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Marko Martin – Die Nacht von San Salvador (2013)

Verfasst von am 24. Oktober 2013 – 14:49Kein Kommentar

Die Voraussetzungen können kaum günstiger sein. Der junge Journalist, aufgeschlossen und weltzugewandt, bereist, berufliches und privates Interesse miteinander verbindend, die Kontinente. Die Berichte seiner Erlebnisse und Eindrücke, seiner Gespräche und Gedanken hat der Autor und Journalist Marko Martin in seinem „Ein Fahrtenbuch“ genannten Roman „Die Nacht von San Salvador“ gesammelt (Die Andere Bibliothek 2013).

Die Wirklichkeit kann kaum ernüchternder sein. Die Hauptfigur Daniel, jener Journalist, aus dessen erzählender Feder die Berichte stammen, ist homosexuell – und damit ist eigentlich schon alles gesagt, denn nichts anderes sind seine in der Regel körperlichen Begegnungen und Erlebnisse in fremden Ländern, von denen die Geschichten handeln. Da hilft auch nichts selbstkritisch und scheinbar intellektuell Raisonniertes. Ob nun Dorfdiskotheken in Südamerika, Sauna-Clubs in Asien, Badehäuser im Nahen Osten oder Hotelzimmer in Osteuropa, Dreh- und Angelpunkt, ja Katalysator der Lebensepisoden und Aufzeichnungen des Mittzwanzigers, die aus der Perspektive des Mittdreißigers in Worte gefaßt werden, ist: Sex.

Entweder entwickeln sich die Geschichten aus sexuellen Kontakten oder sie kumulieren in ihnen, oder mit dem Koitus beginnen und verenden sie gleichermaßen. Die Partner Daniels oder die Männer, die er beobachtet und beschreibt, bleiben Schemen, die Begegnungen oberflächlich und reduziert, wie es one-night-stands eben sind.

Für die einzelnen Geschichten sind die beschriebenen sexuellen Erlebnisse in der Regel zudem nutzlos. Die „Nacht von San Salvador“ zieht ihre Brisanz und ihre Wirkmächtigkeit nicht daraus, daß die beiden männlichen Protagonisten gemeinsam Geschlechtsverkehr haben, jede andere Konstellation hätte dieselbe Funktion in der Erzählung erfüllen können.

Das Klischee des aktiven Schwulen in den offenen 1990er Jahren, portionsweise auf rund 500 Seiten ausgebreitet, wäre mehr als ermüdend, würde der Autor Marko Martin nicht durch eine bedächtige und unaufgeregte Sprache entschädigen, wenngleich durch die Zwänge der Figur des jungen Homosexuellen als Intellektuellem die Einfühlsamkeit von der angeberischen verbalen Wolkigkeit des Protagonisten verdrängt wird.

„Manchmal ist Sex einfach nur Sex“ sagt die Sexarbeiterin Helene in der dänischen Fernsehserie „Borgen“ (Folge 25, 2013, dt. auf ARTE). Im Erleben und den Berichten der Romanfigur Daniel ist auch nicht viel mehr als das zu finden – und dem wenigen restlichen Vielversprechenden gibt er nichts hinzu, sondern ermüdet stattdessen in der Banalität seiner Allgegenwärtigkeit. Auch im Roman ist sexuelle Orientierung nicht abendfüllend.

Marko Martin: Die Nacht von San Salvador. Ein Fahrtenbuch. Die Andere Bibliothek 345, Limitierte Ausgabe, in hochwertiges, bedrucktes und kaschiertes Papier gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen, Buchgestalter: Michael Wörgötter.

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