{"id":11111,"date":"2025-07-15T21:37:08","date_gmt":"2025-07-15T19:37:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/queere-lekturen\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:08","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:08","slug":"queere-lekturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/queere-lekturen\/","title":{"rendered":"Queere Lekt\u00fcren"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Im renommierten Kulturwissenschafts- und Literaturverlag Wallstein erschienen die ersten B\u00e4nde der Hirschfeld-Lectures.<\/strong><\/em><br \/>\nNachdem der Deutsche Bundestag 2002 die Urteile gegen in der NS-Zeit verfolgte Homosexuelle aufgehoben hatte (\u00d6sterreich folgte 2009), begann in Deutschland auch eine Debatte \u00fcber Wiedergutmachung, die bei dieser Opfergruppe besondere Voraussetzungen hatte. Zu diesem Zeitpunkt (egal ob 2002 oder 2009) waren praktisch alle Opfer tot und nur ein kleiner Teil hatte Nachkommen oder Erben. So entschied sich der deutsche Bundestag nach langen und heftigen Debatten zur Errichtung einer Stiftung im Namen des von den Nazis verfolgten Sexualwissenschafters Magnus Hirschfeld. Dessen <em>Institut f\u00fcr Sexualwissenschaft<\/em> wurde schon 1933 im Zuge der B\u00fccherverbrennung Opfer der nationalsozialistischen Zerst\u00f6rungswut.<br \/>\nAls Akt der Wiedergutmachung an den nicht entsch\u00e4digten homosexuellen Opfer des NS-Terrors wurde die <em>Bundesstiftung Magnus Hirschfeld<\/em> mit 10 Millionen Euro Kapital ausgestattet, um damit Projekte zu f\u00f6rdern, die die gesellschaftliche Lebenswelt von Lesben, Schwulen und Transgender erforschen, Bildungs- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit f\u00f6rdern, um Diskriminierung von Homosexuellen in Deutschland entgegenzutreten. Damit soll auch die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen an Homosexuellen und an Leben und Werk des Namensgebers der Stiftung wachgehalten werden. Seit ihrer Gr\u00fcndung 2012 hat die Stiftung bereits 33 Projekte mit fast 80.000,- Euro gef\u00f6rdert. Eines dieser Projekte sind die B\u00e4nde der Hirschfeld-Lectures.<br \/>\n<span style=\"color: #800080;\"><strong>Erste Projekte<\/strong><\/span><br \/>\nBreit gef\u00e4chert werden die Themen der Reihe sein, wie schon die ersten beiden B\u00e4nde zeigen, die nur eine inhaltliche Bezugnahme auf Magnus Hirschfeld verbindet. Dagmar Herzog, Professorin f\u00fcr die Geschichte von Sexualit\u00e4t, Gender und Holocauststudien in New York, widmet sich <em>Paradoxien der sexuellen Liberalisierung<\/em> und durchmisst in dem 48-Seiten schmalen Band deutsche Sexualit\u00e4tsgeschichte vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die Bundesrepublik. Sie hebt dabei die Pionierstellung Hirschfelds und sein aus heutiger Sicht modernes Sexualverst\u00e4ndnis hervor, das Trans*identit\u00e4ten schon immer inkludierte. Dabei ist Hirschfeld kein makelloser Held, sind doch seine zu seiner Zeit weitverbreiteten Ansichten zur Eugenik etwa aus heutiger Sicht ausgesprochen fragw\u00fcrdig.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Herzog1-180x300.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3137\" title=\"Cover_Herzog\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Herzog1-180x300.png\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Herzog1-180x300.png 180w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Herzog1.png 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Neben Hirschfeld widmet sich Herzog auch Johanna Elberskirchen, die in ihrer von den Nationalsozialisten zur &#8220;sch\u00e4ndlichen und unerw\u00fcnschten&#8221; Literatur erkl\u00e4rten Schrift <em>Die Liebe des Dritten Geschlechts<\/em> die Normalit\u00e4t von Heterosexualit\u00e4t hinterfragte. Beide arbeiteten auch in der <em>Weltliga f\u00fcr Sexualreform<\/em> zusammen, ihre Vorstellungen \u00fcber Sexualmoral und -recht strahlten weit \u00fcber den deutschen Raum hinaus. Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung profitierten von den gelockerten sexuellen Moralvorstellungen, Sexualit\u00e4t sollte das Verbotene genommen werden, sollte Spa\u00df machen. Die Nationalsozialisten begannen sofort nach der Macht\u00fcbernahme 1933 in Union mit kirchlich-konservativen Kreisen mit einer Diffamierungskampagne gegen die aus ihrer Sicht &#8220;j\u00fcdisch&#8221; dominierte Sexualreformbewegung. Auf l\u00e4ngere Sicht traten sie aber zur Entt\u00e4uschung f\u00fcr die Kirchen f\u00fcr eine lockere Sexualmoral ein, so wurde etwa vorehelicher Sex enttabuisiert. Diese \u00d6ffnung erfolgte aber auf Kosten des Ausschlusses aller, die aus NS-Sicht deviant waren. Dagmar Herzog formuliert es so:<br \/>\n&#8220;Die Nazis haben, paradox aber geschickt, die weit verbreitete Sehnsucht nach sexueller Begl\u00fcckung umgedeutet in das Privileg der rassisch und ideologisch genehmen nichtbehinderten Heterosexuellen (das Gros der Bev\u00f6lkerung).&#8221;<br \/>\nEs erscheint auch paradox, dass ein biologistisch ausgerichtetes Regime wie der Nationalsozialismus gerade die biologische Entstehung von Homosexualit\u00e4t strikt ablehnte &#8211; &#8220;Homosexualit\u00e4t ist keine Erbkrankheit&#8221; hie\u00df es in einer offiziellen Schrift der Rassenpolitischen Amts. In einer durch und durch von heteronormativen Vorstellungen gepr\u00e4gten Gesellschaft erscheint Heterosexualit\u00e4t als au\u00dferordentlich fragil: Denn die sexuelle Orientierung sei gerade bei jungen M\u00e4nnern flie\u00dfend, zitiert Herzog den Sexualethiker Theodor Haug. Um so st\u00e4rker musste man sich von den Anderen, den Homosexuellen, abgrenzen. Dazu nutzte man auch das Stereotyp des homosexuellen Verf\u00fchrers, das nur konstruiert werden konnte, wenn man von einer nicht festgelegten heterosexuellen Ausrichtung ausging. Paradox findet Dagmar Herzog auch, dass in der Nachkriegszeit zwar das NS-Konstrukt von Homosexualit\u00e4t wie auch die versch\u00e4rften Strafbestimmungen gegen sie \u00fcbernommen wurden, aber mit der Durchsetzung einer restriktiven Sexualmoral versucht wurde, sich von der &#8220;liberalen&#8221; NS-Zeit abzugrenzen. Gerade auch die Vorstellungen \u00fcber den homosexuellen Verf\u00fchrer wurden in den 1950er Jahren als Argument gegen eine Liberalisierung des \u00a7 175 herangezogen.<br \/>\n<span style=\"color: #800080;\"><strong>Hommage an Hirschfeld<\/strong><\/span><br \/>\nAls Hommage an Magnus Hirschfeld kann man den zweiten Band der Reihe lesen, den der Berliner Professor f\u00fcr deutsche Literatur des Mittelalters, Andreas Kra\u00df, verfasst hat: <em>&#8220;Meine erste Geliebte&#8221; Magnus Hirschfeld und sein Verh\u00e4ltnis zur sch\u00f6nen Literatur<\/em>. Er beleuchtet damit einige wenig bekannte Facetten in Leben und Werk des Sexualwissenschafters. Hirschfeld, der die Dichtung einmal als seine &#8220;erste Geliebte&#8221; bezeichnet hatte, war zeitlebens mit einer Reihen von Autor_innen befreundet, zu denen homosexuelle wie Kurt Hiller oder Bruno Vogel aber auch die Lyrikerin Else Lasker-Sch\u00fcler z\u00e4hlten. In einer Umfrage zu seinem 60. Geburtstag erwiesen ihm dar\u00fcber hinaus prominente Schriftsteller_innen ihre Reverenz: darunter Heinrich und Thomas Mann oder Stefan Zweig. Wenig bekannt ist ebenso, dass sich Hirschfeld auch selbst als Dichter bet\u00e4tigte.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Krass1-180x300.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3138\" title=\"Cover_Krass\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Krass1-180x300.png\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Krass1-180x300.png 180w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover_Krass1.png 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Wie wichtig Hirschfeld Literatur war, zeigen auch die regelm\u00e4\u00dfigen Besprechungen von belletristischen Neuerscheinungen in den <em>Mitteilungen des Wissenschaftlich-humanit\u00e4ren Komitees<\/em>, die \u2013 einen breiten Bogen spannend \u2013 B\u00fcchern, die heute Klassiker der deutschsprachigen Literatur sind, wie Thomas Manns <em>Tod in Venedig<\/em> oder Stefan Zweigs <em>Verwirrung der Gef\u00fchle<\/em>, bis zu Publikationen kleiner Spezialverlage f\u00fcr homosexuelle Belletristik vorstellten. In seinem Hauptwerk <em>Die Homosexualit\u00e4t des Mannes und des Weibes<\/em> widmete Hirschfeld einer Literaturgeschichte der Homosexualit\u00e4t ein eigenes Kapitel, in dem deutlich wird, dass er die Literatur als Verb\u00fcndete im Kampf um Straffreiheit, Anerkennung und schlussendlich Gleichberechtigung sah.<br \/>\nDass Hirschfeld eine Pers\u00f6nlichkeit des \u00f6ffentlichen Lebens war, sieht man nicht nur an den Medienberichten \u00fcber seine T\u00e4tigkeit sondern auch darin, dass er selbst als literarische Figur Karriere machte und seine Person und seine Thesen literarisch verarbeitet wurden. Und auch hier ist die Palette breit und reicht vom satirischen <em>Hirschfeldlied<\/em> Otto Reuters \u00fcber Alfred D\u00f6blin in <em>Berlin Alexanderplatz<\/em> und <em>Die Freundinnen und ihr Giftmord<\/em> bis zum autobiografischen Werk Christopher Isherwoods. Spannend sind hier vor allem die Querverbindungen, die sich durch die thematische Zusammenstellung ergeben, sowohl was Hirschfelds Betrachtungen \u00fcber Literatur anbelangt als auch die Rezeption seiner Person und seines Werks in der Literatur.<br \/>\nSo unterschiedlich ihre Themen sind, ein weiteres eint die ersten B\u00e4nde der Hirschfeld-Lectures nach der Lekt\u00fcre: Beide Autor_innen verstehen es eine interessante Fragestellung in handlichem Format abzuhandeln, akademisch aber nicht zu theoretisch, denn gerade queere Texte pflegen oft eine hermetisch abgeschlossene Sprache, die sie nur noch f\u00fcr Spezialist_innen zug\u00e4nglich macht. Sie lesen sich kurzweilig, was sie auch f\u00fcr interessierte Lai_innen zu einer gewinnbringenden Lekt\u00fcre machen, dass sie durchaus auch unterhalten, verbietet sich ja bei wissenschaftlichen Texten zu erw\u00e4hnen. Man darf gespannt sein, ob die weiteren B\u00e4nde diese Balance halten werden.<br \/>\n<strong>Dagmar Herzog: Paradoxien der sexuellen Liberalisierung. G\u00f6ttingen: Wallstein 2013 (=Hirschfeld-Lectures 1)<\/strong>, erh\u00e4ltlich bei <a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=9300\">L\u00f6wenherz<\/a><br \/>\n<strong>Andreas Kra\u00df: &#8220;Meine erste Geliebte&#8221; Magnus Hirschfeld und sein Verh\u00e4ltnis zur sch\u00f6nen Literatur. G\u00f6ttingen: Wallstein 2013 (=Hirschfeld-Lectures 2)<\/strong>, erh\u00e4ltlich bei <a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=9544\">L\u00f6wenherz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[267,271,272],"tags":[],"class_list":["post-11111","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-qwien-books","category-literature-archive","category-qwien","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Queere Lekt\u00fcren - Blog - Qwien - Zentrum f\u00fcr queere Geschichte<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/queere-lekturen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Queere Lekt\u00fcren - 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