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Zeugnis einer fotografischen Liebe

Am 14. Dezember wäre der französische Autor und Fotograf Hervé Guibert 65 Jahre alt geworden. Um Guibert, der zu Lebzeiten mit seinen offensiven Aids-Romanen Aufsehen erregte, ist es schon lange still geworden. Umso erstaunlicher war es, dass der Berliner Salzgeber Verlag letztes Jahr einen Fotoband von Hans Georg Berger und Hervé Guibert herausbrachte, der die zwölfjährige fotografische (Liebes)Beziehung der beiden dokumentierte. Von Andreas Brunner

Hans Georg Berger: Hervé Guibert (c) Salzgeber Verlag

Hervé Guibert war noch ein unbekannter Autor als er denn um vier Jahre älteren Hans Georg Berger kennenlernte. Berger, der zuvor eng mit Joseph Beuys zusammengearbeitet hatte, war zu diesem Zeitpunkt Direktor des Theater Festivals München und mit dem Komponisten Hans Werner Henze Co-Gründer des Internationalen Festival für neues Musiktheater in München. Berger lud den Snob aus Paris auf die Insel Elba ein, wo er die Ruinen des ehemaligen Franziskanerklosters Santa Catarina zu einem Kulturzentrum und Refugium für seine Künstlerfreunde ausbaute. Für Guibert sollte Elba ein Rückzugsort werden, das Zusammentreffen mit Berger der Beginn einer Kollaboration bis zu seinem Tod 1991.

Sowohl Berger als auch Guibert fotografierten, oft mit Guibert als Motiv. Guiberts Selbstporträts und Fotografien von Freunden war 1994 bei einer Ausstellung im Wiener Literaturhaus zu sehen. Hält man die Arbeiten der beiden nebeneinander ist es oft schwer zu sagen, welches Foto von wem gemacht wurde. Guibert, der sich in seinem Erzähl- und Essaybuch Phantombild auch theoretisch mit Fotografie auseinandersetzte, war auf der Suche nach dem zufälligen Bild, das einen Moment an Erinnerung konservierte. Auch wenn das Foto ganz bewusst arrangiert war, sollte es zufällig wirken. Ähnlich ist die ästhetische Herangehensweise von Hans Georg Berger. Momentaufnahmen, gemacht auf Reisen (so etwa auch 1980 anlässlich einer Reise nach Wien), aber vornehmlich in Guiberts Klause auf Elba, zeigen Bergers „obsessiven Charakter“, mit dem sein Modell mit dem Kameraauge verfolgt, wie Boris von Brauchitsch in dem die Publikation von Bergers Fotos  begleitenden Essay schreibt.

Anders als Guiberts literarische Texte, vor allem seine Romane Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat, Mitleidprotokoll und Paradies, in denen er für viele auch unerträglich direkt den Aidstod seines Freundes Michel Foucault aber auch den eigenen körperlichen Verfall bearbeitet, sind Bergers Fotos zurückhaltend und still. Für Guibert, dem es schwerfiel, das Fotografiertwerden zuzulassen, waren Bergers Fotos Erinnerungsstücke an einen Freund, an dessen vorhersehbare Zeit der Abwesenheit. Für uns heute sind die Fotografien, betrachten man den Verfall von Guiberts Körper in den letzten Jahren, auch ein Dokument aus einer Zeit, in der HIV keine chronische Erkrankung war und nicht durch die Einnahme einer Tablette in Schach gehalten werden konnte.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1991 verübte Hervé Guibert einen Selbstmordversuch an dessen Folgen er am 27. Dezember in Paris verstarb. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf der Insel Elba begraben.

Hans Georg Berger/Hervé Guibert: Phantomparadies. Mit Texten von Boris von Brauchitsch. Berlin: Salzgeber 2019, erhältlich bei Löwenherz

Die erwähnten Aids-Romane Guiberts sind vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.

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