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Widersprüchliches Leben

Der Historiker Raimund Wolfert, der sich u.a. um die Erforschung unterschiedlicher Strömungen der Homosexuellenbewegung große Verdienste erworben hat, hat eine Biografie des deutschen Juristen Botho Laserstein geschrieben.

Beim Lesen mancher Biografien kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Biografierenden gegenüber den Biografierten die nötige Distanz vermissen lassen und statt einer kritischen Lebensbeschreibung eine Hagiografie bringen. Diesen Vorwurf kann man Raimund Wolfert in seiner Laserstein-Biografie nicht machen. Distanziert und möglichst neutral folgt er dem durchaus widersprüchlichen Leben des Juristen, der aus einer ostpreußischen Kantorenfamilie entstammte und den die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts zuerst nach Frankreich aber schließlich wieder nach Deutschland verschlugen.

Einer von Lasersteins populären Rechtsratgebern

Schon als junger Jurist in Berlin war Laserstein vielfältig publizistisch tätig, Pazifismus, Filmkritik, Judentum, aber auch der §175, der gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern verfolgte, waren seine Themen. Der Kampf gegen die Erpressbarkeit Homosexueller beschäftigte ihn, wie die verschiedenen Bestrebungen zur Reform bzw. Abschaffung des §175. Für kurze Zeit war Laserstein mit einem Kollegen der Berliner Anwalt von Karl Kraus, der sich ebenfalls im Kampf gegen das die persönliche Freiheit einschränkende Sexualstrafrecht engagierte. Eine weitere Beziehung Lasersteins zu Wien bestand zum Buchhändler Richard Lányi in dessen Verlagsbuchhandlung er 1931 seine Schrift über Ludwig Börne oder Die Überwindung des Judentums veröffentlichte.

Vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten floh er nach Frankreich, wo er zum Katholizismus übertrat und sich in einem Kloster versteckte. Als Einziger überlebte er die Schoa, seine Eltern, sein Bruder, seine Frau und seine Tochter wurden in Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Was ihn bewegte, Anfang der 1950er-Jahre wieder nach Deutschland zurückzukehren, bleibt unklar. War es der Posten bei der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf? Bei der Kollegenschaft und seinen Vorgesetzten machte er sich rasch unbeliebt. Seine populär geschriebenen Rechtsratgeber, die Beschuldigten Hilfestellung gegenüber der Justiz gaben, waren zumindest nicht gern gesehen. Mit seinem vehementen Eintreten gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe machte er sich beim konservativen mit vielen ehemaligen Nationalsozialisten besetzten Justizapparat auch nicht beliebter.

Strichjunge Karl, 1954

Bereits strafversetzt führte das Erscheinen seiner Streitschrift Strichjunge Karl, in der er das Milieu der Strichjungen mit viel Insiderwissen wirklichkeitsnah schilderte und in der er erneut für die Abschaffung des §175, der noch in seiner durch die Nationalsozialisten verschärften Fassung in Kraft war, eintrat, führte zu seiner Kündigung aus dem Justizdienst. Detailreich zeichnet Raimund Wolfert dabei Lasersteins Beziehungen zur Homophilenbewegung dieser Jahre nach, wobei letztendlich unklar bleibt, ob Laserstein selbst homosexuell gewesen ist. Aus seinen Beziehungen zu Frauen gingen nicht nur die von den Nazis ermordete Tochter hervor, sondern zwei Jahre vor seinem Tod wurde er Vater eines Sohnes, Thomas Botho Hans, zu dem er aber, wie es scheint, keine emotionale Beziehung aufbauen konnte. Anfang März 1955 nahm sich Laserstein in Düsseldorf das Leben.

Ein deutscher Lebenslauf lautete der sinnfällige Untertitel einer bereits 1991 von Herbert Hoven herausgegebenen Dokumentensammlung über Lasersteins. Das Verdienst von Raimund Wolferts neuer Biografie ist es, dass er darin die vielfältigen Beziehungsnetzwerke Lasersteins auf Basis aufwändiger Quellenforschung auffächert, Lasersteins nicht immer widerspruchsfreien Aussagen und Publikationen vorstellt, ohne diese aber zu glätten. So bleibt ein durchwegs brüchiger Lebenslauf, dem man ob des grausamen Schicksals, aber auch Lasersteins Unnachgiebigkeit mit Spannung folgt.

Raimund Wolfert: Botho Laserstein. Anwalt und Publizist für ein neues Sexualstrafrecht. Berlin: Hentrich & Hentrich 2020; erhältlich bei Buchhandlung Löwenherz

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