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Wiengeschichten

Verfasst von am 28. Januar 2014 – 20:12Kein Kommentar

Über zwei Bücher, die Ausschnitte aus dem queeren Leben der Stadt dokumentieren, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Gelesen von Andreas Brunner

Es fängt schon bei den Titeln an: Hapsi Apsi Pipsi Popsi Yipsi bzw Liebe, Macht und Abenteuer. Das eine über eine queere Spassguerilla, das andere über die Geschichte der Neuen Frauenbewegung in Wien. Beides hat grundsätzlich wenig miteinander zu tun, doch vereint die beiden Bücher, dass sie Geschichtsschreibung von einer persönlichen Warte aus betreiben, mit Interviews, Erinnerungen von Zeitzeug_innen und einer Auswahl an Dokumenten und Bildern. Übereinstimmungen finden sich auch in ihrer kritischen Haltung gegenüber Macht und Machtverhältnissen, und teilweise auch in der Kritik an einer heteronormativen Gesellschaft.

Transparent (ausgestellt in geheimsache:leben)

Als die Neue Frauenbewegung Anfang der 1970er Jahre an Dynamik und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gewann, war auch noch vom Kampf gegen das Patriarchat die Rede – eine Kampfparole, die heute ganz aus der Mode gekommen ist – und über weite Strecken dokumentieren die Herausgeberinnen Käthe Kratz und Lisbeth Trallori auch den Kampf dezidiert heterosexueller Frauen um Gleichberechtigung, für das Recht auf Abtreibung und damit die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Ein Kampf der auch von zahlreichen rechtlichen Barrieren geprägt war, dem § 144 (Abtreibung), aber auch einem aus heutiger Sicht nachgerade mittelalterlich anmutendem Eherecht, das der Frau im Grunde jede Rechtsfähigkeit absprach.

Tief dringt man ein in diesen Kampf, wie in die Mühen der Ebenen, wie ein Kapitel heißt, denn auch innerhalb der Frauenbewegung gab es unterschiedliche Fraktionen, bürgerlichere und radikalere, an der praktischen Umsetzung einzelner Projekte interessierte Frauen und Theoretiker_innen, Heterosexuelle und Lesben, um die es im Buch in einem weniger als 15 Seiten langen Kapitel expressiv verbis geht. Nicht nur in den zeitgenössischen Texten aus den 1970er Jahren auch in den Interviews spürt man noch immer die Abgrenzung, die von beiden Seiten betrieben wurde. Nahmen Lesben heterosexuelle Frauen als solche wahr, die sich der Praxis verweigerten (Feminismus ist die Theorie, Lesbianismus die Praxis war eine beliebte Parole), so fühlten sich Heterofrauen von separatistischen Lesben ausgeschlossen.

Eigenartig resignativ klingt der Titel des letzten Kapitels, Ausklang, Nachklänge, und man fragt sich, was soll hier aus sein und nachklingen? Die zahlreichen interviewten Frauen wie die Herausgeberinnen sehen offenbar eine Fackel erloschen, denn es gelte „diesen Funken wieder zu entzünden!“ Doch ist diese Flamme überhaupt ausgegangen? Oder sollte man ihr Flackern nicht vielmehr in kritischen queeren Positionen suchen? Der Untertitel des Buches betreibt auch ein bisschen Etikettenschwindel, indem er vermittelt, es ginge um DIE Frauenbewegung. Im Zentrum steht aber vielmehr die Aktion Unabhängiger Frauen, die AUF, und die gleichnamige Zeitschrift, die 2011 eingestellt wurde und aus deren Umfeld das Gros der Interviewten stammt. Und auch zeitlich ist der historische Rückblick stark auf die 1970er Jahre fokussiert, was den Ausblick ins 21. Jahrhundert nicht erleichtert. Ein starkes Plus: die persönlichen Zugänge, die Erinnerungen und die wechselnden Blickwinkel, machen die Geschichte nachvollziehbar, lassen auch ein Gefühl für die Zeit aufkommen.

And now to something completely different…

Christopher Wurmdobler rechnet vor: In 20 Jahren H.A.P.P.Y wären bei mehr als 400 Veranstaltungen gut und gern 100.000 Besucher_innen gewesen, dabei vergisst er ganz die Interventionen der bunt zusammengewürfelten Truppe bei diversen Regenbogen Paraden mitzurechnen. Das bunte, pralle Geburtstagsbuch ist auch eine Hommage an den 2011 verstorbenen Mastermind Thomas Seidel alias Tomtschek, der dafür sorgte, dass „die H.A.P.P.Y-Festln einfach geil“ (der Wiener Rapper Skero) wurden. Zweck war weniger Provokation als Irritation. Der Blick sollte mit der „Realisierung von idiotic projects“, wie es in der Eigendefinition von H.A.P.P.Y heißt, verschoben werden. Dass die „idiotic projects“ ursprünglich auf einem Übersetzungsfehler beruhten, der aber nicht korrigiert wurde, passt zum anarchischen Grundton der Aktionen.

Aus Lagerhouse

Anarchisch bis chaotisch mutet auf den ersten Blick auch der 320 Seiten dicke Buchziegel an, in den 20 Jahre Party, Show, Performance und Filme verpackt wurden. Kapitelüberschriften wie Löcher und Maschen, Glamur und Angst, Eroticka und Wurst machen die Orientierung auch nicht leichter. Ist aber wahrscheinlich auch wurst. Hapsi Apsi Pipsi Popsi Yipsi ist nicht ein Buch, das man wirklich lesen kann, vielmehr bleibt man beim Blättern hängen,

– bei vermeintlichen Backrezepten wie Schwuchtelbuchteln oder der sicher leckeren Schwanzwedler Winterkirschtorte

– bei Programm und Besetzung eines „intimen Boulevard-Theaterchens“ mit dem klangvollen Namen Komödie am Gay

– bei einer Fotostrecken mit sensationell untragbaren Wollkreationen zur Musical-Produktion Lagerhouse (dem zweiten gescheiterten Versuch, „das schlechte Musical der Welt zu machen“), die mit grandiosen Lagerfeld-Zitaten gespickt ist.

– bei einer viel zu kurz geratenen Dokumentation der Interventionen von H.A.P.P.Y bei den Regenbogen Paraden von 1996-2013. H.A.P.P.Y hat ja nie offiziell an der Parade teilgenommen, plötzlich war da diese Truppe mit ihrem schrägen Kostümen und bissigen Transparenten, reihten sich ein oder auch nicht. Unvergessen sind Slogans wie die Definition der FPÖ = Ficken Pudern Österreich, oder Zungenkuss statt Hitlergruß, oder Großer Schwanz statt Rosenkranz, oder Woam statt Dahoam, oder Christen fisten? Nur mit Trauschein.

„War seine Arbeit politisch?“, fragt Christopher Wurmdobler in seinem Nachruf auf den H.A.P.P.Y-Macher Thomas Seidl, um sich gleich mit einer Gegenfrage a la Tomtschek die Antwort zu geben: „Trägt der Papst einen komischen Hut?“ – Ja! Unterfüttert wird diese Erkenntnis durch kluge Aufsätze kluger Menschen, die versuchen, in diesem Geburtstagsbuch für eine Wiener Institution den „Universalkünstler“ (Wurmdobler) Seidel und das Phänomen H.A.P.P.Y zu erklären. Da werden Genealogien vom Dadaismus bis zum Wiener Aktionismus gelegt, da steht H.A.P.P.Y „für die Sichtbarmachung queerer Lebensentwürfe und die ständige kritische Hinterfragung der dafür notwendigen Rahmenbedingungen“ (Andrea Braidt) oder es wird die Raumkonstruktion in den H.A.P.P.Y Happynings untersucht. Am meisten erfährt man über H.A.P.P.Y aber, wenn man sich in diese aufwändig gestaltete Dokumentation vertieft, sich Zeit lässt für manch hintergründigen Witz, der im ersten Moment nur derb wirkt, oder der ausführlichen Chronologie folgend aus eigenen Erinnerungen schöpft. Mehr als 100.000 sollten das ja sein…

Ein letztes aufmunterndes Wort von Christopher Wurmdobler über seinen Mann: „Was man von Thomas lernen konnte: Alles geht, man muss es nur machen.“

Käthe Kratz/Lisbeth Trallori (Hg.innen): Liebe, Macht und Abenteuer. Zur Geschichte der Neuen Frauenbewegung in Wien. Wien: Promedia 2013, erhältlich bei Löwenherz

Eva Dranaz/Jochen Fill/Christopher Wurmdobler (Hg.): Hapsi Apsi Pipsi Popsi Yipsi. Jugendhaare einer Kaiserin. Wien: Czernin 2013, erhältlich bei Löwenherz

Auf www.h-a-p-p-y.net gibt es zusätzlich zahlreiche Videos zu einzelnen Aktionen.

 

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