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Sex in Wien (2) – Das Gefängnistagebuch von Erich Lifka

Verfasst von am 1. November 2016 – 16:50Kein Kommentar

Highlights aus der Ausstellung Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam, die noch bis 22. Jänner 2017 im Wien Museum läuft und bei der QWIEN Kooperationspartner ist. Wir stellen in loser Folge ausgestellte Stücke unserer Sammlung oder anderer queere Highlights vor. Oder einfach Objekte, die wir besonders mögen …

Als Schriftsteller hatte Erich Lifka nie wirklich Erfolg. Drei Bände Gedichte, Kriminalgeschichten, zahlreiche Pornogeschichten und Artikel zur schwulen Geschichte, die mehr Fiktion als historische Darstellung sind, hat er veröffentlicht. Die beste Geschichte, die er je erzählte, war die seines eigenen Lebens, das er auf Basis tatsächlicher Ereignisse neu erfand. Da er im Autor Lutz van Dijk einen geduldigen Zuhörer fand, der ihm seine Erzählungen ungeprüft und auch recht unreflektiert glaubte, wurde daraus die heldenhafte Geschichte eines schwulen Widerstandskämpfers.

Gefängnistagebuch von Erich Lifka 1955/56, QWIEN Archiv

Gefängnistagebuch von Erich Lifka 1955/56, QWIEN Archiv

Durch die Forschungen von Manuela Bauer und Hannes Sulzenbacher konnte unter Verwendung des von QWIEN erworbenen Teilnachlasses von Erich Lifka die bislang als „wichtiger Mosaikstein homosexueller Geschichtsschreibung“ (van Dijk) verkaufte Biografie als historische Fiktion entlarvt werden. Auch wenn Erich Lifka nie als kommunistischer Widerstandskämpfer Wiener Jüd_innen vor der NS-Verfolgung rettete und dafür auch nie in Yad Vashem mit einem Baum als Gerechter geehrt worden ist, ist sein Leben bemerkenswert und auch wert erzählt zu werden. Erich Lifka ist wahrscheinlich der am häufigsten wegen seiner Homosexualität Verurteilte der österreichischen Nachkriegsgeschichte.

Es ist heute aufgrund der Aktenlage und noch andauernder Archivsperre für einzelne Fälle nicht genau möglich festzustellen, wie viele Verfahren Lifka zwischen 1954 und 1971, dem Jahr der Abschaffung des „Totalverbots“ für Homosexualität, hatte und wie lange er dafür insgesamt im Gefängnis saß. Es waren jedoch mindestens sieben Verfahren wegen „Unzucht wider die Natur“ oder der Verbreitung unzüchtiger Bilder oder Druckwerke, denn Lifka betätigte sich auch als Fotograf, der bevorzugt junge Männer ablichtete und deren Bilder an private Abnehmer verkaufte.

Lifkas Autobiografie, 1980

Lifkas Autobiografie, 1980

Nachdem er bereits 1954 wegen gegenseitiger Onanie mit einem Minderjährigen erstmals zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt worden war, wurde er vom 25. Dezember 1955 bis zum 29. Februar 1956 erneut wegen desselben Delikts inhaftiert. Ein bewegendes Dokument dieser Monate in Haft und seiner Verfolgungsgeschichte ist ein in einem seiner als „Lesetagebücher“ bezeichneten Aufzeichnungen überliefertes Gefängnistagebuch, in dem er auf einem selbst gezeichneten Kalender Tag für Tag seiner Haftzeit durchstrich.

Zu diesem Zeitpunkt war Lifka knapp über dreißig Jahre alt und hatte gerade mit seiner publizistischen Tätigkeit begonnen. Er hatte Berichte für die Schweizer Zeitschrift Der Kreis über das Schicksal der Homophilen in Österreich geschrieben, in der deutschen Homosexuellen-Magazinen Der Ring und Der Weg publiziert und Artikel aus der dänischen Zeitschrift Vennen übersetzt. Doch war er in seinem Kampf für die Rechte Homosexueller ein Einzelkämpfer, die gesellschaftliche Repression der 1950er-Jahre ließ keine Bewegung aufkommen. Sein Kampf um sexuelle Selbstbestimmung wurde zwar von namhafter Seite unterstützt – so verteidigte ihn der spätere Justizminister Christian Broda, der 1971 die Abschaffung des §129Ib durchsetzen sollte, in einem Verfahren – aber er fand wohl auch aufgrund der durch die zahlreichen Verurteilungen erfolgten Brüche in seinem Leben auch bei der in den 1970er-Jahren aufkeimenden Schwulenbewegung keinen Anschluss.

Das Gefängnistagebuch von Erich Lifka, das Dokument eines durch die staatliche Gewalt gegen Homosexuelle bestimmten Lebens, ist noch bis 22. Jänner 2017 im Wien Museum in der Ausstellung Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam zu sehen.

Literatur zu Erich Lifka:

Lutz van Dijk: Einsam war ich nie. Schwule unter dem Hakenkreuz. 1933-1945. Berlin: Querverlag 2012

Manuela Bauer/Hannes Sulzenbacher: „Mein Name ist Erich Lifka. In Moskau kennt man mich. Eine erfundene Biographie zwischen Abenteuer, Widerstand, Spionage und Pornogaphie. In: Invertito, Jahrgang 15 (2013), S. 169-196.

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