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Tanz der Hände

Verfasst von am 22. Januar 2014 – 14:42Kein Kommentar

Eine Ausstellung im Photoinstitut Bonartes beleuchtet Wiener Tanz- und Fotogeschichte endlich auch aus einem queeren Blickwinkel. Andreas Brunner hat sie gesehen und empfiehlt Ausstellung und Katalog nachhaltig.

Tilly und Hedy im Interessanten Blatt 1927 (Foto: Max Fenichel)

Nur Expert_innen sind die Namen Tilly Losch und Hedy Pfundmayr heute geläufig, obwohl sie von den 1920er bis in die 1940er Jahre Stars der österreichischen und internationalen Tanzszene waren. Da sie nicht nur auf der Bühne zusammen auftraten, sondern auch privat einige Jahre sehr eng waren und etwa Urlaube gemeinsam verbrachten, wurden sie in einem Wien-Reiseführer als die „zwei unzertrennlichen Balletteusen“ bezeichnet, die sich gerne in Vergnügungsetablissements wie dem Tabarin in der Annagasse sehen ließen. Ob die beiden ein Paar oder überhaupt lesbisch waren, ist letztlich egal und auch heute nicht mehr „beweisbar“, wie grundsätzlich sexuelle Identitäten nicht festgeschrieben scheinen: „Niemand wollte sich festmachen, alles sollte ausprobiert und erlebt werden. Warum sollte es eine Beschränkung auf irgendeine sexuelle Vorliebe geben? Erotik und Sexualität sollten so gelebt werden, wie sie einer/einem im Moment wünschens- und begehrenswert erschienen.“ – wie Ines Rieder in ihrem informativen Aufsatz im Katalog zur Ausstellung schreibt.

„Mit den Händen eroberten die Frauen in der Kunst erstmals Autonomie, wurden zu Akteur_innen“, erläutert Ines Rieder in einem Interview. Das erstaunlichste an den Tanzfotos ist tatsächlich, dass nicht die Beine oder das Gesicht im Zentrum stehen sondern Hände. Ausgehend vom Expressionismus, von Künstlern wie Egon Schiele oder dem expressionistischen Film (Orlacs Hände) entwickelte sich in den 1920er Jahren nicht nur in der Kunst ein regen Interesse an den Händen. Handleser_innen boomten, die Hände wurden zum Objekt zahlreicher (pseudo)wissenschaftlicher Untersuchungen. Und sie waren – und das belegt Ines Rieder in ihrem Katalogbeitrag sehr nachdrücklich – ein weit verbreiteter lesbischer Code. Seit dem 19. Jahrhundert wurden die Hände in zahlreichen Texten, aber auch in Briefen und Tagebüchern erotisiert, war das Spiel der Hände Synonym für das Liebesspiel und das Begehren von Frauen für Frauen.

Tilly Losch als Prinzessin Teeblüte im Ballett Schlagobers von Richard Strauss, 1924 Foto: Trude Fleischmann) © Theatermuseum Wien

Hinzu kommt, dass Fotografinnen mit einem weiblichen Blick auf (die Hände der) Frauen blickten. Es sind neben Fotografen wie Rudolf Koppitz vor allem Fotografinnen wie Dora Kallmus (Madame d’Ora) oder Trude Fleischmann, die selbst in lesbischen Beziehungen lebte, die die Tänzerinnen populär machten, die ihre Körper und Hände auch mit erotischen Codes aufluden. Doch zurück zu Tilly Losch, „deren Hände als die schönsten der Welt gelten“, und Hedy Pfundmayr, die körperlich robuster als ihre Partnerin in den gemeinsamen Balletten oft (als klassische Hosenrolle) die männlichen Parts spielte, während Losch oft als exotische Schönheit besetzt wurde, was ihr wohl später auch den Weg nach Hollywood ebnete. 1927 feierten Losch und Pfundmayr ein letztes Mal gemeinsam mit dem Tänzer Harald Kreutzberg bei den Salzburger Festspielen mit dem Ballett Tanz der Hände einen Triumph. Danach trennten sie sich aus heute nicht mehr eruierbaren Gründen für immer und löschten sich wechselseitig aus ihren Biografien.

Hedy Pfundmayr in Tanz der Salome, um 1924 (Foto: Dora Kallmus) © Sammlung Christian Brandstätter

Tilly Losch ging zuerst nach London, heiratete dort den schwulen Dandy Edward James (siehe die Rezension seiner Autobiografie), der Kurt Weill unter der Auflage finanziell unterstützte, dass er für Tilly eine Rolle in seiner neuen Oper Die sieben Todsünden einbaute. Später trat sie als exotische Tänzerin in Hollywood Produktionen auf. Hedy Pfundmayr blieb in Österreich, trat weiter an der Staatsoper auf und hatte eine nicht ganz unkompliziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Einerseits unterstützte sie jüdische Schüler_innen und Kolleg_innen, andererseits diente sie sich den Nazis an und wollte vor dem Führer tanzen. Davon spürt man in den Fotos, die im Photoinstitut Bonartes zu sehen sind, noch nichts. Sie sprühen vor Energie und knisternder Erotik.

Eine umfangreiche Vortragsreihe ergänzt die Ausstellung. Hinweisen möchte ich hier nur auf jenen von

Ines Rieder: Was haben Kunst und Biografie gemein?

am 28. Jänner ab 18 Uhr. Da sich das Photoinstitut Bonartes hauptsächlich als Forschungsstelle für Fotografie von den Anfängen bis in die 1930er Jahre versteht, ist sowohl für die Vorträge als auch für die Besichtigung eine Anmeldung erforderlich: +43 (1) 2360293-40 oder info@bonartes.org

Infos zu den weiteren Vorträgen: http://www.bonartes.org/

Der lesenswerte Katalog, der noch mehr Fotografien zeigt, als in der Ausstellung zu sehen sind, ist bei New Academic Press erschienen:

Monika Faber/Magdalena Vukovic (Hg.): Tanz der Hände. Tilly Losch und Hedy Pfundmayr in Fotografien 1920-1935. Wien: New Adademic Press 2014, erhältlich bei Löwenherz

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