
Damit es nicht verloren geht...
Die Geschichte von lesbischen Frauen und schwulen Männern soll keine Geheimsache mehr sein. Dafür öffnet das QWIEN Archiv nun seine Bestände.
Durch fast das ganze 20. Jahrhundert galt es für Lesben und Schwule, alle Hinweise auf ihr sexuelles Begehren und ihre Beziehungen zu verstecken oder zu vernichten. Über weite Strecken der Geschichte besitzen wir fast keine Materialien aus dem Besitz der Betroffenen, sondern lediglich Unterlagen ihrer Verfolgungsbehörden. Wir besitzen kaum eine autobiografische Zeile, dafür aber meterweise Untersuchungen, die die Homosexualität mehr oder weniger wissenschaftlich erklären. Lesbisches oder schwules Leben bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Österreich bedeutete lebenslanges Schweigen über die eigene Sexualität und in vielen Fällen auch über die Liebe. Zu groß war einerseits die gesellschaftliche Stigmatisierung, zu gefährlich die Drohung durch das Strafrecht: Denn immerhin wurden Frauen und Männer in Österreich bis 1971 mit schwerem Kerker bestraft, wenn sie nach dem Paragraphen §129 I b – „Unzucht wider die Natur“ – verurteilt worden waren. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als Homosexualität straffrei und gesellschaftlich anerkannt wurde, begannen Einzelne, ihr Handeln – sei es in der Subkultur, der Emanzipationsbewegung oder in der Arbeitswelt - zu dokumentieren. Mit der Gründung des QWIEN Archivs wurde nun eine Institution geschaffen, die schriftliche und materielle Zeugnisse schwulen und lesbischen Lebens einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen kann.
Die Bestände des QWIEN Archivs gehen auf mehrere Initiativen und Einzelleistungen zurück. Grundstock des Archivs bildet die „Sammlung Ecce Homo", mit den Materialien, die für die Ausstellung „geheimsache:leben. Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts" gesammelt wurden. Dabei handelt es sich entweder um Originale oder Kopien, die zu Recherchezwecken angefertigt wurden und die oft schwer zugänglich sind, sodass eine eigene Archivierung für die Forschung zu schwul-lesbischen Themen sinnvoll ist. Auch die Bestände privater Forschungen wurden dem Verein zur Verfügung gestellt. Schwerpunktthemen der Sammlung sind die Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus, Forschungsmaterialien betreffend die Strafverfolgung homosexueller Männer und Frauen in den Jahren 1901 bis 1938 sowie Unterlagen zur schwulen Kultur und Geschichte von der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart. Durch den Ankauf der Zeitschriftensammlung aus dem Nachlass des österreichischen Literaten Erich Lifka im Jahr 2009 ergab sich ein neuer Sammlungssschwerpunkt auf homosexuelle Periodika, von denen schon heute ein umfangreicher Bestand zugänglich ist. Aus seiner Geschichte heraus hat das QWIEN Archiv einen Überhang an Materialien zur männlichen Homosexualität. Dank der Tätigkeit des Stichwort-Archivs besteht in Wien für lesbische Themen ein eigener Ort, der allerdings auch nur für Frauen zugänglich ist. Die QWIEN Bibliothek ist heute schon eine der größten schwulen- bzw. homosexuellenspezifischen Bibliotheken Österreichs, die allgemein zugänglich ist.
Das QWIEN Archiv ist weiterhin auf Schenkungen von Privatpersonen angewiesen, da Zeugnisse schwulen und lesbischen Lebens in Wien sonst nicht aufbewahrt wurden. Gesucht werden private oder behördliche Schriftstücke, Erinnerungen oder Artefakte, Briefe, Fotos oder Tagebücher und dergleichen mehr. Selbstverständlich ist es auch möglich, einen Bestand im QWIEN Archiv bis zum Tod oder auch Jahre über den Tod hinaus zu sperren. Uns ist es wichtig, dass die Dinge nicht verloren gehen.
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