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Erinnerungsorte wahrnehmen

Zum Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen erschien eine Studie, die nicht nur die Entstehungsgeschichte des Erinnerungszeichens breit darstellt sondern auch dessen Wirkung auf unterschiedliche Besucher_innen-Gruppen untersucht. QWIEN-Mitarbeiterin Johanna Taufner hat sie gelesen.

Am 27. Mai 2008 wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Berliner Tierpark eröffnet. Entworfen vom Künstler_innenduo Ingar Dragset und Michael Elmgreen nimmt die hellgraue, leicht gekippte Stele Bezug auf das gegenüberliegende Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Nach seinem zehnjährigen Bestehen ist das Denkmal ein fixer Bestandteil der Berliner Erinnerungslandschaft geworden. Der Neuerschienene Sammelband von Anika Oettler setzt sich nun erstmals mit Fragen über die gesellschaftliche Wahrnehmung dieses Gedenkortes auseinander. Wie wirkt das Erinnerungszeichen auf das urbane Umfeld? Ist das Denkmal ein Stein des Anstoßes? Welche Reaktionen löst es bei Besucher_innen und Passant_innen aus?
Besonders spannend ist hierbei der Beitrag von Miriam Bach, Maria Hartmann und Annika Sterr, die das Spektrum an Aussagen, die sich auf verschiedene Aspekte (Form, Inhalt, Materialität) beziehen, aufbereiten und analysieren. In dieser heterogenen Sammlung befinden sich auf der einen Seite positive Reaktionen: ‘It shows something that we might have seen in the past as not welcome and it [is] kind of opening us up, so, accepting everybody.‘ Auf der anderen Seite sammeln sich Unverständnis und Ablehnung: ‘It is really disappointing and really not what I expected.’ Insbesondere das Video der sich küssenden gleichgeschlechtlichen Paare löst bei Passant_innen  Irritationen aus. Darüber hinaus wird durch die Analyse deutlich, dass es für Besucher_innen, die sich noch nicht mit dem Thema der NS-Strafverfolgung auseinandergesetzt haben, schwierig ist, den Inhalt des Denkmales zu erfassen. Je mehr Vorwissen Personen zu diesem Thema und zu diesem Ort haben, desto intensiver kann er wiederum auf das Individuum wirken. Die von Anika Oettler herausgegebene Publikation stellt einen interessanten Beitrag zur Diskussion um das Berliner Denkmal dar. Das Buch ist allen Leser_innen zu empfehlen, die sich intensiver mit diesem Ort insbesondere seiner Wirkungsgeschichte auseinandersetzen wollen. Es kann aber auch Initiator_innen zukünftiger Gedenkzeichen als grundlegende Diskussionsbasis dienen, welche Fragen bei der Planung eines solchen zu beachten sind.
Anknüpfend an die Diskussion zum Berliner Denkmal bleibt noch anzumerken, dass Wien noch immer auf ein entsprechendes Erinnerungszeichen für die NS-Verfolgung von Homosexualität in Österreich wartet. Hoffentlich kann bald auch hierzulande über die gesellschaftliche Wahrnehmung eines entsprechenden Mahnmales geforscht werden.
Anika Oettler (Hg.in): Das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Entstehung, Verortung, Wirkung. Bielefeld: Transcript Verlag 2017, bei Löwenherz erhältlich
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