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Fundstück des Monats (September 2021)

Eine Postkarte erinnert an ein bekanntes Szenelokal der 1920er- und 1930er-Jahre.

Der Hubertuskeller war bis zu seiner Schließung in den 1960er-Jahren ein bekanntes Bierlokal an der Mariahilfer Straße 49. Neben dem großen Saal gab es ein Kellerstüberl zum Lokal, das von den späten 1920er-jahren bis in die NS-Zeit als beliebter Treffpunkt homosexueller Männer bekannt war.

Neben Praterlokalen wie der Schönen Schäferin, dem Dalmatiner Weinhaus  am Naschmarkt, dem Paulanerhof an der Weidner Hauptstraße, dem Marrokkanerstüberl im 3. Bezirk oder dem Gasthaus Neumann/Café Veronika am Spittelberg wurde der Hubertuskeller immer wieder in Strafverfahren, die oft unsere einzige Quelle zur Rekonstruktion queerer Geschichte sind, genannt.

Ludwig Sobotnik, der 1944 im KZ Bergen-Belsen umgebracht wurde, erinnerte sich an die frühen 1930er-Jahre, als er „aus eigener Anschauung“ wusste, dass im Hubertuskeller „die jungen Burschen direkt am Strich“ gingen und „geschminkt und mit Blumen geschmückt“ waren. „Der Besitzer [Josef] Dörner verführte selbst die jungen Burschen massenweise.“ Heute – „seit zirka fünf bis sechs Jahren“ – sei aber „ein junger Mensch von vielleicht 24 Jahren der Besitzer“, wusste Ferdinand Schumann, „der verheiratet […] und homosexuell veranlagt ist.“ Die Kripo in Wien führte daraufhin Erhebungen nicht nur gegen Josef Dörner, der das Lokal bis 1931 gepachtet hatte, durch, sondern gleich gegen alle drei Wirte, die seit damals Pächter des Hubertuskeller gewesen waren. Dörner bestellte sie auch zur Einvernahme. Obwohl in einem Bericht der Kripo festgehalten wurde, dass dort bis 1936 Homosexuelle verkehrt hatten, war die Polizei zufrieden, dass „solche Individuen“ unter dem derzeitigen Wirt Franz Krempe „nicht mehr geduldet würden“. Die Ermittlungen gegen alle vier wurden erstaunlicherweise eingestellt.

Alle Zitate aus dem Straferfahren gegen Heinrich Bösl, Wiener Stadt- und Landesarchiv, Strafakten LG I Vr 5853/1938 und aus dem Strafverfahren gegen Josef Dörner, Wiener Stadt- und Landesarchiv, Strafakten LG I Vr 5856/1938

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