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Ich bin am Webstuhl der Welt abhandengekommen

Nachruf auf Friedemann, den Teppichweber – von Andreas Brunner

Friedemann, der Teppichweber vor seinem Webstuhl, 2016. Foto: privat

Besuchte man seine Facebookseite trat einem ein soignierter Herr entgegen, kurzes weißes Haar, ein gepflegter ebenso weißer, kurzer Bart, meist im weißen Hemd und Anzug, zumindest mit Gilet. Friedemann, der Teppichweber, wie er sich selbst am liebsten nannte, hieß mit bürgerlichem Namen Friedemann Hoflehner und war auf den ersten Blick auch eine durch und durch bürgerliche Erscheinung. In Interviews sprach er langsam und bedächtig, seine Formulierungen wohlüberlegt und oft auch in Girlanden schlingernd, bei denen aber der Schelm immer wieder durchblitzte.

Bürgerlichkeit war in seinem Leben aber keineswegs angelegt. 1946 wurde er in der Nähe von Würzburg geboren, in seinem ersten Lebensjahr übersiedelte die Familie nach Linz, doch fühlte er sich nie akzeptiert. Er sei ein ungeliebtes Kind gewesen, in seiner Familie wurde erzählt, dass seine Mutter während der Schwangerschaft immer wild die Treppen rauf und runter gesprungen sei, um einen Abortus hervorzurufen. Schon früh bemerkte Friedemann, dass er anders war. Sein erster Griff war angeblich der nach dem Bleistift und das Zeichnen sollte auch in seiner Kindheit und Jugend das Mittel seines Ausdrucks bleiben. Bis zu seiner Verhaftung sollte er fast manisch arbeiten: großangelegte Zyklen nach literarischen Vorbildern von Walter Scott oder Prosper Mérimée, Federzeichnungen, Stillleben, Material- und Fotocollagen.

Friedemann der Teppichweber – Werkstatt/Malerei – Abgelegte Narrenkleider – Vogelscheuchen – Kimono 2013

Auch Friedemanns Homosexualität war in der Familie schon früh bekannt. Zuerst versuchte sein Vater, ein alter Nationalsozialist, ihn noch zu brechen, aber Friedemann leistete nachhaltig Widerstand, sodass er mit achtzehn aus dem Elternhaus verstoßen wurde. Der Bruch war endgültig und wurde nie wieder gekittet, auch mit seinen Geschwistern wird Friedemann zeitlebens keinen Kontakt haben. Ein Schicksal das viele homosexuelle Jugendliche bis heute erfahren müssen. Er lebte von Gelegenheitsjobs, fand da und dort Unterschlupf oder schlief auf der Straße. Er sei in seiner Umtriebigkeit nicht zu halten gewesen, erzählte er, auch weil er seine sexuelle Exzessivität als Widerstand gegen das bornierte Elternhaus auslebte.

Verhaftung im Brucknerstüberl

Als er zwei Jahre später, 1967, im Brucknerstüberl, dem einzigen Schwulentreffpunkt Oberösterreichs in der Linzer Altstadt, der von zwei Frauen geführt wurde und in dessen Hinterzimmer sich die Männer näher kommen konnten, in eine Ausweiskontrolle geriet, begann die strafrechtliche Verfolgungsmaschinerie zu laufen, die bis zur Strafrechtsreform 1971 die Existenz schwuler Männer bedrohte und oftmals schwer beschädigte. Da er sich nicht ausweisen konnte, wurde er auf die Wache mitgenommen. Den Rest schilderte Friedemann in einigen Gesprächen eindrucksvoll:

Das Brautbett der Elisabeth, 1990
Seite des Mannes (links): Höhe:150cm, Breite: 96cm
Seite der Frau: Höhe 150cm, Breite 95cm

Ob er wisse, dass das Brucknerstüberl einen schlechten Ruf habe? Ja. Ob er wisse, dass dort Homosexuelle verkehren? Ja. Ob vielleicht selbst ein solcher sei? Ja. – Ein Ja, das ihm die Strafe von drei Monaten schweren Kerker einbringen sollte. In der Szene herrschte Angst, die Situation war – so Friedemann – im wahrsten Sinne des Wortes furchterregend. Man hatte Angst erwischt zu werden, Angst vor Erpressung, Angst, dass andere einen aus Selbstschutz denunzieren, Angst vor der Reaktion der Familie, vor Ausschluss und Ablehnung, Angst den Arbeitsplatz und die Wohnung zu verlieren, Angst davor sozial geächtet zu sein.

Von der Familie verstoßen

Die Familie hatte Friedemann schon verloren, Wohnung und Arbeitsplatz hatte er nicht, er war ohnehin schon ein Outlaw.

Friedemann am Webstuhl, Foto: Inge Zörnlaib

Er landete für drei Tage und Nächte in der Untersuchungshaft, wo er von bis zu sieben Polizisten eingeschüchtert, beschimpft und brutal misshandelt wurde, da er keine Namen anderer Homosexueller nennen wollte. Friedemann war davon überzeugt, dass sie an ihm kein wirkliches Interesse gehabt hätten, sich aber durch seine Festnahme einen Schlag gegen die Homosexuellenszene in Oberösterreich erhofft hatten. Da er schwieg bekam er ihre Wut ab. Und der Richter wollte ein Exempel statuieren und verhängte zur Strafhaft noch eine dreijährige bedingte Strafandrohung von weiteren drei Monaten Arbeitshaus, die wie ein Damoklesschwert über Friedemanns Lebens schweben sollten, nachdem er die Haft im Außenlager Asten bei Linz, einem Arbeitslager, abgesessen hatte. Drei Monate, in denen er sich als Freiwild gefühlt hatte, denn auch in der Strafanstalt war er als homosexueller Häftling der sprichwörtlich letzte Dreck.

Unmittelbar nach der Entlassung übersiedelte er in der Silvesternacht 1967/68 nach Wien. Vor dem Umzug vernichtete er alle seine künstlerischen Arbeiten, er wollte vollkommen neu beginnen. Er war der Liebe wegen nach Wien gekommen, doch endete die Beziehung schon in der Neujahrsnacht. So strandete er in Wien, auch wenn er hier nicht unbedingt ein unbeschriebenes Blatt war. Schon öfter hatte er davor aus der Provinz die Szene in Wien besucht und war als neues (jugendliches) Gesicht offen aufgenommen worden. Nun startete er aber unter neuen Voraussetzungen: obdachlos, arbeitslos und vorbestraft.

Aus dem 7-teiligen Zyklus Kokon, 1987-1989

Neustart in Wien

Friedemann schlug sich durch, seine Ansprüche waren nicht hoch. Er fand eine fensterlose Kammer hinter der Küche eines Gasthofs auf der Laxenburgerstraße und einen Job in einer Reindlfabrik in der Nikolsdorferstraße, wie er erzählte. Er besuchte die Lokale der Wiener Szene, erinnert sich an das LL in der Kopernikusgasse, das er als Künstlerlokal beschrieb und das wohl mit dem auch als Lurloch oder Kopernikusstüberl bekannten und später Nightshift genannten Souterrainlokal ident ist. Auch die von zwei Frauen geführte Alte Lampe oder das Café Stangl, das er hinter dem Parlament verortet, waren Stätten des schwulen und bei letzterem auch lesbischen Lebens. Die Abschaffung des Totalverbots gleichgeschlechtlicher Beziehungen in der Kleinen Strafrechtsreform 1971 änderte für Friedemann wenig. Zwar fiel die Drohung der Strafhaft nun weg, aber die gesellschaftliche Ächtung blieb weiterhin bestehen. Aber aus der Gesellschaft hatte sich Friedemann ohnehin schon ausgeklinkt.

In keinem seiner im Nachlass erhaltenen biografischen Entwürfe wird seine Verurteilung, die Haft und die erlittenen Demütigungen mit einer Silbe erwähnt. Friedemann inszenierte sein Leben als eine rein künstlerische Existenz. Denn auch in Wien war er weiterhin künstlerisch tätig, er verweigerte sich einer bürgerlichen Lebensform, hatte nie eine regelmäßige berufliche Tätigkeit.

Aus dem 7-teiligen Zyklus Kokon, 1987-1989

1973 hatte ihn dann eine Initialzündung zum Werkzeug seines künstlerischen Ausdrucks geführt, von dem er in letzter Konsequenz nie mehr weggegangen ist. Am Webstuhl sei er der Welt abhandengekommen, sagte er in einem Gespräch. Er nannte sich nun Friedemann der Teppichweber. Er schuf zahlreiche oft großflächige, abstrakte Teppiche, die er, zu thematischen Serien gebündelt, mit poetischen Titeln versah. Um 1984 hatte er den Astrologen, Schriftsteller und Aktivisten Robert Blum in der esoterischen Buchhandlung 777 kennen gelernt. Liebe beginnt, schrieb Friedemann in einem biografischen Text. Eine Liebe, der keine Dauer vergönnt war. Robert erkrankte in den frühen 1990er-Jahren an Aids und starb 1996 nur dreiundreißigjährig an den Folgen der Immunschwäche.

BROKAT IM HERBST DES LEBENS heißt ein mehrteiliger Teppich-Zyklus aus den 1990er-Jahren, an dem er in der Zeit der Agonie Roberts exzessiv arbeitet, um der Welt, dem Alltag zu entfliehen. Mit seinen Kunstwerken, für die er die Wolle immer selbst färbte, verarbeitete er auch den Verlust Roberts: DIE KLEIDER DER UNSTERBLICHKEIT – IM SPIEGEL DER EWIGKEIT – LEICHENTUCH FÜR ROBERT BLUM. Das Teppichweben wurde für Friedemann zum Lebensmittel, zum Überlebensmittel. Daneben entstehen abstrakte Bilder in der Technik der Kleistermalerei, die er schon als Jugendlicher in der Schule entdeckt hatte. Langsam fand er mit seinen abstrakten, farblich durchkomponierten Teppichzyklen auch in der Kunstwelt Anerkennung. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen folgten. Linz, Wien, Bonn, Klosterneuburg, Baden bei Wien, Manila, Jakarta, Singapur, Bangkok, Hongkong waren die Stationen seines künstlerischen Erfolgs.

EINE BRÜCKE ÜBER DEN WOGEN DER TRÄUME – Friedemann der Teppichweber – Tapisserie – Fragment in sechs Teilen – Gedacht als REQUIEM FÜR MURASAKI SHIKIBU – 1985/1986 – 800 cm x 330 cm – Ausstellung im Frauenbad, Baden bei Wien, 1997 – Foto: A. Ehrlich

Eine Reise nach Toledo auf den Spuren des spanischen Malers El Greco stürzte ihn 2007 in eine schwere künstlerische Krise. Er sagte alle schon geplanten Ausstellungen ab und zog sich zurück. Doch die schicksalshafte Begegnung mit Meïr Zörnlaib brachte eine glückliche Zeit, wie Friedemann festhielt. In den Jahren 2009 bis 2012 trat Friedemann in einer Reihe von Interview-Projekten auf, in denen er freimütig von seinem Schicksal als verfolgter schwuler Mann erzählte. Neben seinen Webarbeiten widmete er sich in seinen letzten Jahren auch verstärkt der Fotografie.

Am 29. Oktober 2020 setzte eine Gehirnblutung seinem nach wie vor von Tatendrang geprägten Leben unerwartet ein Ende.

Informationen zu Friedemann, dem Teppichweber findet man auf seiner Facebookseite.

Und in den Filmen:

 

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