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Homophobie bekämpfen

Verfasst von am 6. Oktober 2014 – 20:24Kein Kommentar

Die Schule hat in der Bekämpfung von Homophobie eine wichtige Funktion. Ein Sammelband stellt Aufsätze zur theoretischen Forschung und aktuellen Diskursen vor. Johanna Taufner hat Combatting Homophobia gelesen.

      Weltweit gibt es ein breites rechtliches Spektrum, welches sich auf das Leben von Lesben, Bisexuellen und Schwulen bezieht. Während auf der einen Seite mehr als 80 Länder Homosexualität (vorwiegend unter Männern) unter Strafe stellen, werden in den restlichen Ländern Gesetze erlassen, die Homosexualität nicht nur legalisieren, sondern auch LGBTs mittels Antidiskriminierungsgesetzen zumindest rechtlich vor Ausgrenzung schützen. Gesetzestext und gelebter Alltag liegen aber oftmals weit auseinander. Trotz formaler Gleichstellung, werden  LGBTs häufig Opfer von homophober Gewalt. Mit diesem Tatbestand beschäftigt sich die englischsprachige Publikation  Combatting Homophobia. Länder, die zwar rechtlich eine Gleichstellung garantieren, realpolitisch aber noch weit einer echten Akzeptanz hinterherhinken, werden zum Gegenstand der vorliegenden Beiträge. Hierbei werden nicht nur die unterschiedlichen Gesichter von Homophobie beleuchtet, sondern auch Projekte vorgestellt, die sich für die Gleichbehandlung von LGBTs einsetzen. Dadurch veranschaulicht Combatting Homophobia, dass Gesetze alleine noch lange keinen gesellschaftlichen Wandel auslösen, sondern es staatlicher- und zivilgesellschaftlicher Interventionen braucht, die auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen ansetzen, und wissenschaftlicher Forschungsarbeit bedarf, um einen Paradigmenwechsel voranzutreiben.

Der transdisziplinäre Ansatz von Combatting Homophobia ermöglicht es theoretische Forschung und wissenschaftliche Diskurse ebenso wie praktische Arbeiten und Zugänge im Feld zu veranschaulichen. Letzteres wird vor allem im ersten Teil des Buches, education, dargelegt, der sich mit dem Bildungswesen auseinandersetzt und unterschiedliche Strategien einzelner Organisationen und verschiedener Länder (Frankreich, Kanada, Deutschland und Schweiz) präsentiert. Der Schwerpunkt dieser Projekte liegt in der Sensibilisierung von Jugendlichen und Lehrer_innen. So auch Raphael Bak und Benjamin Kinkel in ihrem Beitrag zu SchLAu NRW, dem Projekt für Schwul-Lesbische Aufklärung in Nordrhein-Westfalen. Mit ihrem Awareness-Programm geht SchLAu direkt in die Schulen, um Jugendliche zu sensibilisieren. LGBTs arbeiten unmittelbar mit den Schüler_innen und geben ihnen Raum, der es ermöglicht Fragen zu stellen, Vorurteile und festgesetzte Geschlechterrollen zu hinterfragen und offene Diskussionen zu führen, aber auch um LGB-Jugendlichen die Angst zu nehmen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Die Schulinterventionen von SchLAu NRW helfen dadurch nicht nur den einzelnen LGB-Schüler_innen und -Lehrer_innen, sie tragen auch erfahrungsgemäß zu einem angenehmeren Klassenklima und einem sensibleren Umgang mit Sexismus und Homophobie bei.

In social science, dem zweiten Teil von Combatting Homophobia wird Homophobie vorrangig aus sozialwissenschaftlicher Sicht beleuchtet. Josefine Paul macht sich in ihrem Beitrag Can gays kick a ball? On homophobia in soccer auf die Suche nach den Ursachen von Homophobie im Fußball und findet dabei eine Erklärung im hegemonialen Männlichkeitsbild, welches eng mit der Geschichte des Fußball verknüpft ist. Um dies zu erläutern stellt sie zwei scheinbar getrennte Bereiche gegenüber: Fußball und Frauenfußball. Während ersteres als Ort beschrieben wird, an dem männliche Identitäten hegemonial konstruiert werden, bleibt Frauenfußball als „verweichlichte“ Sonderform dieser Sportart auf der Strecke. Der Artikel bespricht, warum schwule Fußballer, die ein Doppelleben mit Frau und Kind führen, ebenso alltäglich sind wie Schwulenwitze und ein homophober Sprachgebrauch in den Kabinen und auf dem Spielfeld, während gleichzeitig homoerotische Liebeleien wie der Klaps auf den Hintern oder das gegenseitige Küssen auf die Stirn völlig offen auf dem Rasen praktiziert werden. 

Welchen Beitrag die Wissenschaft zum Erhalt latenter Ressentiments beiträgt, gehen hingegen Thomas Viola Rieske und Rufus Sona in ihrem Beitrag auf dem Grund, der sich intensiv mit der viel rezipierten Studie von Bernd Simon aus dem Jahre 2008 – kurz Simon-Studie – befasst, die den verbreiteten Glauben stützt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, hauptsächlich Muslim_innen,  qua Herkunft homophober als sogenannte „Deutsche“ sind. Vor allem der reduktionistische und deterministische Blick auf Muslim_innen, der sich vom Erstellen des Forschungsdesigns bis hin zur Interpretation der Ergebnisse zieht, wird hierbei penibel entlarvt und zusammengefasst: „Arab and Turkish migrants are depicted as shaped only by one distinct set of cultural rules and as unable to reflect on them (unless aided by non-Muslim Europeans). In consequence, they are exposed to a life-long suspicion of a lack of civility, enlightment, and secularization.“

Humanities, der letzte Teil des Buches, geht nochmals einen Schritt zurück und stellt allgemeine Fragen zur Ursache von Homophobie und inwiefern eine Anti-Diskriminierende Haltung ein zentraler Wert von citizenship ist. Auch das Thema Religion wird noch einmal aufgerollt, wenn Michael Brinkschröder theologische Alternativen darlegt, die zeigen sollen, dass christlicher Glaube nicht essentiell mit Homophobie Hand in Hand gehen muss.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der wichtigste Beitrag, den Combatting Homophobia liefert, ist,dass einerseits Forschungslücken aufzeigt werden, andererseits verdeutlicht wird, dass es Initiativen vieler Akteur_innen auf unterschiedlichen Ebenen bedarf, um gezielt gegen Homophobie in unserer Gesellschaft anzukämpfen. Dadurch erhebt das Buch allerdings auch den Anspruch ein großes Themenspektrum abzudecken, wodurch es an vielen Stellen zu kurz greift. So wäre es interessant gewesen die Schulprojekte, die aus den Ländern Schweiz, Frankreich und Deutschland vorgestellt wurden, zu vergleichen, um für zukünftige Initiativen neue Strategien entwickeln zu können, aber auch Projekte anzusehen, die bereits im Vorschul- oder Kindergartenalter ansetzten (wenn es solche überhaupt gibt). Zuletzt wäre ein Beitrag, der auch Homophobie im Judentum und anderen Glaubensgemeinschaften bespricht, neben den Artikeln über den Islam und das Christentum, ergänzend sinnvoll gewesen.

Dennoch kann durch die Breite des Themenfeldes Combatting Homophobia ein hilfreiches Buch für all jene sein, die im Bildungsbereich oder mit jungen Menschen arbeiten. Denn gerade Kinder und Jugendliche, die in einem heteronormativen Umfeld aufwachsen und ihre Homosexualität entdecken, sind oftmals auf sich selbst gestellt. Projekte, die in dieser  Phase ansetzen, können diesen Jugendlichen Raum geben, damit sie ihr Selbstbewusstsein entwickeln können und sich in ihrem Körper, auf der Suche nach dem eigenen „Ich“, wohlfühlen.

Michael Groneberg/Christian Funke (Hrsg): Combatting Homophobia. Experiences and Analyses Pertinent to Education. Berlin/Münster/Wien: LIT 2011, erhältlich bei Löwenherz
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