Lesben und Schwule im Iran
Saghi Ghahreman ist eine mutige Frau, die das Lachen trotz ihrer Erfahrungen als unterdrückte Frau und Lesbe nicht verlernt hat. Gleich zu Beginn des Abends im Hörsaal II des NIG stellte sie, die Farsi sprach, zu ihrem Dolmetscher mit schelmischem Lachen fest, dass Sie sich ganz eigenartig fühle, weil hier alle so ernst seien. Kein Wunder, war es doch ein ernstes Thema, über das die iranische Dichterin und Aktivistin, die im kanadischen Exil lebt, sprach: die Situation von Frauen, Schwulen und Lesben im Iran. Das Bild der beiden jungen Männer, die wegen ihrer Homosexualität erhängt wurden, steht noch vielen vor Augen.
Die Grünen MigrantInnen, die Grünen Frauen, GRAS und der Verein „Das iranische Wien“ hatten zu diesem Gespräch geladen, in dem Frau Ghahreman weit in die Geschichte des Landes zurückgriff. In der Schahdiktatur hatten die Frauen eine Reihe von Rechten, deren Bedeutung und Wichtigkeit den iranischen Frauen aber erst nach der Revolution von 1979 wirklich bewusst wurden: Scheidungsrecht, die Unabhängigkeit von der Familie und das Verbot von Ehrenmorden waren die Wichtigsten. Die Revolution von 1979 wurde von einer breiten Opposition getragen, der sowohl die Islamisten als auch gemäßigte Gruppen wie jene, die heute die Grüne Revolution nach der Wiederwahl Ahmadinejads tragen, angehörten. Die Islamisten setzten sich durch – die Folgen sind bekannt.
Ihre Ausführungen über die Schari’a zeigten, dass positive Veränderungen für Frauen und Homosexuelle in einem Iran mit religiöser Führung im Grunde unmöglich sind, weil die Schari'a Reformen verhindert. Die Schari’a entstand erst Generationen nach Mohammed und stellt ein von religiösen Führern erstelltes Gesetzbuch dar, das alle Bereiche des Lebens durchdringt. Dieses Gesetzbuch kann aber den zeitlichen und regionalen Gegebenheiten angepasst werden. So hat jeder islamische Staat seine eigene Schari’a. Grundsätzlich anerkennt die Schari’a aber keine individuellen und persönlichen bürgerlichen Rechte. Damit steht die Rechtsordnung der Schari’a in fundamentalem Gegensatz zu den Allgemeinen Menschenrechten, die gerade die individuellen Rechte jedes einzelnen Menschen auf religiöse, politische aber auch sexuelle Freiheit garantieren. Jeder Mensch hat gleiche Rechte.
In der Schari’a steht festgeschrieben, dass Frauen nur die halben Rechte wie Männer haben. So kann eine iranische Frau zwar im Parlament sitzen und scheinbar mitgestalten, sie hat aber kein Recht über ihr Privatleben zu entscheiden, seien es Bekleidungsvorschriften, berufliche Entscheidungen oder persönliche Beziehungen und Freundschaften. Es fragt sich, wie eine solche in ihren persönlichen Rechten eingeschränkte Frau, ihr individuelles Stimmrecht ausüben soll, das Basis jedes demokratischen Systems ist.
Auf Homosexualität steht die Todesstrafe, wobei gar keine sexuelle Handlung notwendig ist. Homosexuelle gelten nicht als ganze Menschen, sie müssen ihre wahre Natur verbergen. Vergegenwärtigt man sich die Grundlagen der Schari’a wundert es nicht, dass weder schwulen Männern noch lesbischen Frauen ein Recht auf sexuelle Selbstfindung und -bestimmung zugestanden wird. Lesbische Frauen finden aber auch in der iranischen Frauenbewegung keinen wirklichen Rückhalt, die für eine heterosexuelle Gesellschaft kämpft. Lesbische Frauen werden vertröstet, auf die Befreiung der Frauen allgemein zu warten, dann könne man sich auch um ihre Rechte kümmern. So kämpft die iranische Frauenbewegung zwar für Verbesserungen für verheiratete Frauen, ein Kampf dafür, dass Frauen NICHT heiraten müssen, steht nicht auf ihrer Agenda. Dies wäre besonders für lesbische Frauen wichtig.
Viele schwule Männer flüchten ins Ausland, wobei die Türkei, Pakistan und Malaysia erste Anlaufstellen sind. Oft handelt es sich bei Schwulen um illegale Flüchtlinge, weil ihre sexuelle Orientierung von vielen Staaten nicht als Asylgrund anerkannt wird. Österreich bildet hier ausnahmsweise einmal die Ausnahme und gewährt schwulen Flüchtlingen aus dem Iran Exil. Anderswo leben sie oft von anderen Exilgruppen gemieden in bitterer Armut, zur Prostitution gezwungen, im Untergrund. Ihnen zu helfen hat sich eine Plattform im Exil lebender iranischer Lesben und Schwuler zur Aufgabe gesetzt, deren Präsidentin Saghi Ghabreman ist. Sie brauchen unsere Unterstützung, damit ihr Schicksal gehört wird, damit sie eine Stimme bekommen. In Saghi Ghabreman haben sie eine charismatische und engagierte Kämpferin in den vordersten Reihen.
Info: www.irqo.org