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Schulgeschichte(n)

Eine neue Biografie zur Familie Mann erhellt schulische Zusammenhänge. Ines Rieder hat das Buch von Manfred Kappeler gelesen.
Die Biografien der Mitglieder der Familie sind im Laufe des letzten halben Jahrhunderts ausgiebig und detailliert geschrieben worden. Da dann noch einen Aspekt zu finden über die Mann Familie zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Marianne Krüll hat schon mit Im Netz des Zauberer – eine andere Geschichte der Familie Mann (Arche, Zürich 1991) die Familie psychoanalytisch interpretiert und jetzt versucht Manfred Kappeler die familiären und pädagogischen Hintergründe zu durchleuchten, die die Eltern Mann bewegt haben, vier ihrer sechs Kinder über kurze oder längere Zeiträume in Internatsschulen im ländlichen Raum zu schicken.
Manfred Kappeler beschreibt sehr einsichtig und schlüssig, was Thomas und Katja Mann dazu bewogen hatte, Anfang der 1920er Jahre zuerst die beiden Großen – also Erika und Klaus – in ein Internat zu schicken und kurz darauf auch die beiden Mittleren – Golo und Monika. Erika und Klaus verbringen kurze Zeit in der Bergschule Hochwaldhausen, Erika kehrt von dort wieder nach München zurück, wo sie am regulären Gymnasium ihre Matura macht, während Klaus beschließt das nächste Jahr in der Odenwaldschule zu verbringen. Er geht dem regulären Lehrplan geschickt aus dem Weg und verbringt seine Tage mit literarischen Studien und Schreiben. Golo und Monika kommen beide für einige Jahre in das strikter geführte Landeserziehungsheim Schloss Salem am Bodensee.
All diesen Internaten ist gemein, dass sie im ländlichen Raum angesiedelt waren und dass sie nach reformpädagogischen Grundsätzen geführt wurden. Die profunden Kenntnisse der Heimerziehung in Deutschland machen die Einblicke des Erziehungswissenschaftlers Kappeler sehr spannend und erlauben uns die pädagogischen Entscheidungen, die im Hause Mann gefällt wurden, nachvollziehen zu können. Darüber hinaus erfahren wir auch viel über die Einflüsse der diversen Jugendbewegungen der 1920er Jahre auf die Erziehungsmethoden in den diversen elitären oder/und alternativen Landschulen.
Besonders eingehend beschäftigt sich Manfred Kappeler mit Klaus Mann, was die Frage aufwirft, ob Klaus das Mann-Kind ist, das ihn am meisten interessiert, oder ob er so auf ihn eingeht, weil Klaus am umfangreichsten über seine Kindheit und auch seine Zeit in den Internaten geschrieben hat. Der Autor versucht auch zu klären, inwiefern Thomas Manns Homosexualität dazu beigetragen haben könnte, seine pubertierten Söhne außer Haus zu bringen, und ob Klaus seine Entscheidung nicht mehr an die Odenwaldschule zurückzukehren gefasst hatte, weil er sich in einen 12-jährigen Mitschüler verliebt hatte, er aus dieser Situation fliehen wollte und dies versteckt in seinem Abschiedsbrief an den Schulleiter formulierte: „Ein Mensch meiner Art ist stets und allerüberall durchaus einsam –derlei führt zu weit.“
Golo Mann, der in Salem untergebracht war, beschreibt, wie die Buben dort nichts mehr fürchteten als die „Kleberei“ – jegliche Zuneigung oder körperliche Berührung unter den Buben wurde vom Schulleiter Kurt Hahn beobachtet und unterbunden. Da der Schulleiter Zeit seines Lebens versuchte seine eigene Homosexualität zu bekämpfen, ging der dann auch gegen seine Schüler laut Golo Mann „mit wahrhaften inquisitorischen Mitteln“ vor.
Die Welt der Internate und auch der Reformpädagogik war eine durchaus patriarchalisch geprägte Welt, bestimmt von den Persönlichkeiten der Schulleiter. Es gab zwar in all diesen Schulen zumindest eine Frau, die dem Schulleiter zur Seite stand, aber Manfred Kappeler geht auf keine dieser Frauen näher ein. Nach dem Lesen des Buches wissen wir weder wie und was diese Frauen gedacht haben und wie sie gehandelt haben, noch gewinnen wir Einblick in ihre sexuellen Präferenzen. Im Kontext von Klaus Internatserlebnissen erfahren wir etwas über einige der Mädchen, mit denen er eng befreundet war, aber auch sie scheinen im Gefüge des Internats eine weniger wichtige Rolle gespielt zu haben als die Buben.
Insgesamt ein interessanter Blick auf die Reformpädagogik im Kontext der 1920er Jahre, die Landschulinternate und der Versuch der Familie Mann Homosexualität in der Familie zumindest zeitweise auszulagern.
Manfred Kappeler: „Wir wurden in ein Landerziehungsheim geschickt …“ Klaus Mann und seine Geschwister in Internatsschulen. Berlin: Nicolai 2012; erhältlich bei Löwenherz

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