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Prinz Max von Baden

Verfasst von am 5. März 2014 – 08:00Kein Kommentar

Der letzte Kanzler der deutschen Kaiserreichs war nur wenige Wochen im Amt, so ist sein Name heute auch nur in Fachkreisen geläufig. Dem könnte die lesenswerte Biografie Lothar Machtans über Max von Baden entgegenwirken, meint QWIEN-Mitarbeiterin Manuela Bauer.

Die ersten Novembertage des Jahres 1918 bedeuteten eine einschneidende Zäsur in der deutschen Geschichte. Das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich zerfiel, Wilhelm II. wurde von der parlamentarischen Reichsregierung unter Reichskanzler Max von Baden abgesetzt, die alten monarchischen Eliten hatten ausgedient. Doch wer war der letzte Reichskanzler, der in dieser historisch bedeutenden und von politischer Umgestaltung geprägten Zeit den Untergang der Monarchie mitbesiegelte? Der Bremer Historiker Lothar Machtan hat sich der bislang wenig beachteten historischen Figur des Prinzen Max von Baden in seiner 2013 erschienenen Biografie angenommen und schließt damit erstmals eine historische Lücke der jüngeren, deutschen Geschichte.

In vier chronologischen Abschnitten beschreibt Machtan das Leben des Prinzen von dessen Geburt 1867 bis zu seinem Tod im Jahr 1929. Zu Beginn schildert er die schwierige Kindheit und Jugend des Protagonisten, der sehr unter der Lieblosigkeit seines Vaters litt und sich während seiner Studentenzeit erstmals seiner Homosexualität richtig bewusst wurde. Diese aufkeimenden Gefühle manifestierten sich in der von Machtan als erste Liebe bezeichneten Beziehung zu seinem Vetter Ludwig, den Max in seinen Briefen liebevoll „Schätzerl“ und „Darling“ nannte. Die Zwänge und Moralvorstellungen der damaligen Zeit, aber auch die Gesetzeslage, die Homosexualität als Verbrechen unter Strafe stellte, führten jedoch dazu, dass Max von Baden Zeit seines Lebens seine sexuelle Neigung verbergen musste. Wie sehr er versuchte, diese zu bekämpfen, zeigt auch die Tatsache, dass er sich im Jahr 1899 in die Behandlung des als Spezialisten für Sexualneurosen bekannten Dr. Richard von Krafft-Ebing begab, welche naturgemäß ohne Erfolg blieb. Die schließlich im Jahr 1900 geschlossene Ehe mit Marie Louise von Cumberland, aus der nach zwei mehrmonatigen Kuren bei Axel Munthe, dem Leibarzt und Vertrauten des Prinzen, zwei Kinder hervorgingen, blieb Zeit ihres Bestehens zwar keine Ehe im herkömmlichen Sinn, aber die beiden blieben einander in freundschaftlicher Vertrautheit und Innigkeit bis zu Max‘ Tod verbunden. Lothar Machtan misst der Homosexualität des Prinzen in weiterer Folge nur noch vereinzelt Bedeutung zu, erwähnt allerdings noch zwei weitere Beziehungen, die er in den Jahren 1909 bis 1914 unterhielt. Das Verhältnis zu Wilhelm Paulcke schildert der Biograf als eine Liebe, die weit über schwärmerische Verliebtheit hinausging und tatsächlich dürfte Max hier das erste und einzige Mal seine Homosexualität selbstsicher gelebt haben. 1922 wurde er schließlich von Hans von Tresckow, einem ehemaligen Kriminalkommissar, der die sogenannte „Homosexuellen-Kartei“ bei der Berliner Polizei eingeführt hatte, als homosexuell geoutet.

Liebhaber und Vertraute

Machtan gewährt auch Einblick in das Leben jener Menschen, die wichtige Rollen als Vertraute und  Seelenführer in Max‘ Leben einnahmen. Er erwähnt hier unter anderem Cosima Wagner, die Witwe Richard Wagners, die eine Art mütterliche Freundin darstellte. Ebenso bedeutend waren Axel Munthe, Johannes Müller und Kurt Hahn. Letzterer übte vor allem starken politischen Einfluss auf den grundsätzlich unpolitisch eingestellten Prinzen aus. Hahn war es auch, der die Kanzlerkandidatur beinahe exzessiv vorantrieb und das Programm des „ethischen Imperialismus“ entwickelte. An dieser Stelle darf auch der politische beziehungsweise ideologische Einfluss von Houston Stewart Chamberlain, dem Schwiegersohn Cosima Wagners, auf Max von Baden nicht außer Acht gelassen werden. Dieser brachte ihm sowohl den „Führergedanken“ als auch die Idee eines „Weltdeutschtums“ näher. Max, der parlamentarische Strukturen und politische Parteien stets verabscheute, zeigte sich diesem trügerischen Gedankengut, ebenso wie dem Antisemitismus gegenüber, sehr empfänglich.

Der Hauptfokus der Biografie liegt jedoch zweifelsfrei bei der Regierungszeit des Prinzen als letztem Reichskanzler des monarchistischen Deutschlands. Der umfangreichen Vorbereitungszeit zur Kanzlerschaft widmet Lothar Machtan erhebliche Aufmerksamkeit und schildert bis ins kleinste Detail die Abläufe, die das Projekt „Reichskanzler Prinz Max“ schließlich doch noch ermöglichten. Denn bis zur tatsächlichen Angelobung am 3. Oktober 1918 gab es enorme Widerstände, sowohl von Seiten Wilhelms II., als auch von Seiten der dritten Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, zu überwinden. Die OHL war zu diesem Zeitpunkt des Krieges zumindest inoffiziell bereits weitaus mächtiger als der Kaiser selbst, weshalb die Zustimmung der beiden Heeresführer unerlässlich war. Erst durch das Eingestehen der militärischen Niederlage durch die OHL Ende September 1918 war der Weg für Max von Baden schließlich frei. Doch seine Kanzlerschaft wurde an rigide Bedingungen geknüpft, die nicht verhandelbar waren. Der Preis, den er schlussendlich dafür  zahlte, war hoch und er machte sich durch das Akzeptieren dieser Bedingungen zur Marionette des Kaisers und der OHL. Machtan zeigt hier eindrucksvoll auf, dass Max von Baden zu keiner Zeit auch nur die geringste Chance hatte, in seinem Sinn politisch zu agieren, weshalb die nur fünfwöchige Reichskanzlerschaft auch von zögerlicher Politik seitens des Regierungschefs geprägt war. Durch seine unbedingte Loyalität gegenüber Wilhelm II., der Tatsache, dass er das Volk im Unklaren über die wahre, militärische Lage ließ und nicht zuletzt aufgrund des Umstandes, dass er sich kaum gegen die übermächtige OHL durchsetzen konnte, gab es nur wenig Spielraum für eine ernstgemeinte demokratische Regierungsführung. Nachdem schließlich auch sein in den ersten Novembertagen 1918 geschmiedeter Plan, die Dynastie der Hohenzollern nach der Abdankung des Kaisers durch eine vorübergehende Reichsverweserschaft zu retten, gescheitert war und die Revolution am 9.November 1918 in Deutschland siegreich geendet hatte, verließ Max noch am selben Tag beinahe fluchtartig Berlin.

Gescheitert und geschmäht

In den folgenden Jahren sah er sich einer massiven Hetzkampagne, vor allem aus dem rechten politischen Lager, ausgesetzt. Aber auch der im holländischen Exil lebende rachsüchtige Ex-Kaiser Wilhelm II. und dessen nicht minder rachsüchtige Frau Auguste Viktoria ließen keine Gelegenheit aus, um Max von Baden, den „hundsföttischen Kanzler“, bloßzustellen und zu beleidigen. 1927, ein Jahr nach seinem ersten Schlaganfall, der ihn gesundheitlich stark schwächte, versuchte er mit seiner von Kurt Hahn und Lina Richter jahrelang erarbeiteten Biografie Erinnerungen und Dokumente die Geschehnisse aus seiner Sicht zu schildern, verabsäumte es jedoch, sein Handeln selbstkritisch zu betrachten und beschränkte sich auf rechtfertigende Worte. Im Jahr 1929 starb Max von Baden im Alter von 62 Jahren.

Lothar Machtan hat mit dieser Biografie zweifelsfrei eine historische Lücke der deutschen Geschichte geschlossen. Durch seine mehrjährigen, umfangreichen Forschungen in Archiven in Deutschland und Österreich konnten reiche Bestände an bisher unerschlossenen Quellen, vor allem Briefkorrespondenzen, zu Tage gebracht werden, die sehr persönliche Einblicke in das Leben der Hauptfigur ermöglichen. Einzig die Einsicht in den Nachlass von Prinz Max auf Schloss Salem wurde dem Biografen nicht gewährt.

Die Biografie ist hervorragend formuliert und liest sich flüssig. Einzig der Abschnitt über die Vorbereitungen zur Kanzlerschaft ist ein wenig zu ausführlich geraten. Dafür liest sich die Darstellung der Ereignisse der ersten Novembertage 1918 beinahe so spannend wie ein Krimi. Mein Fazit lautet daher: Lothar Machtan hat ein sehr ausführliches, exzellent recherchiertes und spannendes Buch auf den Markt gebracht, dass vor allem historisch Interessierte ansprechen wird. Und auch die Frage „Wer ist Max von Baden?“ wird dadurch ein für alle Mal beantwortet.

Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Berlin: Suhrkamp 2013, erhältlich bei Löwenherz

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