AKTUELL
Budapest Pride 2009
Als ich die grölende Handvoll ungarischer Neo-Nazis sah, die mir in einer fremden Sprache ganz offensichtlich Hassparolen entgegen brüllten, fragte ich mich kurz, ob die Entscheidung mir die Budapest Pride „anzusehen“ wirklich die richtige für diesen sonnigen aber schon herbstlich werdenden Samstag war. Zwar waren wir Schwule und Lesben, die mit zwei Bussen aus Wien kamen, gegenüber den ganz offensichtlich gewaltbereiten Neo-Nazis, die T-Shirts mit deutschen Aufschriften wie „Herrenmensch“ oder nur die Zahl „88“ (für „Heil Hitler“) trugen, in der Überzahl, aber ich war ja nicht gekommen, um mich mit menschenverachtenden Idioten zu prügeln, sondern um mit ungarischen Schwulen, Lesben und ihren FreundInnen ihre „Regenbogen Parade“ zu feiern, die ich in Wien 1996 mitgegründet hatte.

Die vorbildlich agierende ungarische Polizei schirmte uns sofort vom demonstrierenden Mob ab, ein Kordon wurde um uns gebildet, in dem wir zum Start der Demo geleitet wurden. Ab dem Budapester Heldenplatz dann Gitter, nur ein schmaler Einlass, Taschenkontrolle (!), durchgeführt vom Organisationsteam selbst. Andrássy út, ein prächtiger Boulevard, der Richtung Innenstadt führt, gesäumt von Villen, später repräsentativen Wohnhäusern, schließlich wird sie zur Nobelmeile mit Flagshipstores großer Modemarken, die Oper und Büros internationaler Organisationen folgen ganz im Zentrum. Eingezäunt, von Anfang bis Ende. Wir – die ParadenteilnehmerInnen – waren eingesperrt, stabile Bauzäune auf einer Strecke von fast drei Kilometern. Und eine fast gespenstische Stille, keine ausgelassene Stimmung wie auf der Wiener Ringstraße, nur auf einem einzigen mitfahrenden LKW Musik. Und keine ZuschauerInnen! Die Seitenstraßen der Andrássy út waren zwei Parallelstraßen weit komplett abgeriegelt. Standen wir an einer Kreuzung und schauten links oder rechts, sah man immer nur Barrikaden, Polizei und eine Ahnung von dahinter demonstrierenden Gegnern der Parade.

Ungarns demokratische Organisation war an diesem Tag auf dem Prüfstein. Das mag groß und pathetisch klingen, aber die Freiheit einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit ihren Minderheiten und deren Rechten umgeht. Würde es die Polizei im Gegensatz zum Vorjahr schaffen, die DemostrantInnen bei der Ausübung ihres demokratischen Rechts auf Meinungsäußerung zu schützen? Insofern war Budapest Pride ein Erfolg, denn mir ist nichts über Übergriffe von Neo-Nazis bekannt geworden. Gespenstisch war der Nachmittag dennoch, als wir die mitgebrachte riesige Regenbogenfahne der agpro entfalteten und vor dem Demozug voran trugen. Leere Straßen, abgeriegelte Plätze, eine U-Bahn-Linie, die gesperrt war, um uns aus der Innenstadt zu unseren Bussen zu bringen.

Und es hat trotzdem Spaß gemacht, im Zug selbst war die Stimmung großartig, wenn wir uns auch nur selbst feierten und nicht mit den Bürgern und Bürgerinnen von Budapest gemeinsam, die ihre Parade auch vergnügt mitfeiern sollten, wie dies inzwischen die Wiener und Wienerinnen alljährlich auf der Ringstraße tun. Für mich als Aktivisten in der Wiener Bewegung und Vater der Regenbogen Parade zeigte dieser Nachmittag kaum 300 Kilometer von Wien entfernt, wie fragil die rechtlichen und gesellschaftlichen Freiheiten sind, die Schwulen und Lesben selbst in europäischen Demokratien zugestanden werden. Ungarn ist politisch weiter als wir in Österreich, es gilt seit 1. Juli 2009 eine Gesetz, das bis auf Adoption und künstliche Befruchtung homosexuelle den heterosexuellen PartnerInnenschaft gleichsetzt.

 Trotz dieser Liberalität auf der einen Seite ist aber in Ungarn ein rechtsradikaler Mob auch bei den Wahlen immer erfolgreicher, der gegen Minderheiten, Ausländer und Roma hetzt oder gewalttätig wird. Das Eis ist dünn, auf dem wir gehen, auch hierzulande in Österreich, das eine so gewaltbereite rechte Szene bislang nicht kennt. Aber wir sollten wachsam sein, wir sollten uns dessen bewusst sein, dass es auch hierzulande Hetzer und Aufwiegler gibt, die Schwule und Lesben als Feindbilder sofort auspacken werden, wenn es politisch opportun ist. Diese Gewissheit habe ich von diesem gespenstischen Nachmittag in Budapest mitgebracht.

Fotos: (c) Gudrun Stockinger
  
zurück
impressum
home
kultur@qwien.at
LogIn