{"id":11117,"date":"2025-07-15T21:37:08","date_gmt":"2025-07-15T19:37:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/gewalt-und-handlungsmacht\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:08","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:08","slug":"gewalt-und-handlungsmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/gewalt-und-handlungsmacht\/","title":{"rendered":"Gewalt und Handlungsmacht"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Das <\/strong><\/em><strong>Gender Initiativkolleg (GIK)<\/strong><em><strong> an der Universit\u00e4t Wien hat in einem Sammelband eine Ringvorlesung dokumentiert. <span style=\"color: #800080;\">Phi* Schneewei\u00df<\/span> hat das Buch f\u00fcr QWIEN gelesen.<\/strong><\/em><br \/>\nDer vorliegende Sammelband, verfasst und kollektiv herausgegeben von den Doktorats-Absolvent_innen des Gender Initiativkollegs <em>Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht im Zeitalter der Globalisierung <\/em>der Universit\u00e4t Wien und basierend auf der Ringvorlesung im Sommersemester 2011 zu <em>Gewalt und Handlungsmacht. Feministische Perspektiven<\/em>, gibt Einblicke in Wechselverh\u00e4ltnisse von Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht. Dabei ist es der Anspruch der Autor_innen, in queer-feministischer Perspektive feministische Gewaltdebatten weiter zu entwickeln und sich mit deren Widerspr\u00fcchen sowie mit den Widerspr\u00fcchen gesellschaftlich dominanter Anti-\/Gewaltdiskurse kritisch zu besch\u00e4ftigen. Insofern konsequent und interessant ist der dialogische Aufbau des Buches: Jedem Text antwortet eine Respondenz einer_s weiteren Autors_in. Den thematischen Rahmen des Buches bildet das Forschungs- und Spannungsfeld zwischen Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht, mit dem sich die Autor_innen aus unterschiedlichen inter_trans_disziplin\u00e4ren Perspektiven thematisch vielf\u00e4ltig besch\u00e4ftigen. Ein besonderes Anliegen des Buches scheinen queer_feministische selbstkritische Auseinandersetzungen mit eigenen, strukturellen und individuellen Rassismen darzustellen \u2013 wobei die Autor_innen durchgehend <em>wei\u00df <\/em>und <em>westlich <\/em>positioniert sind. Die Widerspr\u00fcche, die eine solche Situation hervorruft \u2013 zwischen n\u00f6tiger selbstkritischer Praxis und <em>wei\u00dfer <\/em>(wissenschaftlicher) Selbstprofilierung mit den Kritiken Schwarzer und Queer-Feministinnen_ of Color sowie mangelnder praktischer Umverteilung <em>wei\u00dfer <\/em>akademischer Privilegien und Verschleierung eigener Rassismen \u2013\u00a0 fallen auch in diesem Buch auf. W\u00e4hrend jedoch in Titel und Einleitung der Eindruck erweckt wird, die_der Leser_in habe es hier mit einem \u00dcberblickswerk zu tun, werden nur bestimmte Gewaltformen zum Thema. \u201eAndere\u201c wie etwa ableistische Gewalt, die Gewalt gegen Menschen mit Behinderung, oder Gewalt gegen intersexuelle Menschen werden ausgelassen und diese Auslassungen selbst nicht benannt.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #800080;\"><strong>Neue Widerspr\u00fcche?<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>In <em>Weiterentwicklungen und (neue) Widerspr\u00fcche \u2013 eine Einleitung zu queer_feministischen Gewaltdebatten <\/em>definieren Anna Petran und Johanna Louise Thiel einleitend Gewaltbegriffe, von struktureller (\u00f6konomischer \u2013 symbolischer \u2013 und\/oder diskursiver) Gewalt \u00fcber direkte \u2013 k\u00f6rperliche und\/oder psychische \u2013 zu symbolischer, epistemischer und normativer Gewalt. Diese Gewaltformen begreifen sie als miteinander verkn\u00fcpft, sie bedingen einander. Dabei kommt eine wesentliche vergeschlechtlichte Dimension zum Tragen, denn hegemonialer M\u00e4nnlichkeit sei grundlegend Gewalt eingeschrieben.<br \/>\nIn dieser Auflistung verschiedener, miteinander verbundener Gewaltformen f\u00e4llt mir die marginale Thematisierung geschlechtsbasierter direkter Gewalt in nahen und n\u00e4chsten Beziehungen auf. W\u00e4hrend die Autor_innen entsprechend des <em>State of the Art<\/em> aktueller queer-\/feministischer Gewalttheorien ihren Gewaltbegriff in Richtung symbolischer und repr\u00e4sentativer Gewalt erweitern, gehen sie sehr wenig auf direkte, physische und psychische Gewalt, zumal in der Privatsph\u00e4re, ein. Diese Schwerpunktsetzung k\u00f6nnte allerdings eine Tendenz akademischer (auch queer-\/feministischer Anti-Gewalt-) Debatten widerspiegeln, konkrete Gewaltverh\u00e4ltnisse zu entpolitisieren und von ihnen sowie ihrer \u2013 hoch politischen \u2013 realen Bek\u00e4mpfung zu abstrahieren. Hingegen scheint es mir wichtig, verschiedene \u2013 ja immer miteinander verbundene \u2013 Gewaltformen nicht gegeneinander auszuspielen. Die Autor_innen nehmen f\u00fcr die verschiedenen Texte des Buches in Anspruch, unterschiedliche Gewaltbegriffe zu verwenden, allgemeing\u00fcltige Gewaltdefinitionen finden sie schwierig.<br \/>\nIhre Einleitung bietet einen sehr guten Einblick in queer-feministische Gewaltbegriffe sowie einen historischen \u00dcberblick feministischer Gewaltdebatten, wobei in letzterem \u2013 allzu linear erz\u00e4hlt \u2013 die <em>Wechsel<\/em>beziehungen zwischen den diese Antigewaltdiskurse wesentlich bedingenden Faktoren und Zusammenh\u00e4ngen meines Erachtens zu kurz kommen.<br \/>\nEs f\u00e4llt zudem \u2013 zumal bei einem queer-feministischen Anspruch \u2013 auf, dass Petran und Thiel in ihrem Text ausschlie\u00dflich Gewalt im Geschlechterverh\u00e4ltnis gegen Frauen_ thematisieren und vergeschlechtlichte Gewalt gegen genderqueere, trans*, inter Personen und weitere Personen au\u00dferhalb der Zweigeschlechterordnung v\u00f6llig verschweigen. W\u00e4hrend die intersektionale Analyse zwar theoretisches Anliegen ist, wird sie zudem erst in einem n\u00e4chsten Schritt praktiziert, w\u00e4hrend Geschlecht zun\u00e4chst als losgel\u00f6st f\u00fcr sich stehende Kategorie besprochen wird. Auch die Behauptung der Autor_innen, queer_feministische Gewaltdebatten unterschieden sich \u201evon ihren [feministischen, Anm. P.S.] Anf\u00e4ngen durch ein verst\u00e4rktes Bewusstsein f\u00fcr ihre selbstproduzierten Ausschl\u00fcsse\u201c, scheint mir doch fraglich und angesichts insbesondere rassistischer, ableistischer, lookistischer und vieler weiterer Ausschl\u00fcsse in queer-feministischen Szenen und Theorien doch etwas selbstherrlich.<br \/>\nWichtig ist Petran und Thiel ein intersektionales Verst\u00e4ndnis von Gewaltverh\u00e4ltnissen, das auf den Kritiken j\u00fcdischer_Schwarzer_Feministinnen_ of Color an <em>wei\u00dfem<\/em> dominantem Mittelschichtsfeminismus ebenso wie an den breiteren gesellschaftlichen (sozialen, politischen, \u00f6konomischen) Verh\u00e4ltnissen basiert und \u00fcberhaupt von Schwarzen und Feministinnen_ of Color entwickelt wurde: Das Geschlechterverh\u00e4ltnis ist mit \u201eanderen\u201c Machtverh\u00e4ltnissen (gemeint sind etwa Rassismus, Heteronormativit\u00e4t, Ageismus \u2013 die Diskriminierung aufgrund des Alters, Klassismus, Ableismus, Lookismus \u2013 Diskriminierung aufgrund nicht-normkonformen Aussehens) immer verbunden, diese wirken wechselseitig und gleichzeitig mit- und ineinander. Das bedeutet zugleich \u2013 und darin sehen die Autor_innen einen Konsens feministischer Gewaltdebatten: Gewalt im Geschlechterverh\u00e4ltnis anzugreifen, hei\u00dft gegen soziale Machtverh\u00e4ltnisse zu k\u00e4mpfen. Ein weiteres Anliegen ist es ihnen in feministischer Tradition, vergeschlechtlichte dichotome und starre Zuschreibungen an T\u00e4ter_ und Opfer aufzul\u00f6sen und der Komplexit\u00e4t der Geschlechterverh\u00e4ltnisse gerecht zu werden.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #800080;\">Gewalt und Handlungsmacht<\/span><\/h3>\n<p>In einem n\u00e4chsten Schritt wird das Konzept der Handlungsmacht im Kontext struktureller wie direkter Gewalt eingef\u00fchrt. Dieser Zusammenhang zwischen Gewalt und Handlungsmacht bildet f\u00fcr die Autor_innen ein Spannungsverh\u00e4ltnis, das sie in feministischen, queeren, postkolonialen wie intersektionalen Sichtweisen innerhalb der Gewaltdebatte widergespiegelt finden. Es geht hierbei um die schwierige Aufgabe, Gewalt zu thematisieren, ohne die Betroffenen abermals zu viktimisieren, indem ihnen jede Handlungsmacht abgesprochen wird; und zugleich Handlungsmacht zu besprechen, ohne Gewalt zu verharmlosen.<br \/>\nEin spannendes Beispiel intersektionaler Analyse, das Petran und Thiel thematisieren, sind neoliberale staatliche Regulierungen von M\u00e4nnergewalt gegen Frauen_, in denen soziale Ungleichheit in Hinblick auf Klassismus und (insbesondere anti-muslimischen) Rassismus verst\u00e4rkt werde, indem das Problem der Gewalt auf \u201edie Anderen\u201c projiziert wird. In diesen neoliberalen Regulierungsregimes w\u00fcrden feministische Antigewaltdiskurse instrumentalisiert und strukturelle wie epistemische Gewalt ausge\u00fcbt. Hier ist Judith Butlers Analyse der Konstruktion betrauernswerten Lebens einerseits und solchen Lebens, das nicht betrauert wird, nicht sch\u00fctzenswert scheint, nicht als wertvoll gilt, andererseits von Bedeutung. Die Autor_innen fragen weiter, wie diese \u00dcberlegungen sich nun auf die Bedingungen von Handlungsmacht auswirken. Wichtig ist ihnen schlie\u00dflich, mit der Arbeit an Begriffen und Konzepten in bestehende Gewaltpraktiken und -verh\u00e4ltnisse einzugreifen und diese zu bek\u00e4mpfen. So schreiben Petran und Thiel in einem sch\u00f6nen Satz sinngem\u00e4\u00df, theoretische Ans\u00e4tze h\u00e4tten sich an den M\u00f6glichkeiten zu messen, die sie f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderung er\u00f6ffneten. Ihr Schluss daraus, sich als Queer-Feministinnen_ in gesellschaftliche K\u00e4mpfe \u00fcber Deutungshoheit dar\u00fcber, was als Gewalt gelte, einzumischen, argumentiert nach all der intersektionalen Analyse merkw\u00fcrdig abgetrennt. Viel interessanter scheint es mir, \u00fcber Allianzen zwischen marginalisierten emanzipatorischen K\u00e4mpfen zu sprechen.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #800080;\">Innerfeministische Machtverh\u00e4ltnisse<\/span><\/h3>\n<p>Ausgehend von dieser Einleitung widmet sich das Buch vier thematischen Themenbl\u00f6cken im Zusammenhang von Geschlecht \u2013 Gewalt \u2013 Handlungsmacht: So geht es den Autor_innen in <em>Kritische Perspektiven auf innerfeministische Machtverh\u00e4ltnisse <\/em>zun\u00e4chst um eine inner-queer-\/feministische Selbstkritik hinsichtlich eigener Ausschl\u00fcsse und Machtverh\u00e4ltnisse, verbunden mit einer grundlegenden Diskussion um Wert und Preis kategorialer Einordnungen an sich. In <em>Von den K\u00e4mpfen aus: Eine Problematisierung grundlegender Kategorien <\/em>will Isabell Lorey nicht die richtigen, die wichtigen oder die ausgeschlossenen Kategorien diskutieren, sondern verweist darauf, dass Kategorien \u2013 wie vervielf\u00e4ltigt und erweitert sie auch sein m\u00f6gen \u2013 in ihren f\u00fcr die Kategorienbildung n\u00f6tigen Grenzziehungen immer etwas entgehen muss. Folglich kritisiert Lorey auch die Intersektionalit\u00e4tsdebatte dahingehend, durch ein Festhalten an grundlegenden Analysekategorien wie \u201eRasse\u201c, Klasse, Geschlecht \u2013 hier entgeht Lorey etwa Behinderung v\u00f6llig \u2013 Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu re\/produzieren. W\u00e4hrend Intersektionalit\u00e4t historisch als ein Konzept des politischen Kampfes gelten kann, werde sie zunehmend in einem mehrheitlich <em>wei\u00dfen<\/em>, hegemonial werdenden Forschungsfeld vereinnahmt. Dem setzt Lorey eine Form politischer Handlungsmacht entgegen, die auf Verweigerung und Sich-Entziehen beruht und mit den politisch-sozialen Auseinandersetzungen und K\u00e4mpfen verbunden bleibt. Lorey geht es also insbesondere um die Konflikte und politischen K\u00e4mpfe, in denen grundlegende Kategorisierungen daraufhin kritisiert werden, welche Herrschaftsverh\u00e4ltnisse sie re\/produzieren und zum Thema wird, dass sie immer wieder scheitern.<br \/>\nKatharina Maly spricht in <em>Verharren in der Spannung: Intersektionalit\u00e4t und Kategorie <\/em>in einer Respondenz von der Spannung zwischen dem Bezug auf und der Destabilisierung von Kategorien. Diese beiden M\u00f6glichkeiten m\u00fcssten einander jedoch nicht ausschlie\u00dfen, nicht in einem streng antagonistischen Verh\u00e4ltnis zueinander stehen, sie k\u00f6nnten vielmehr in einer spannungsgeladenen Gleichzeitigkeit und in Beziehung zueinander existieren.<br \/>\nIn <em>Queer Trouble: The Evasion of Race in Queer and Feminist Practice<\/em><strong> <\/strong>geht es Jennifer Petzen am Beispiel Berlins dann um konkrete rassistische Ausschl\u00fcsse und die Reproduktion rassistischer Strukturen im Kontext der deutschen Intersektionalit\u00e4tsdebatte, feministischer und <em>Queer Studies<\/em> sowie queer-feministischer politischer Aktivismen.<br \/>\nPetzen stellt fest, dass intersektionale Theorien und Forschung sowie politische Kritik zuerst von Feministinnen_ of Color entwickelt wurden. Dieses Wissen werde nun im Kontext <em>wei\u00dfer <\/em>Dominanz in der <em>Academia<\/em> von <em>wei\u00dfen <\/em>Wissenschaftler_innen<em> <\/em>angeeignet und gedeutet, wobei die Deutungsmacht aufgrund rassistischer Strukturen \u00fcberaus ungleich verteilt sei. Petzen spricht in diesem Zusammenhang von <em>white curatorship<\/em> und rassistischer Wissensproduktion, in der Wissensarchive gebildet w\u00fcrden, in welchen das Wissen von Feministinnen_ of Color und Schwarzen Feministinnen_ oft entpolitisiert werde und zu <em>wei\u00dfen<\/em> Karrieren verhelfe \u2013 von <em>wei\u00dfen<\/em>, die keine Verantwortung f\u00fcr ihre privilegierte Position \u00fcbern\u00e4hmen.<br \/>\nPetzen pl\u00e4diert f\u00fcr eine kritische Praxis von Positionalit\u00e4t: In einem akademischen Kontext, in dem die (pseudo-)selbstkritische Selbstpositionierung als <em>wei\u00dfe<\/em> privilegierter Personen zum guten Ton und Standard geworden sei und trotzdem nach wie vor rassistische Ausschlussdynamiken und -strukturen best\u00fcnden, f\u00fchrt Petzen Sara Ahmeds Konzept der (Nicht-)Performativit\u00e4t antirassistischer Diskurse ein: Nicht oder anti-rassistisches Sprechen habe danach nicht unbedingt eine ebensolche Wirkung. Ein solches Sprechen k\u00f6nne vielmehr auch zur Stabilisierung <em>wei\u00dfer <\/em>Macht verwendet werden. Hingegen fordert Petzen von <em>wei\u00dfen <\/em>Queer-Feministinnen_ eine performative, in den Auswirkungen wirksame Positionalit\u00e4t und B\u00fcndnispolitik, die sich nicht scheut, in rassistische Situationen einzugreifen \u2013 wenn etwa das Wissen von Feministinnen_ of Color durch <em>wei\u00dfe<\/em> Queer-\/Feministinnen_ strukturell wie individuell angeeignet wird.<br \/>\nAnna B\u00f6cker benennt und analysiert in einer Respondenz (<em>Rassismus schreiben und schweigen<\/em>) rassistische Ausschl\u00fcsse und Machtverh\u00e4ltnisse in queer-feministischen Wissenschaften als epistemische Gewalt.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #800080;\">Gewalt und Widerstand<\/span><\/h3>\n<p>Im zweiten Themenblock geht es um die <em>Vermittlungen von Struktur, Diskurs und Handlungsmacht<\/em>.<br \/>\nIn <em>Gewalt und Widerstand: Gesellschaftliche Strukturen, diskursive Normen und k\u00f6rperliches Handeln <\/em>thematisiert Anna Petran den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und k\u00f6rperlichen Praktiken vor dem Hintergrund der Annahme eines \u2013 wenn auch spannungsgeladenen \u2013 gemeinsamen Bestehens der Gewaltbetroffenheit von Frauen_ und ihrer Handlungsmacht. Durchaus \u00fcbereinstimmend mit diesem Anspruch, jedoch im Gegensatz zu Petran, beschreibt Esther Mandl in<strong> <\/strong><em>Anorexie, Gewalt und Handlungsmacht <\/em>Anorexie nicht ausschlie\u00dfend als gewaltvolle selbstverletzende Praxis, sondern sieht sie in einer paradoxen Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Widerstand.<br \/>\nMit den Ambivalenzen von Handlungsmacht in Gewaltverh\u00e4ltnissen besch\u00e4ftigt sich auch Ruth Seifert in <em>Gender und die \u201eLiberal Peace\u201c-Agenda in der Nachkriegs-Rekonstruktion <\/em>in Hinblick auf liberale Postkonflikt-Regime. Seifert geht es um die widerspr\u00fcchlichen Subjektivierungsanforderungen an Frauen_ in Postkonflikt-Situationen: Ob diese im Sinne der liberalen Agenda gelingen und damit verbunden \u2013 umgekehrt gesprochen \u2013 Frauen_ von liberaler Nachkriegs-Rekonstruktion im Sinne einer Erm\u00e4chtigung oder Erweiterung ihrer Handlungsmacht profitieren, h\u00e4ngt wesentlich von deren (verschiedener) sozio-\u00f6konomischer Position ab. Erfreulich vertritt Seifert als ein_e Autor_in von leider sehr wenigen in diesem Band einen Ansatz, in dem Kapitalismus als Macht- und Gewaltverh\u00e4ltnis konsequent in die Analyse und Kritik einbezogen wird.<br \/>\nJohanna Louise Thiel beschreibt in einer Respondenz, <em>Sprechen von Gewalt zwischen Krieg und Frieden?<\/em>, ausgehend von einer grunds\u00e4tzlichen menschlichen Verletzbarkeit Gewalt als Organisationsprinzip von Nationalstaaten und kritisiert das vorherrschende Schweigen \u00fcber sexualisierte Gewalt und Gewalt in Sexualit\u00e4t im Kontext sexistischer Verh\u00e4ltnisse in Nachkriegsgesellschaften.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #800080;\">Subjektivierung<\/span><\/h3>\n<p>Im dritten Themenblock, <em>Subjektivierung zwischen Gewalt und Handlungsmacht<\/em>, reichen die Aufs\u00e4tze von einer sozialpsychologischen Besch\u00e4ftigung mit der Bedeutung m\u00e4nnlicher sexualisierter Gewalt in Kriegen f\u00fcr m\u00e4nnliche Subjektkonstitution (Rolf Pohl: <em>Die Zerst\u00f6rung der Frau als Subjekt: Macht und Sexualit\u00e4t als Antriebskr\u00e4fte m\u00e4nnlicher Vergewaltigungsstrategien im Krieg<\/em>, mit einer Kritik von Barbara Kraml: <em>Das feminisierte Opfer: Anmerkungen zu vergeschlechtlichten hierarchischen Monopolisierungen<\/em>) \u00fcber medienwissenschaftliche Beitr\u00e4ge (Brigitte Hipfl: <em>Medien \u2013 Gewalt \u2013 Handlungsmacht <\/em>und Aleksandra Vedernjak-Barsegiani: <em>Medien und Geschlecht \u2013 ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr interdisziplin\u00e4res Weiterdenken<\/em>) zu Eliza Steinbocks <em>The Violence of the Cut: Transsexual Homeopathy and Cinematic Aesthetics<\/em>, in dem es am Beispiel geschlechtsangleichender Operationen um transsexuelle Subjektwerdung im Spannungfeld von Medikalisierung und Erm\u00e4chtigung geht. Steinbock kritisiert die auch in feministischen Debatten verbreitete Deutung von Transsexualit\u00e4t als einer von Gewalt und Unterwerfung (unter Geschlechternormen) gepr\u00e4gten Subjektform und beschreibt, wie gewaltf\u00f6rmige Praktiken (<em>Cuts<\/em>) im Kontext von Transsexualit\u00e4t zu einer Quelle von Handlungsmacht gemacht werden k\u00f6nnen. In <em>Spectacle and Disembodiment <\/em>besch\u00e4ftigt sich Nora Koller im Anschluss an Steinbock mit dem spannenden Konzept des <em>Disembodiment <\/em>(Entk\u00f6rperung) und beschreibt, wie die Herstellung eines biologischen Geschlechts zwangsl\u00e4ufig und bei cissexuellen ebenso wie bei transsexuellen Subjekten durch eine Spaltung von eigenem Selbst und K\u00f6rper begleitet wird.<br \/>\nIm vierten Themenblock zu <em>Gewalt von Diskursen \u00fcber Migration und Grenzen <\/em>analysiert Mona Singer zun\u00e4chst eine aktuellen Debatten um Migration (von politisch rechts \u00fcber liberal bis links) meist inh\u00e4rente Verlust- und Mangelperspektive auf Migration (<em>Retro-Figuren des kulturell Anderen: Wider die kulturalistische Viktimisierung von Migrant_innen<\/em>). Eine solche Perspektive kennzeichnet Singer als epistemisch gewaltvoll und Migrant_innen viktimisierend. Hingegen schl\u00e4gt Singer ein Verst\u00e4ndnis von Migration als Erm\u00f6glichung von Kritik und Erkenntnis vor. Darauf antwortend beschreibt Josef Barla in <em>Flucht und Migration als Kritik? <\/em>kritisch Tendenzen zur Romantisierung und gleichzeitig Viktimisierung innerhalb der (Kritischen) Migrationsforschung. Barla will Gewalt und Handlungsmacht weder negieren noch \u00fcberbetonen und setzt sich dahingehend abw\u00e4gend in (pro)feministisch-antirassistischer Absicht kritisch mit poststrukturalistischer Migrationsforschung und antikapitalistisch-marxistischen Ans\u00e4tzen im Zusammenhang der (Kritischen) Migrationsforschung auseinander. In <em>Sex on the Move: Gender, Subjektivit\u00e4t und differenzielle Inklusion<\/em> kritisiert Rutvica Andrija\u0161evi\u0107 die gesellschaftlich vorherrschende Vorstellung statischer Grenzen sowie einer starren Dualit\u00e4t von Inklusion und Exklusion und pocht auf die Ber\u00fccksichtigung der Handlungsf\u00e4higkeit von Migrant_innen, mit der differenzielle Inklusion und die Vervielf\u00e4ltigung von Subjektivit\u00e4ten verstehbar werden k\u00f6nnten. Daran anschlie\u00dfend besch\u00e4ftigt sich Susanne Kimm am Beispiel von \u201eMenschenhandel\u201c mit einer schwierigen Gleichzeitigkeit von Gewalt und Handlungsmacht im Zusammenhang des Spannungsverh\u00e4ltnisses von Zwang und Freiwilligkeit (<em>Grenzen, Gewalt und Handlungsf\u00e4higkeit<\/em>).<br \/>\nSchlie\u00dflich wendet sich der letzte Themenblock den <em>Problematiken rechtlicher Regulierungen von Gewalt <\/em>zu. In <em>Emanzipatorisches Recht \u2013 ein Widerspruch in sich? <\/em>widmet sich<em> <\/em>Elisabeth Holzleithner dem Dilemma f\u00fcr emanzipatorisches Recht, Menschen diskriminierende Kategorien aufnehmen zu m\u00fcssen, um sie zu ver\u00e4ndern, damit aber zugleich diese Kategorien zu verfestigen. F\u00fcr Holzleithner ist die Macht des Rechts nicht kontrollierbar, auf seinen emanzipatorischen Gehalt k\u00f6nne dennoch nicht verzichtet werden. Auch Petra Su\u00dfner besch\u00e4ftigt sich in <em>Sisyphos at Work? Zum Dilemma des Rechtsdiskurses <\/em>mit dieser Thematik.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover_Campus1-197x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3003\" title=\"gender 1.indd\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover_Campus1-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover_Campus1-197x300.jpg 197w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover_Campus1-768x1169.jpg 768w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover_Campus1-673x1024.jpg 673w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover_Campus1.jpg 1180w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>In <em>Das \u00f6sterreichische Gewaltschutzgesetz und Auswirkungen auf Migrantinnen als Opfer h\u00e4uslicher Gewalt <\/em>kritisiert Tamar \u00c7itak aus der Perspektive der praktischen Anti-Gewalt-Arbeit anhand konkreter Beispiele die problematischen Auswirkungen staatlicher Gewaltschutzma\u00dfnahmen f\u00fcr gewaltbetroffene Migrantinnen_ in \u00d6sterreich. Und schlie\u00dflich besch\u00e4ftigt sich Kerstin Tiefenbacher in <em>Auswege aus der Debatte um die Kulturalisierung von Gewalt<\/em> mit dieser Debatte und kritisiert einen <em>westlich<\/em>-feministischen paternalistischen \u00dcberlegenheits- und Fortschrittsdiskurs, der Gewalt zu den rassistisch <em>geotherten <\/em>\u201eAnderen\u201c verschiebt.<br \/>\nInsgesamt ist <em>Gewalt und Handlungsmacht<\/em> ein spannendes, thematisch breites Buch im Forschungsfeld aus Geschlecht, Gewalt und Handlungsmacht, welches sich an Lesende wendet, die sich mit diesem Thema bereits theoretisch besch\u00e4ftigt haben. Zugleich ist es ein guter Einblick und \u00dcberblick \u00fcber queer-feministische Gewaltanalysen, der aber im Rahmen akademischer Normen bleibt und Vision\u00e4res gerade in Hinblick auf die Ver\u00e4nderung der beschriebenen und kritisierten Gewaltverh\u00e4ltnisse \u00fcber weite Strecken vermissen l\u00e4sst.<br \/>\n<strong>Gewalt und Handlungsmacht. Queer_Feministische Perspektiven. Frankfurt: Campus 2012, <\/strong>erh\u00e4ltlich bei <a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=9502\">L\u00f6wenherz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[267,271,272],"tags":[],"class_list":["post-11117","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-qwien-books","category-literature-archive","category-qwien","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gewalt und Handlungsmacht - Blog - Qwien - Zentrum f\u00fcr queere Geschichte<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/gewalt-und-handlungsmacht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gewalt und Handlungsmacht - 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