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Von Homoerotik zu Homophobie (seit 2018)

Zur Dekonstruktion stereotyper Sexualitäts- bzw. Männlichkeitsbilder des „Orients“ (1850–2016)

Projektförderung: Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank

Projektleitung: Christopher Treiblmayr
Hauptbearbeiter: Thomas Tretzmüller
Mitarbeit: Arthur Ruth Jaeneke-Elyas (bis Frühjahr 2019), Virginia Hagn, Hannes Sulzenbacher
Praktikant*innen: Lisa Allacher (März 2019), Lukas Albert Russ (Oktober 2018 bis Juli 2019), Henning Sydow (ab Mai 2019)
Projektstart: Oktober 2018

Ziele und Inhalte:

Das Projekt nimmt vor allem die Debatten der letzten Jahre über die, als solche wahrgenommene, „Andersartigkeit“ orientalischer (und hier besonders: männlicher muslimischer) Sexualität sowie die sich daraus ergebende oft beschworene „Bedrohung unserer Kultur“ zum Anlass, historische und aktuelle Bilder von „orientalischer“ Männlichkeit und Sexualität im Gebiet des heutigen Deutschland und Österreich zu dekonstruieren. Indem ihre Abhängigkeit von den jeweils gültigen Geschlechter- bzw. Sexualitätsvorstellungen innerhalb der „westlichen“ Kulturen aufgezeigt wird, sollen aus einer männergeschichtlichen Sicht korrektive Perspektiven in den gegenwärtigen, vielfach von Stereotypen und Vorurteilen geprägten gesellschaftlichen Diskurs eingebracht werden. Das geplante Projekt greift damit einen Konflikt auf, der sich nicht zuletzt durch die gegenwärtigen Flucht- und Migrationsbewegungen in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend verschärft hat. Die zentrale Bedeutung der Kategorie „Geschlecht“ für die Konstruktion eines „orientalischen Anderen“ ist in der bisherigen Forschung vielfach herausgestellt und analysiert worden. Dabei stehen häufig Weiblichkeitskonstruktionen im Vordergrund, wie sich beispielhaft an den wissenschaftlich gut aufgearbeiteten Debatten um das Kopftuch muslimischer Frauen in Europa zeigt. Im Projekt steht eine komplementäre männergeschichtliche Perspektive im Vordergrund. Es wird anhand zentraler Entwicklungsphasen eines hegemonialen Männlichkeitsmodells (Raewyn Connell) im deutschsprachigen Raum herausgearbeitet, inwieweit Wahrnehmungen von „männlicher orientalischer Sexualität“ von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart jeweils als hierarchisch unterlegen und mitunter sogar als Gegenbilder der Geschlechterordnung „unserer“ Gesellschaft konstruiert wurden/werden. Durch die Heranziehung einer breiten Quellenbasis, die von Reiseschilderungen über wissenschaftliche Abhandlungen und Zeitungs- bzw. Zeitschriftenartikel bis hin zu Fotografien oder Filmen reicht, soll erstmals eine historische Bestandsaufnahme und Dekonstruktion stereotyper Sexualitäts- bzw. Geschlechterbilder des „Orients“ geleistet werden. Wiewohl dabei Deutschland und Österreich im Vordergrund stehen, sind auch internationale Einflüsse zu berücksichtigen. Es werden fünf „Schlaglichter“ auf den Untersuchungszeitraum geworfen:

– Die Verfestigung hegemonialer Männlichkeitsbilder im 19. Jahrhundert
– Die erste Homosexuellenbewegung und sexualreformerische Bestrebungen, Parallelen des „Othering“ zwischen der Figur des Homosexuellen und jener des „Orientalen“?
– Remaskulinisierung nach dem Zweiten Weltkrieg
– Die „68er-Bewegung“ und die „Gastarbeiter_innendebatte“
– Die Pluralisierung von Männlichkeit seit den 1990er-Jahren

Angewandte Methoden:

Im ersten Schritt filtert das Projektteam aus den Quellen jene Textstellen sowie Bild- und Filmsequenzen, die sich explizit oder implizit mit „orientalischer“ Sexualität und/oder Männlichkeit befassen. Diese werden mittels einer Software zur qualitativen Datenanalyse (MAXQDA) erfasst, wobei induktiv und deduktiv entwickelte Codierungen zum Einsatz kommen. Die zugewiesenen Codierungen im Text-, Bild- und Filmmaterial ermöglichen erste Rückschlüsse auf Art, Häufigkeit und Kontext von stereotypen Zuschreibungen und thematischen Aspekten. Im zweiten Schritt erfolgt eine tiefensemantische, diskursgeschichtlich orientierte Detailanalyse einzelner, für die jeweiligen Schlaglichter repräsentativer Codegruppen. Der Fokus liegt somit auf der Herausarbeitung von zentralen Begriffen, Argumentationsmustern bzw. -topoi, Metaphern und Bildsprachen, die Machtverhältnisse produzieren und repräsentieren. Der „Orient“-Blog auf der QWIEN-Website berichtet laufend über den Fortgang des Projekts.

Abb. 1 „Junger Araber“, Bildpostkarte, um 1900, Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts existierte ein blühender Markt für Fotografien und Bildpostkarten, wie diese aus dem Hause Lehnert & Landrock kamen. Quelle: Wikimedia Commons.
Abb. 2 „Mohammed“ von Claude Marquis, aus „Der Kreis“ 12/1948, Bilder des „Orients“ erfüllten für viele Homosexuelle eine Funktion als „Sehnsuchtsraum“. Für die Nachkriegszeit wird dies unter anderem anhand der Zeitschrift „Der Kreis“ analysiert, die von 1943 bis 1967 in Zürich erschien und damit eine der wenigen europäischen Verständigungsmedien für Homosexuelle in diesem Zeitraum war. Quelle: Zentrum QWIEN

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