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„to thine ownself be true“ – höchst inter*essante und berührende Lektüre

Verfasst von am 11. Oktober 2013 – 11:14Kein Kommentar

Im engagierten Berliner NoNo Verlag ist ein Buch über Intergeschlechtlichkeit erschienen. Sara Ablinger hat es gelesen.

Als feministische Person, die sich mit Geschlechterdiskursen auseinandersetzt, schätze ich selbst-definitorische Erfahrungsberichte minorisierter Gruppen. Zu manchen zähle ich mich selbst, zu manchen nicht – deswegen ist es für alle Menschen, für mich, wichtig, die Stimmen anderer aufmerksam und achtsam zu hören, ehe mensch selbst das Maul aufreisst. Die eigenen Privilegien zu hinterfragen sollte viel mehr an der Tagesordnung stehen.

Daher empfehle ich dieses achtsam geschriebene Buch auch aller wärmstens. Aus feministischer Sicht, aus queerer Sicht, aus der Sicht einer als Frau sozialisierten Person zeigt mir dieses Buch aufs Neue, dass die Erfahrungen von Intersex Personen – im Folgenden und in Zukunft von mir Inters* genannt (wie auch im Buch verwendet) – in aktuellen Diskursen um Geschlecht, Identität, Körper und Sexualität thematisiert werden müssen.

Bereits beim Vorwort bin ich begeistert, dass auch die Positionen der Inters* nicht nur weiße, eurozentrische sind. So finden sich Texte von Menschen aus Argentinien, Australien, Deutschland, Costa Rica, Schweden, Serbien, Südafrika, Taiwan und der Türkei. Auch Beiträge von bekannte(re)n Künstler_innen wie Ins A Kromminga oder Del LaGrace Volcano kommen vor.

Das Buch ist perfekt für Betroffene und interessierte, sich solidarisierende Einsteiger_innen : es enthält grundlegende Erklärungen, einen Glossar, einen Informationsteil mit Organisationslisten aus dem deutschsprachigen Raum und einen Verweis, weshalb es keine Triggerwarnungen gibt.

Da es keine Triggerwarnungen gibt, liest mensch „natürlich“ Texte, die von den Gewalterfahrungen, Übergriffen, Kämpfen und Diskriminierungen von Inters* erzählen, ebenso wie von ihrer Kraft, die sich durch das Überleben dieser Lebensumstände und ihren Strategien im Umgang damit zeigt.

„Keine medizinischen Fachbegriffe, keine detaillierten Beschreibungen von Operationen und Untersuchungen. Ich wollte erzählen, wie ich meinen Körper gelebt habe und lebe, wie ich ihn selbst empfinde und wie er wahrgenommen wird, in Bezug auf mich selbst und auf meine Umwelt. […] Erste Regel: Nicht entdeckt werden. Zweite Regel: So tun als ob. Dritte Regel: Sich verstecken.“ [erminia „zehn rückblenden“, S.15ff.]

Del LaGrace Volcanos Fotoprojekt „Visibly Intersex“ kannte ich schon von meiner Diplomarbeit „TRANS*NORM – Zeitgenössische Fotografie im Kontext von Geschlechternormen und Trans*identität“, in der auch die Kunst und Sichtbarkeit von Inters* eine große Rolle spielten (z.B. auch Ins A Krommingas tolle Arbeiten).

Spannend fand ich das Interview von Natasha Jiménez und Mauro Cabral. Natasha Jiménez lebt in Costa Rica und ist in ganz Lateinamerika bekannte Aktivistin und Malerin und koordiniert derzeit das Programm NANAEG (Niños, niñas y adolescentes que no se qpegan a las expectivas del género / Buben, Mädchen und Jugendliche, die nicht den Geschlechterrollen entsprechen), das zu MULABI – Espacio Latinoamericano de Sexualidades y Derechos / Lateinamerikanischer Raum für Sexualitäten und Rechte – gehört.

Emotional beeindruckend ist der Artikel von Phoebe Hart zu ihrem Dokumentarfilm „Orchids: My Intersex Adventure“, deutsch „Mein Leben zwischen den Geschlechtern“. Der Trailer auf www.orchids-themovie.com ist unglaublich berührend. Mein Gedanke: den muss ich ganz bald sehen!

Ulrike Klöppel, seit 2011 Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) im Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, liefert in ihrem Artikel „Medikalisierung „uneindeutigen“ Geschlechts“ einen tollen historischen Überblick.

Ins A Kromminga präsentiert mit „Herm Kunst. Das Persönliche ist politisch“ ihre* Werke – mit einem Wort wunderbar! Ich finde ja ihre* Arbeiten ganz hervorragend, durchwachsen von tollen historischen Referenzen auf Medizin- und Anatomieatlanten.

Und die zwei Beiträge, die mich persönlich am meisten angesprochen haben, waren jene von Maira K.: „Die Bärtige“ und „Nicht mehr Verstecken“ (S. 108 – 114). Es ist die Erzählung einer nicht-der-weiblichen-Norm-entsprechenden Frau*, die sich  irgendwann entschließt, zu ihrer Körper- und Gesichtsbehaarung zu stehen. In jedem Satz sehe ich so viele Frauen* aus meinem Leben vor mir, mich selbst eingeschlossen. Ich sehe all die Frauen, die sich in mühsamster Futzelarbeit und voller Scham und Selbsthass jedes nicht-frauen-konforme, sogenannte de-platzierte Haar entfernen. „Ich weiß nicht, wie viele Stunden, Tage, Wochen meines Lebens ich damit verbracht habe, mein Aussehen zurechtzuzupfen. Ein aussichtsloser Kampf, denn die kleinen fiesen schwarzborstigen Dinger kamen schneller wieder, als ich sie ausreißen konnte. Während ich den Bart entfernt habe, versteckte ich einen Teil von mir. Die Angst, ertappt zu werden, war meine ständige Begleiterin. Und auch die Neugier, wie es wäre, wenn ich mich nur trauen würde.“ (S. 111) Ein Zitat, das mir aus der Seele spricht.

Und besonders dieser letzte Beitrag zeigt mir, weshalb dieses Thema ein Thema für alle ist, nicht nur für jene, die medizinisch als Inters* deklariert werden. Es betrifft auch all

jene Menschen, die sich mühsamst abplagen, der Zwei-Geschlechter-Ordnung zu entsprechen. Und das sind sehr viele. Die meisten. Und alle jene, die es vielleicht persönlich nicht betrifft, die leicht in das Geschlechtersystem passen, stehen in Beziehungen mit Menschen, die versuchen, in diesem System ihrer Rolle zu entsprechen. So oder so – es betrifft alle. Mögen wir alle irgendwann zu allem stehen können.

Elisa Barth, Ben Böttger, Dan Christian Ghattas, Ina Schneider (Hg.): Inter – Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen in der Welt der zwei Geschlechter. Berlin: NoNo Verlag 2013, erhältlich bei Löwenherz

Kleiner Nachtrag:

Für meine Rezension wollte ich nochmal nachrecherchieren wann denn die Wahlfreiheit für die Geschlechtsidentität für Babies in Deutschland beschlossen wurde, schließlich wurde das überall bejubelt. Dass es gar nix zu bejubeln gibt, zeigte mir folgender Artikel, den ich als weitere Lektüre empfehle: http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2013/08/20/Intersex-Geschlechtseintrag-Saure-Gurken-Fantasien-Reale-Genitalverstummelungen

 

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