struktureller wie direkter Gewalt eingeführt. Dieser Zusammenhang zwischen Gewalt und Handlungsmacht bildet für die Autor_innen ein Spannungsverhältnis, das sie in feministischen, queeren, postkolonialen wie intersektionalen Sichtweisen innerhalb der Gewaltdebatte widergespiegelt finden. Es geht hierbei um die schwierige Aufgabe, Gewalt zu thematisieren, ohne die Betroffenen abermals zu viktimisieren, indem ihnen jede Handlungsmacht abgesprochen wird; und zugleich Handlungsmacht zu besprechen, ohne Gewalt zu verharmlosen.

Ein spannendes Beispiel intersektionaler Analyse, das Petran und Thiel thematisieren, sind neoliberale staatliche Regulierungen von Männergewalt gegen Frauen_, in denen soziale Ungleichheit in Hinblick auf Klassismus und (insbesondere anti-muslimischen) Rassismus verstärkt werde, indem das Problem der Gewalt auf „die Anderen“ projiziert wird. In diesen neoliberalen Regulierungsregimes würden feministische Antigewaltdiskurse instrumentalisiert und strukturelle wie epistemische Gewalt ausgeübt. Hier ist Judith Butlers Analyse der Konstruktion betrauernswerten Lebens einerseits und solchen Lebens, das nicht betrauert wird, nicht schützenswert scheint, nicht als wertvoll gilt, andererseits von Bedeutung. Die Autor_innen fragen weiter, wie diese Überlegungen sich nun auf die Bedingungen von Handlungsmacht auswirken. Wichtig ist ihnen schließlich, mit der Arbeit an Begriffen und Konzepten in bestehende Gewaltpraktiken und -verhältnisse einzugreifen und diese zu bekämpfen. So schreiben Petran und Thiel in einem schönen Satz sinngemäß, theoretische Ansätze hätten sich an den Möglichkeiten zu messen, die sie für gesellschaftliche Veränderung eröffneten. Ihr Schluss daraus, sich als Queer-Feministinnen_ in gesellschaftliche Kämpfe über Deutungshoheit darüber, was als Gewalt gelte, einzumischen, argumentiert nach all der intersektionalen Analyse merkwürdig abgetrennt. Viel interessanter scheint es mir, über Allianzen zwischen marginalisierten emanzipatorischen Kämpfen zu sprechen.

Innerfeministische Machtverhältnisse

Ausgehend von dieser Einleitung widmet sich das Buch vier thematischen Themenblöcken im Zusammenhang von Geschlecht – Gewalt – Handlungsmacht: So geht es den Autor_innen in Kritische Perspektiven auf innerfeministische Machtverhältnisse zunächst um eine inner-queer-/feministische Selbstkritik hinsichtlich eigener Ausschlüsse und Machtverhältnisse, verbunden mit einer grundlegenden Diskussion um Wert und Preis kategorialer Einordnungen an sich. In Von den Kämpfen aus: Eine Problematisierung grundlegender Kategorien will Isabell Lorey nicht die richtigen, die wichtigen oder die ausgeschlossenen Kategorien diskutieren, sondern verweist darauf, dass Kategorien – wie vervielfältigt und erweitert sie auch sein mögen – in ihren für die Kategorienbildung nötigen Grenzziehungen immer etwas entgehen muss. Folglich kritisiert Lorey auch die Intersektionalitätsdebatte dahingehend, durch ein Festhalten an grundlegenden Analysekategorien wie „Rasse“, Klasse, Geschlecht – hier entgeht Lorey etwa Behinderung völlig – Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu re/produzieren. Während Intersektionalität historisch als ein Konzept des politischen Kampfes gelten kann, werde sie zunehmend in einem mehrheitlich weißen, hegemonial werdenden Forschungsfeld vereinnahmt. Dem setzt Lorey eine Form politischer Handlungsmacht entgegen, die auf Verweigerung und Sich-Entziehen beruht und mit den politisch-sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfen verbunden bleibt. Lorey geht es also insbesondere um die Konflikte und politischen Kämpfe, in denen grundlegende Kategorisierungen daraufhin kritisiert werden, welche Herrschaftsverhältnisse sie re/produzieren und zum Thema wird, dass sie immer wieder scheitern.

Katharina Maly spricht in Verharren in der Spannung: Intersektionalität und Kategorie in einer Respondenz von der Spannung zwischen dem Bezug auf und der Destabilisierung von Kategorien. Diese beiden Möglichkeiten müssten einander jedoch nicht ausschließen, nicht in einem streng antagonistischen Verhältnis zueinander stehen, sie könnten vielmehr in einer spannungsgeladenen Gleichzeitigkeit und in Beziehung zueinander existieren.

In Queer Trouble: The Evasion of Race in Queer and Feminist Practice geht es Jennifer Petzen am Beispiel Berlins dann um konkrete rassistische Ausschlüsse und die Reproduktion rassistischer Strukturen im Kontext der deutschen Intersektionalitätsdebatte, feministischer und Queer Studies sowie queer-feministischer politischer Aktivismen.

Petzen stellt fest, dass intersektionale Theorien und Forschung sowie politische Kritik zuerst von Feministinnen_ of Color entwickelt wurden. Dieses Wissen werde nun im Kontext weißer Dominanz in der Academia von weißen Wissenschaftler_innen angeeignet und gedeutet, wobei die Deutungsmacht aufgrund rassistischer Strukturen überaus ungleich verteilt sei. Petzen spricht in diesem Zusammenhang von white curatorship und rassistischer Wissensproduktion, in der Wissensarchive gebildet würden, in welchen das Wissen von Feministinnen_ of Color und Schwarzen Feministinnen_ oft entpolitisiert werde und zu weißen Karrieren verhelfe – von weißen, die keine Verantwortung für ihre privilegierte Position übernähmen.

Petzen plädiert für eine kritische Praxis von Positionalität: In einem akademischen Kontext, in dem die (pseudo-)selbstkritische Selbstpositionierung als weiße privilegierter Personen zum guten Ton und Standard geworden sei und trotzdem nach wie vor rassistische Ausschlussdynamiken und -strukturen bestünden, führt Petzen Sara Ahmeds Konzept der (Nicht-)Performativität antirassistischer Diskurse ein: Nicht oder anti-rassistisches Sprechen habe danach nicht unbedingt eine ebensolche Wirkung. Ein solches Sprechen könne vielmehr auch zur Stabilisierung weißer Macht verwendet werden. Hingegen fordert Petzen von weißen Queer-Feministinnen_ eine performative, in den Auswirkungen wirksame Positionalität und Bündnispolitik, die sich nicht scheut, in rassistische Situationen einzugreifen – wenn etwa das Wissen von Feministinnen_ of Color durch weiße Queer-/Feministinnen_ strukturell wie individuell angeeignet wird.

Anna Böcker benennt und analysiert in einer Respondenz (Rassismus schreiben und schweigen) rassistische Ausschlüsse und Machtverhältnisse in queer-feministischen Wissenschaften als epistemische Gewalt.

Gewalt und Widerstand

Im zweiten Themenblock geht es um die Vermittlungen von Struktur, Diskurs und Handlungsmacht.

In Gewalt und Widerstand: Gesellschaftliche Strukturen, diskursive Normen und körperliches Handeln thematisiert Anna Petran den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und körperlichen Praktiken vor dem Hintergrund der Annahme eines – wenn auch spannungsgeladenen – gemeinsamen Bestehens der Gewaltbetroffenheit von Frauen_ und ihrer Handlungsmacht. Durchaus übereinstimmend mit diesem Anspruch, jedoch im Gegensatz zu Petran, beschreibt Esther Mandl in Anorexie, Gewalt und Handlungsmacht Anorexie nicht ausschließend als gewaltvolle selbstverletzende Praxis, sondern sieht sie in einer paradoxen Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Widerstand.

Mit den Ambivalenzen von Handlungsmacht in Gewaltverhältnissen beschäftigt sich auch Ruth Seifert in Gender und die „Liberal Peace“-Agenda in der Nachkriegs-Rekonstruktion in Hinblick auf liberale Postkonflikt-Regime. Seifert geht es um die widersprüchlichen Subjektivierungsanforderungen an Frauen_ in Postkonflikt-Situationen: Ob diese im Sinne der liberalen Agenda gelingen und damit verbunden – umgekehrt gesprochen – Frauen_ von liberaler Nachkriegs-Rekonstruktion im Sinne einer Ermächtigung oder Erweiterung ihrer Handlungsmacht profitieren, hängt wesentlich von deren (verschiedener) sozio-ökonomischer Position ab. Erfreulich vertritt Seifert als ein_e Autor_in von leider sehr wenigen in diesem Band einen Ansatz, in dem Kapitalismus als Macht- und Gewaltverhältnis konsequent in die Analyse und Kritik einbezogen wird.

Johanna Louise Thiel beschreibt in einer Respondenz, Sprechen von Gewalt zwischen Krieg und Frieden?, ausgehend von einer grundsätzlichen menschlichen Verletzbarkeit Gewalt als Organisationsprinzip von Nationalstaaten und kritisiert das vorherrschende Schweigen über sexualisierte Gewalt und Gewalt in Sexualität im Kontext sexistischer Verhältnisse in Nachkriegsgesellschaften.

Subjektivierung

Im dritten Themenblock, Subjektivierung zwischen Gewalt und Handlungsmacht, reichen die Aufsätze von einer sozialpsychologischen Beschäftigung mit der Bedeutung männlicher sexualisierter Gewalt in Kriegen für männliche Subjektkonstitution (Rolf Pohl: Die Zerstörung der Frau als Subjekt: Macht und Sexualität als Antriebskräfte männlicher Vergewaltigungsstrategien im Krieg, mit einer Kritik von Barbara Kraml: Das feminisierte Opfer: Anmerkungen zu vergeschlechtlichten hierarchischen Monopolisierungen) über medienwissenschaftliche Beiträge (Brigitte Hipfl: Medien – Gewalt – Handlungsmacht und Aleksandra Vedernjak-Barsegiani: Medien und Geschlecht – ein Plädoyer für interdisziplinäres Weiterdenken) zu Eliza Steinbocks The Violence of the Cut: Transsexual Homeopathy and Cinematic Aesthetics, in dem es am Beispiel geschlechtsangleichender Operationen um transsexuelle Subjektwerdung im Spannungfeld von Medikalisierung und Ermächtigung geht. Steinbock kritisiert die auch in feministischen Debatten verbreitete Deutung von Transsexualität als einer von Gewalt und Unterwerfung (unter Geschlechternormen) geprägten Subjektform und beschreibt, wie gewaltförmige Praktiken (Cuts) im Kontext von Transsexualität zu einer Quelle von Handlungsmacht gemacht werden können. In Spectacle and Disembodiment beschäftigt sich Nora Koller im Anschluss an Steinbock mit dem spannenden Konzept des Disembodiment (Entkörperung) und beschreibt, wie die Herstellung eines biologischen Geschlechts zwangsläufig und bei cissexuellen ebenso wie bei transsexuellen Subjekten durch eine Spaltung von eigenem Selbst und Körper begleitet wird.

Im vierten Themenblock zu Gewalt von Diskursen über Migration und Grenzen analysiert Mona Singer zunächst eine aktuellen Debatten um Migration (von politisch rechts über liberal bis links) meist inhärente Verlust- und Mangelperspektive auf Migration (Retro-Figuren des kulturell Anderen: Wider die kulturalistische Viktimisierung von Migrant_innen). Eine solche Perspektive kennzeichnet Singer als epistemisch gewaltvoll und Migrant_innen viktimisierend. Hingegen schlägt Singer ein Verständnis von Migration als Ermöglichung von Kritik und Erkenntnis vor. Darauf antwortend beschreibt Josef Barla in Flucht und Migration als Kritik? kritisch Tendenzen zur Romantisierung und gleichzeitig Viktimisierung innerhalb der (Kritischen) Migrationsforschung. Barla will Gewalt und Handlungsmacht weder negieren noch überbetonen und setzt sich dahingehend abwägend in (pro)feministisch-antirassistischer Absicht kritisch mit poststrukturalistischer Migrationsforschung und antikapitalistisch-marxistischen Ansätzen im Zusammenhang der (Kritischen) Migrationsforschung auseinander. In Sex on the Move: Gender, Subjektivität und differenzielle Inklusion kritisiert Rutvica Andrijašević die gesellschaftlich vorherrschende Vorstellung statischer Grenzen sowie einer starren Dualität von Inklusion und Exklusion und pocht auf die Berücksichtigung der Handlungsfähigkeit von Migrant_innen, mit der differenzielle Inklusion und die Vervielfältigung von Subjektivitäten verstehbar werden könnten. Daran anschließend beschäftigt sich Susanne Kimm am Beispiel von „Menschenhandel“ mit einer schwierigen Gleichzeitigkeit von Gewalt und Handlungsmacht im Zusammenhang des Spannungsverhältnisses von Zwang und Freiwilligkeit (Grenzen, Gewalt und Handlungsfähigkeit).

Schließlich wendet sich der letzte Themenblock den Problematiken rechtlicher Regulierungen von Gewalt zu. In Emanzipatorisches Recht – ein Widerspruch in sich? widmet sich Elisabeth Holzleithner dem Dilemma für emanzipatorisches Recht, Menschen diskriminierende Kategorien aufnehmen zu müssen, um sie zu verändern, damit aber zugleich diese Kategorien zu verfestigen. Für Holzleithner ist die Macht des Rechts nicht kontrollierbar, auf seinen emanzipatorischen Gehalt könne dennoch nicht verzichtet werden. Auch Petra Sußner beschäftigt sich in Sisyphos at Work? Zum Dilemma des Rechtsdiskurses mit dieser Thematik.

In Das österreichische Gewaltschutzgesetz und Auswirkungen auf Migrantinnen als Opfer häuslicher Gewalt kritisiert Tamar Çitak aus der Perspektive der praktischen Anti-Gewalt-Arbeit anhand konkreter Beispiele die problematischen Auswirkungen staatlicher Gewaltschutzmaßnahmen für gewaltbetroffene Migrantinnen_ in Österreich. Und schließlich beschäftigt sich Kerstin Tiefenbacher in Auswege aus der Debatte um die Kulturalisierung von Gewalt mit dieser Debatte und kritisiert einen westlich-feministischen paternalistischen Überlegenheits- und Fortschrittsdiskurs, der Gewalt zu den rassistisch geotherten „Anderen“ verschiebt.

Insgesamt ist Gewalt und Handlungsmacht ein spannendes, thematisch breites Buch im Forschungsfeld aus Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht, welches sich an Lesende wendet, die sich mit diesem Thema bereits theoretisch beschäftigt haben. Zugleich ist es ein guter Einblick und Überblick über queer-feministische Gewaltanalysen, der aber im Rahmen akademischer Normen bleibt und Visionäres gerade in Hinblick auf die Veränderung der beschriebenen und kritisierten Gewaltverhältnisse über weite Strecken vermissen lässt.

Gewalt und Handlungsmacht. Queer_Feministische Perspektiven. Frankfurt: Campus 2012, erhältlich bei Löwenherz

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