{"id":11135,"date":"2025-07-15T21:37:07","date_gmt":"2025-07-15T19:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/prinz-max-von-baden\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:07","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:07","slug":"prinz-max-von-baden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/prinz-max-von-baden\/","title":{"rendered":"Prinz Max von Baden"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Der letzte Kanzler der deutschen Kaiserreichs war nur wenige Wochen im Amt, so ist sein Name heute auch nur in Fachkreisen gel\u00e4ufig. Dem k\u00f6nnte die lesenswerte Biografie Lothar Machtans \u00fcber Max von Baden entgegenwirken, meint QWIEN-Mitarbeiterin <span style=\"color: #993366;\">Manuela Bauer<\/span>.<\/strong><\/em><br \/>\nDie ersten Novembertage des Jahres 1918 bedeuteten eine einschneidende Z\u00e4sur in der deutschen Geschichte. Das 1871 gegr\u00fcndete Deutsche Kaiserreich zerfiel, Wilhelm II. wurde von der parlamentarischen Reichsregierung unter Reichskanzler Max von Baden abgesetzt, die alten monarchischen Eliten hatten ausgedient. Doch wer war der letzte Reichskanzler, der in dieser historisch bedeutenden und von politischer Umgestaltung gepr\u00e4gten Zeit den Untergang der Monarchie mitbesiegelte? Der Bremer Historiker Lothar Machtan hat sich der bislang wenig beachteten historischen Figur des Prinzen Max von Baden in seiner 2013 erschienenen Biografie angenommen und schlie\u00dft damit erstmals eine historische L\u00fccke der j\u00fcngeren, deutschen Geschichte.<br \/>\n<\/a>In vier chronologischen Abschnitten beschreibt Machtan das Leben des Prinzen von dessen Geburt 1867 bis zu seinem Tod im Jahr 1929. Zu Beginn schildert er die schwierige Kindheit und Jugend des Protagonisten, der sehr unter der Lieblosigkeit seines Vaters litt und sich w\u00e4hrend seiner Studentenzeit erstmals seiner Homosexualit\u00e4t richtig bewusst wurde. Diese aufkeimenden Gef\u00fchle manifestierten sich in der von Machtan als erste Liebe bezeichneten Beziehung zu seinem Vetter Ludwig, den Max in seinen Briefen liebevoll \u201eSch\u00e4tzerl\u201c und \u201eDarling\u201c nannte. Die Zw\u00e4nge und Moralvorstellungen der damaligen Zeit, aber auch die Gesetzeslage, die Homosexualit\u00e4t als Verbrechen unter Strafe stellte, f\u00fchrten jedoch dazu, dass Max von Baden Zeit seines Lebens seine sexuelle Neigung verbergen musste. Wie sehr er versuchte, diese zu bek\u00e4mpfen, zeigt auch die Tatsache, dass er sich im Jahr 1899 in die Behandlung des als Spezialisten f\u00fcr Sexualneurosen bekannten Dr. Richard von Krafft-Ebing begab, welche naturgem\u00e4\u00df ohne Erfolg blieb. Die schlie\u00dflich im Jahr 1900 geschlossene Ehe mit Marie Louise von Cumberland, aus der nach zwei mehrmonatigen Kuren bei Axel Munthe, dem Leibarzt und Vertrauten des Prinzen, zwei Kinder hervorgingen, blieb Zeit ihres Bestehens zwar keine Ehe im herk\u00f6mmlichen Sinn, aber die beiden blieben einander in freundschaftlicher Vertrautheit und Innigkeit bis zu Max\u2018 Tod verbunden. Lothar Machtan misst der Homosexualit\u00e4t des Prinzen in weiterer Folge nur noch vereinzelt Bedeutung zu, erw\u00e4hnt allerdings noch zwei weitere Beziehungen, die er in den Jahren 1909 bis 1914 unterhielt. Das Verh\u00e4ltnis zu Wilhelm Paulcke schildert der Biograf als eine Liebe, die weit \u00fcber schw\u00e4rmerische Verliebtheit hinausging und tats\u00e4chlich d\u00fcrfte Max hier das erste und einzige Mal seine Homosexualit\u00e4t selbstsicher gelebt haben. 1922 wurde er schlie\u00dflich von Hans von Tresckow, einem ehemaligen Kriminalkommissar, der die sogenannte \u201eHomosexuellen-Kartei\u201c bei der Berliner Polizei eingef\u00fchrt hatte, als homosexuell geoutet.<br \/>\n<span style=\"color: #993366;\"><strong>Liebhaber und Vertraute<\/strong><\/span><br \/>\nMachtan gew\u00e4hrt auch Einblick in das Leben jener Menschen, die wichtige Rollen als Vertraute und \u00a0Seelenf\u00fchrer in Max&#8217; Leben einnahmen. Er erw\u00e4hnt hier unter anderem Cosima Wagner, die Witwe Richard Wagners, die eine Art m\u00fctterliche Freundin darstellte. Ebenso bedeutend waren Axel Munthe, Johannes M\u00fcller und Kurt Hahn. Letzterer \u00fcbte vor allem starken politischen Einfluss auf den grunds\u00e4tzlich unpolitisch eingestellten Prinzen aus. Hahn war es auch, der die Kanzlerkandidatur beinahe exzessiv vorantrieb und das Programm des \u201eethischen Imperialismus\u201c entwickelte. An dieser Stelle darf auch der politische beziehungsweise ideologische Einfluss von Houston Stewart Chamberlain, dem Schwiegersohn Cosima Wagners, auf Max von Baden nicht au\u00dfer Acht gelassen werden. Dieser brachte ihm sowohl den \u201eF\u00fchrergedanken\u201c als auch die Idee eines \u201eWeltdeutschtums\u201c n\u00e4her. Max, der parlamentarische Strukturen und politische Parteien stets verabscheute, zeigte sich diesem tr\u00fcgerischen Gedankengut, ebenso wie dem Antisemitismus gegen\u00fcber, sehr empf\u00e4nglich.<br \/>\nDer Hauptfokus der Biografie liegt jedoch zweifelsfrei bei der Regierungszeit des Prinzen als letztem Reichskanzler des monarchistischen Deutschlands. Der umfangreichen Vorbereitungszeit zur Kanzlerschaft widmet Lothar Machtan erhebliche Aufmerksamkeit und schildert bis ins kleinste Detail die Abl\u00e4ufe, die das Projekt \u201eReichskanzler Prinz Max\u201c schlie\u00dflich doch noch erm\u00f6glichten. Denn bis zur tats\u00e4chlichen Angelobung am 3. Oktober 1918 gab es enorme Widerst\u00e4nde, sowohl von Seiten Wilhelms II., als auch von Seiten der dritten Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, zu \u00fcberwinden. Die OHL war zu diesem Zeitpunkt des Krieges zumindest inoffiziell bereits weitaus m\u00e4chtiger als der Kaiser selbst, weshalb die Zustimmung der beiden Heeresf\u00fchrer unerl\u00e4sslich war. Erst durch das Eingestehen der milit\u00e4rischen Niederlage durch die OHL Ende September 1918 war der Weg f\u00fcr Max von Baden schlie\u00dflich frei. Doch seine Kanzlerschaft wurde an rigide Bedingungen gekn\u00fcpft, die nicht verhandelbar waren. Der Preis, den er schlussendlich daf\u00fcr\u00a0 zahlte, war hoch und er machte sich durch das Akzeptieren dieser Bedingungen zur Marionette des Kaisers und der OHL. Machtan zeigt hier eindrucksvoll auf, dass Max von Baden zu keiner Zeit auch nur die geringste Chance hatte, in seinem Sinn politisch zu agieren, weshalb die nur f\u00fcnfw\u00f6chige Reichskanzlerschaft auch von z\u00f6gerlicher Politik seitens des Regierungschefs gepr\u00e4gt war. Durch seine unbedingte Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber Wilhelm II., der Tatsache, dass er das Volk im Unklaren \u00fcber die wahre, milit\u00e4rische Lage lie\u00df und nicht zuletzt aufgrund des Umstandes, dass er sich kaum gegen die \u00fcberm\u00e4chtige OHL durchsetzen konnte, gab es nur wenig Spielraum f\u00fcr eine ernstgemeinte demokratische Regierungsf\u00fchrung. Nachdem schlie\u00dflich auch sein in den ersten Novembertagen 1918 geschmiedeter Plan, die Dynastie der Hohenzollern nach der Abdankung des Kaisers durch eine vor\u00fcbergehende Reichsverweserschaft zu retten, gescheitert war und die Revolution am 9.November 1918 in Deutschland siegreich geendet hatte, verlie\u00df Max noch am selben Tag beinahe fluchtartig Berlin.<br \/>\n<span style=\"color: #993366;\"><strong>Gescheitert und geschm\u00e4ht<\/strong><\/span><br \/>\nIn den folgenden Jahren sah er sich einer massiven Hetzkampagne, vor allem aus dem rechten politischen Lager, ausgesetzt. Aber auch der im holl\u00e4ndischen Exil lebende rachs\u00fcchtige Ex-Kaiser Wilhelm II. und dessen nicht minder rachs\u00fcchtige Frau Auguste Viktoria lie\u00dfen keine Gelegenheit aus, um Max von Baden, den \u201ehundsf\u00f6ttischen Kanzler\u201c, blo\u00dfzustellen und zu beleidigen. 1927, ein Jahr nach seinem ersten Schlaganfall, der ihn gesundheitlich stark schw\u00e4chte, versuchte er mit seiner von Kurt Hahn und Lina Richter jahrelang erarbeiteten Biografie <em>Erinnerungen und Dokumente <\/em>die Geschehnisse aus seiner Sicht zu schildern, verabs\u00e4umte es jedoch, sein Handeln selbstkritisch zu betrachten und beschr\u00e4nkte sich auf rechtfertigende Worte. Im Jahr 1929 starb Max von Baden im Alter von 62 Jahren.<br \/>\nLothar Machtan hat mit dieser Biografie zweifelsfrei eine historische L\u00fccke der deutschen Geschichte geschlossen. Durch seine mehrj\u00e4hrigen, umfangreichen Forschungen in Archiven in Deutschland und \u00d6sterreich konnten reiche Best\u00e4nde an bisher unerschlossenen Quellen, vor allem Briefkorrespondenzen, zu Tage gebracht werden, die sehr pers\u00f6nliche Einblicke in das Leben der Hauptfigur erm\u00f6glichen. Einzig die Einsicht in den Nachlass von Prinz Max auf Schloss Salem wurde dem Biografen nicht gew\u00e4hrt.<br \/>\nDie Biografie ist hervorragend formuliert und liest sich fl\u00fcssig. Einzig der Abschnitt \u00fcber die Vorbereitungen zur Kanzlerschaft ist ein wenig zu ausf\u00fchrlich geraten. Daf\u00fcr liest sich die Darstellung der Ereignisse der ersten Novembertage 1918 beinahe so spannend wie ein Krimi. Mein Fazit lautet daher: Lothar Machtan hat ein sehr ausf\u00fchrliches, exzellent recherchiertes und spannendes Buch auf den Markt gebracht, dass vor allem historisch Interessierte ansprechen wird. Und auch die Frage \u201eWer ist Max von Baden?\u201c wird dadurch ein f\u00fcr alle Mal beantwortet.<br \/>\n<strong>Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Berlin: Suhrkamp 2013<\/strong>, erh\u00e4ltlich bei <a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=10167\">L\u00f6wenherz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[267,271],"tags":[],"class_list":["post-11135","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-qwien-books","category-literature-archive","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Prinz Max von Baden - Blog - Qwien - Zentrum f\u00fcr queere Geschichte<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/prinz-max-von-baden\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Prinz Max von Baden - 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