{"id":11006,"date":"2025-07-15T21:37:14","date_gmt":"2025-07-15T19:37:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/vieldeutiges-leben\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:14","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:14","slug":"vieldeutiges-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/vieldeutiges-leben\/","title":{"rendered":"Vieldeutiges Leben"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Was schreiben \u00fcber einen Roman, der allseits gelobt wurde, der von berufenen Literaturkritiker*innen schon in Bezug zu Didier Eribon und Eduard Louis, den schwulen Literaturstars aus Frankreich, gestellt wurde? Neben den literarischen Qualit\u00e4ten ist es vor allem die Darstellung der schwulen Geschichte, die dieser Roman so lesenswert machen . Von Andreas Brunner<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Folgt man dem Motto von Nathaniel Hawthorne, das J\u00fcrgen Bauer seinem Roman voranstellt, ist Verwirrung die Folge, wenn ein Mensch f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit sich selbst das eine und der Menge ein anderes Gesicht zeigt. Es w\u00e4re unm\u00f6glich zu sagen, welches das echte ist. Welches das echte Gesicht von J\u00fcrgen Bauers Held Georg ist, bleibt auch nach \u00fcber 300 Seiten Lekt\u00fcre unscharf, Georg erhielt auch nie die Gelegenheit seine eigene Sicht darzulegen. Denn erz\u00e4hlt wird sein Portr\u00e4t aus drei unterschiedlichen Perspektiven, die auch jeweils unterschiedliche Abschnitte von Georgs Leben im Zentrum haben.<\/p>\n<div id=\"attachment_5686\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5686\" class=\"wp-image-5686\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Juergen-Bauer-SEptime.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Juergen-Bauer-SEptime.jpg 203w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Juergen-Bauer-SEptime-10x12.jpg 10w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-5686\" class=\"wp-caption-text\">J\u00fcrgen Bauer (c) Septime Verlag<\/p><\/div>\n<p>In ersten Teil erz\u00e4hlt Georgs fast neunzigj\u00e4hrige Mutter Mariedl, eine einfache B\u00e4uerin, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat, um den Hof, den sie nach dem lange r\u00e4tselhaft bleibenden Verschwinden ihres Mannes in der Nazizeit alleine bewirtschaftet hat, zu erhalten. Im zweiten l\u00e4sst sein langj\u00e4hriger Geliebter Gabriel, ein Landkind wie Georg, ihre Liebe und das Scheitern ihrer Beziehung Revue passieren und gibt dabei Einblicke in das schwule Leben der 1970er- und 1980er-Jahre. Im dritten und letzten Teil beschreibt Georgs Ehefrau Sara, eine gescheiterte Operns\u00e4ngerin aus den Niederlanden, warum sie einen Mann geheiratet hat, von dem sie wusste, dass er M\u00e4nner bevorzugt. Es zeugt von erz\u00e4hlerischem K\u00f6nnen, dass es J\u00fcrgen Bauer gelingt, allen drei Erz\u00e4hlfiguren einen unverwechselbaren Ton zu geben, sie in ihrem jeweils eigenen Stimmen sprechen zu lassen.<\/p>\n<p>\u201eWas glaubst du eigentlich, wer du bist?\u201c, geht Mariedl ihren Sohn gleich im ersten Satz frontal an und man ahnt sofort, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen Mutter und Sohn nicht das beste ist. Sie erz\u00e4hlt von den Entbehrungen, die sie auf sich genommen hat, damit der Sohn einmal den Hof \u00fcbernehmen kann, nachdem der \u00e4ltere Bruder \u2013 auch daf\u00fcr gibt sie Georg die Schuld \u2013 jung an Krebs gestorben ist. Warum musste er auf eine h\u00f6here Schule gehen? Bildung ist ein Fluch, man braucht sie nicht in der Landwirtschaft, da reichen zwei H\u00e4nde, die zupacken k\u00f6nnen. Warum musste er in die Stadt gehen und sich dort mit M\u00e4nnern einlassen? Dass ihr Sohn schwul ist, kann und will sie nicht benennen und schon gar nicht akzeptieren. Dass er sp\u00e4ter mit einer Frau auftaucht, ist ihr auch ein \u00c4rgernis, weil diese kein Interesse am l\u00e4ndlichen Leben hat.<\/p>\n<p>Gabriel, um mehr als zehn Jahre j\u00fcnger als Georg, verl\u00e4sst Anfang der 1970er-Jahre seine Eltern in der Provinz und macht sich mit der Information, dass sich Homosexuelle in \u00f6ffentlichen Toiletten am Naschmarkt tr\u00e4fen, auf in die Gro\u00dfstadt, um mit seinem Arsch die Welt zu erobern. Seine erste Eroberung wird gleich Georg sein, der das Naschmarkth\u00e4usel und andere Logen der Stadt regelm\u00e4\u00dfig aufsucht, um Sexpartner zu finden. Georg wird Gabriel schlie\u00dflich in seine Wohnung mitnehmen, die beiden beginnen eine offene Beziehung, die sexuelle Abenteuer m\u00f6glich macht. Gabriel, flamboyant, sexuelle offensiv und w\u00fctend, fordert den zur\u00fcckhaltenden, auf seine Karriere als Jurist bedachten Georg immer wieder heraus, wenn er sich in der \u00d6ffentlichkeit produziert, der aufkeimenden Schwulenbewegung anschlie\u00dft und auch um Drogen keinen Bogen macht.<\/p>\n<p>Als Sara in einer Bar auf Georg trifft, kennt sie ihn schon lange vom Sehen aus der Oper, die Georg regelm\u00e4\u00dfig am Stehplatz besucht. Sie kam, aus einer reichen Amsterdamer Industriellenfamilie stammend, nach Wien, um Operns\u00e4ngerin zu werden, aber das Talent reichte nicht. Um sich endg\u00fcltig aus einer gewaltt\u00e4tigen Beziehung mit einem Gesanglehrer zu l\u00f6sen, ist sie bereit Georg zu heiraten, obwohl sie von seinem homosexuellen Begehren wei\u00df. Eine Hand w\u00e4scht die andere, Georg bekommt ein heterosexuelles Image, das ihm beim beruflichen Aufstieg im Justizministerium nicht schadet, Sara eine b\u00fcrgerliche Fassade, die sie \u00fcber die Leere in ihrem Leben hinwegt\u00e4uscht. Solange Georg diskret seine n\u00e4chtlichen Eskapaden lebt, schaut Sara weg, als pl\u00f6tzlich nach Jahren der an Aids erkrankte Gabriel wieder im Leben von Georg auftaucht und dieser beschlie\u00dft sich doch um seine Lebensliebe zu k\u00fcmmern, ger\u00e4t ihr Leben aber aus dem Gleichgewicht.<\/p>\n<p>Im Grunde sind alle Figuren des Romans gescheiterte Existenzen. Mariedls Lebenstr\u00e4ume sind schon geplatzt, als sie von ihrem Mann, der vor der Verfolgung durch die Nazis im Dorf fl\u00fcchten musste, verlassen wurde. Sie klammert sich an ihren Bauernhof, den sie bis ins hohe Alter mit allen ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Kr\u00e4ften verteidigt, selbst als sie erkennen muss, dass sie keine Nachfolger haben wird. Gefangen in der Enge ihrer b\u00e4uerlichen Welt fehlt ihr jegliches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihren schwulen Sohn, der seine Herkunft verleugnet. Gabriel, im st\u00e4ndigen Widerstand gegen eine Gesellschaft, die ihn wegen seiner Homosexualit\u00e4t ausgrenzt, versinkt in Drogen, streunt als Stricher durch Europa und findet an Aids erkrankt bei Georg schlie\u00dflich doch einen sicheren Hafen. Auch Saras Lebenstr\u00e4ume sind geplatzt und die Ehe mit Georg nur eine verlogene Farce.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5684\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-192x300.jpg 192w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-656x1024.jpg 656w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-768x1199.jpg 768w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-984x1536.jpg 984w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-1312x2048.jpg 1312w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover-8x12.jpg 8w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bauer_Cover.jpg 1476w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/>Obwohl die erz\u00e4hlenden Personen alle ungl\u00fccklich sind, ist \u201ePortrait\u201c trotzdem kein d\u00fcsterer Text. J\u00fcrgen Bauer gelingt ein lebenssattes Buch. Eindr\u00fccklich l\u00e4sst er Mariedl von Armut und Entbehrungen erz\u00e4hlen, sie steht mit beiden Beinen in dieser Welt und l\u00e4sst sich im harten Kampf um ihre Existenz nie unterkriegen. Detailliert und einf\u00fchlsam schildert er die b\u00e4uerliche Welt und Mariedls Verbundenheit zur Natur. In Gabriel spiegelt der Autor mit viel historischem Wissen und Feingef\u00fchl das schwule Aufbegehren der 1970er-Jahre, erz\u00e4hlt Gabriel als Teil der sich sammelnden Schwulenbewegung, zeigt ihn in den Lokalen, den Parks und den Logen der schwulen Subkultur flirtend und rumv\u00f6gelnd und l\u00e4sst ein Gef\u00fchl der sexuellen Euphorie dieser Jahre wieder auferstehen, die durch das Einbrechen von Aids zum Fluch wird. Sara, die aus einer gescheiterten Familie in die Unabh\u00e4ngigkeit floh, findet in der Musik einen emotionalen Anker, auch wenn der Traum von den Brettern, die die Welt bedeuten, scheitert.<\/p>\n<p>Und Georg? Georg bleibt uneindeutig, kommt nie selbst zu Wort. Wir erfahren nichts \u00fcber seine Gef\u00fchle und Tr\u00e4ume, k\u00f6nnen sie nur aus den Reaktionen und Beschreibungen seiner drei Lebensmenschen erahnen. Mitunter hat man den Eindruck, dass es gar nicht um Georg geht, wie einem der Klappentext des Buches glauben lassen m\u00f6chte, sondern vielmehr um die Menschen, die in Georgs Leben wichtig waren, die Georg ben\u00fctzen, um von sich selbst zu erz\u00e4hlen. Und doch, langsam, Puzzlestein f\u00fcr Puzzlestein formt sich ein Bild, kommt man ihm nahe. Man liest sich fest in diesem Leben, will das Buch nicht mehr aus der Hand legen, weil die unterschiedlichen Erz\u00e4hlstimmen einen starken Sog entwickeln und man mehr von Georg wissen will.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgen Bauer: Portrait. Wien: Septime Verlag 2020, erh\u00e4ltlich bei <a href=\"https:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=19101\">L\u00f6wenherz<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Eine ausf\u00fchrliche Lesung gibt es auf dem queeren Literaturblog <a href=\"https:\/\/www.berggasse8.at\/portrait-juergen-bauer\/\">Berggasse 8<\/a><\/p>\n<p>Eine k\u00fcrzere Videolesung hier:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"J\u00fcrgen Bauer liest aus \u00bbPortrait\u00ab\" width=\"1080\" height=\"608\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/T6Dx7AzC8xo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was schreiben \u00fcber einen Roman, der allseits gelobt wurde, der von berufenen Literaturkritiker*innen schon in Bezug zu Didier Eribon und Eduard Louis, den schwulen Literaturstars aus Frankreich, gestellt wurde? 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