{"id":11183,"date":"2025-07-15T21:37:05","date_gmt":"2025-07-15T19:37:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/korperschau-1\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:05","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:05","slug":"korperschau-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien\/korperschau-1\/","title":{"rendered":"K\u00f6rperschau 1"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Wien sind aktuell drei Ausstellungen zu sehen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem (m\u00e4nnlichen) K\u00f6rper auseinandersetzen. Ideal f\u00fcr einen Rundgang durch die Museen.<\/strong>\u00a0<strong>Zuerst geht es zur Gro\u00dfausstellung\u00a0Nackte M\u00e4nner\u00a0ins Leopold Museum, danach in K\u00f6rperschau 2 zu\u00a0Leigh Bowerys XTRAVAGANZA\u00a0in die Kunsthalle Wien und dann zu einem stillen Kommentar zu beiden Schauen in die Albertina zu\u00a0K\u00f6rper als Protest\u00a0in K\u00f6rperschau 3<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_2272\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Pierre-et-Gilles-260x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2272\" class=\"size-medium wp-image-2272\" title=\"Pierre et Gilles\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Pierre-et-Gilles-260x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Pierre-et-Gilles-260x300.jpg 260w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Pierre-et-Gilles-768x886.jpg 768w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Pierre-et-Gilles-888x1024.jpg 888w\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2272\" class=\"wp-caption-text\">\u00a0Am Abend der Er\u00f6ffnung vor dem MUQUA. Vandale oder Sammler? (c) QWIEN<\/p><\/div>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte und gewichtigste Schau ist dabei\u00a0<em>Nackte M\u00e4nner<\/em>\u00a0im Leopold Museum, die durch einen smarten Marketinggag schon vor Er\u00f6ffnung Stadtgespr\u00e4ch war. Die erotisch aufgeladenen Model-Fussballer von Pierre &amp; Gilles erregten das erw\u00fcnschte Aufsehen und werden nun mit einem roten Balken versehen. Das Leopold Museum ist ja doch eine gesittete international renommierte Institution, weshalb sie auch bei den Nackten M\u00e4nnern mit einer Vielzahl (inter)nationaler und privater Leihgeber aufwarten kann. Wenn schon Nackte M\u00e4nner, dann klotzen und nicht kleckern. Im Grunde hat der Museologische Leiter des Hauses und Kurator der Ausstellung Tobias G. Natter recht, wenn er auf den Aufruhr hinterfragt, denn eine seit Monate plakatierte nackte Frau von Gustav Klimt auf einem Plakat des KHM erregte kein Aufsehen. Warum erregt gerade nackte M\u00e4nnlichkeit? Die \u00dcberklebung der anst\u00f6\u00dfigen Plakate mit auff\u00e4lligen roten Balken soll diese Frage nun auch im Stadtraum sichtbar machen. Selbst wenn b\u00f6se Zungen zischeln, dass die roten Balken schon mit den Plakaten gedruckt wurden, ist doch eine mediale \u00d6ffentlichkeit aufgesprungen, die Erregung hat funktioniert. Bleibt aber die Frage offen, warum sich gerade diese nackten M\u00e4nner daf\u00fcr besonders gut eigneten.\u00a0<strong>Ilse Haiders<\/strong>\u00a0<em>Mr. Big<\/em>, der etwas gelangweilt schauende Nackedei vor dem Haus ist ja im Nu zu einem Turnobjekt f\u00fcr Kinder geworden, gro\u00dfer Pimmel inklusive. Keine Erregung. Die drei Models von Pierre &amp; Gilles, die durch ihre unterschiedliche Hautfarbe auch auf den Rassismus im Fussball anspielen, aber doch. Liegt es daran, dass diese M\u00e4nner erotische Objekte sind? Daran dass sie auch homosexuelles Begehren transportieren?<\/p>\n<div id=\"attachment_2273\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Mr-Big-300x224.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2273\" class=\"size-medium wp-image-2273\" title=\"Mr Big\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Mr-Big-300x224.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Mr-Big-300x224.jpg 300w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Mr-Big-768x574.jpg 768w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Mr-Big-1024x765.jpg 1024w\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2273\" class=\"wp-caption-text\">\u00a0<em>Mr. Big<\/em>\u00a0von\u00a0<strong>Ilse Haider<\/strong>\u00a0im Hof des MUQUA (c) QWIEN<\/p><\/div>\n<p><strong>Neue M\u00e4nnerbilder<\/strong>\u00a0Nach einem Rundgang durch die Ausstellung sollte man der Antwort n\u00e4her sein. Das Kuratorenteam Tobias G. Natter und Elisabeth Leopold legten vom ausgehenden 18. Jahrhundert eine Zeitachse bis zur Gegenwartskunst. Mit der Aufkl\u00e4rung und dem Ende des Feudalismus kommt es zu\u00a0<em>\u201eeiner \u00e4sthetisch-gesellschaftlichen Neuverhandlung von M\u00e4nnlichkeitskonzepten\u201c<\/em>, die auch das Bild des nackten Mannes entscheidend pr\u00e4gen. Der erotischer nackte Mann bleibt unsichtbar und ausschlie\u00dflich in die Pornografie verbannt, ma\u00dfgeblich ist der heroische, kr\u00e4ftige, staatstragende Mann. Der kann auch gerne nackt sein, wie man etwa gut am und im Parlament sieht. Kaum ein Geb\u00e4ude ist mit soviel kraftstrotzender nackter M\u00e4nnlichkeit verziert. Aber kein Funken Sex. Die Ausstellung er\u00f6ffnet mit einem Prolog, der nackte M\u00e4nnlichkeit vom Alten \u00c4gypten bis heute in f\u00fcnf prototypischen Statuen Revue passieren l\u00e4sst. Alle vom\u00a0<em>\u201e\u00e4ltesten nackten Wiener\u201c<\/em>, der Statue eines \u00e4gyptischen Hofbeamten, zum J\u00fcngling vom Magdalensberg, die Statuen von\u00a0<strong>Auguste Rodin\u00a0<\/strong>und<strong>\u00a0Fritz Wotruba<\/strong>\u00a0sind nackt, nur\u00a0<strong>Heimo Zoberniks<\/strong>\u00a0idealisiertes Selbstbildnis als Kleiderpuppe tr\u00e4gt ein T-Shirt mit der Aufschrift SALE und ist seltsam geschlechtslos. Vor allem die Bronze des nackten J\u00fcnglings aus der Renaissance, die aber ein Abguss eines r\u00f6mischen Vorbilds ist, f\u00fchrt uns zum gedanklichen Ausgangspunkt der Ausstellung. Wie die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat in einem Aufsatz \u00fcber die Bedeutung m\u00e4nnlicher Nacktheit seit der Renaissance darlegt, ist die nackte Frau als passives, sich dem Mann hingebendes Sexualobjekt in den privaten Raum verbannt. Der nackte Mann hingegen tritt als entsexualisiertes Subjekt auf, verk\u00f6rpert das\u00a0<em>\u201eallgemein Menschliche\u201c<\/em>\u00a0und kann deshalb auch problemlos in der \u00d6ffentlichkeit gezeigt werden. Der J\u00fcngling vom Magdalensberg verk\u00f6rpert dieses auch f\u00fcr den Klassizismus pr\u00e4gende Ideal nackter M\u00e4nnlichkeit fast prototypisch.\u00a0<em>\u201eEdle Einfalt und stille Gr\u00f6\u00dfe\u201c<\/em>\u00a0das Schlagwort f\u00fcr die ideale m\u00e4nnliche Sch\u00f6nheit. Obwohl es nicht belegbar ist, ob der homosexuelle Johann Joachim Winckelmann mit diesem Diktum, seinem\u00a0<em>\u201eheimlichen Begehren\u201c<\/em>, das er beim Betrachten sch\u00f6ner antiker M\u00e4nnlichkeit hatte, das M\u00e4ntelchen gutb\u00fcrgerlicher Sittlichkeit umh\u00e4ngen wollte, geklappt hat es \u2013 der begehrliche Mann, der homoerotische Blick auf diesen wird ein heimlicher bleiben.<\/p>\n<div id=\"attachment_2275\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Elmgreen-Dragset-Shepherd-Boy-Tank-Top-224x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2275\" class=\"size-medium wp-image-2275\" title=\"Elmgreen-&amp;-Dragset,-Shepherd-Boy-(Tank-Top)\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Elmgreen-Dragset-Shepherd-Boy-Tank-Top-224x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Elmgreen-Dragset-Shepherd-Boy-Tank-Top-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Elmgreen-Dragset-Shepherd-Boy-Tank-Top-768x1028.jpg 768w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Elmgreen-Dragset-Shepherd-Boy-Tank-Top-765x1024.jpg 765w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Elmgreen-Dragset-Shepherd-Boy-Tank-Top.jpg 1000w\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2275\" class=\"wp-caption-text\">\u00a0Shepherd Boy (Tank Top) von Elmgreen &amp; Dragset (c) Leopold Museum<\/p><\/div>\n<p><em>Theseus besiegt den Minotaurus<\/em>\u00a0von\u00a0<strong>Antonio Canova<\/strong>, dem hochgefeierten Stars klassizistischer Bildhauerkunst, ist fast aseptisch glatt, kein Funken Lebendigkeit oder menschlicher Nat\u00fcrlichkeit entstr\u00f6mt dieser Interpretation des antiken Sch\u00f6nheitsideals. Dieser glatten, dr\u00f6gen M\u00e4nnlichkeit kann man aber mit Ironie begegnen, wie das schwule d\u00e4nisch-norwegische K\u00fcnstlerduo\u00a0<strong>Elmgreen &amp; Dragset<\/strong>, die diesen Statuen Unterw\u00e4sche anziehen, um ihnen einen Hauch von Erotik zu verleihen. Aber im R\u00fcckgriff auf die Antike kann auch Dionysos siegen, wenn\u00a0<strong>Wilhelm von Gloeden<\/strong>\u00a0und\u00a0<strong>Wilhelm Pl\u00fcschow<\/strong>\u00a0mit gutgebauten jungen Italienern in homoerotischen Bilderwelten schwelgen.\u00a0<strong>Gefragte Helden?<\/strong>\u00a0Helden sind gefragt, Pathos trieft aus den Bildern, das das Kurator_innen-Duo mit den Fussballern von\u00a0<strong>Pierre &amp; Gilles<\/strong>\u00a0ironisiert, dabei war das Heldentum schon zur Entstehungszeit der meist auf antike Mythen zur\u00fcckgreifenden Historiengem\u00e4lde br\u00fcchig, wie die als dunkler, bedrohlicher Kommentar wirkenden SM-Phantasien von\u00a0<strong>Johann Heinrich F\u00fcssli<\/strong>\u00a0zeigen. Er weist mit seinen die dunklen Seiten der Seele auslotenden Werken schon in die Moderne, die mit den gro\u00dfen Drei der Ausstellung im n\u00e4chsten Raum als zweiter Abschnitt des chronologischen Abrisses beginnt:\u00a0<strong>Egon Schiele, Richard Gerstl\u00a0<\/strong>und<strong>\u00a0Anton Kolig<\/strong>. Das Individuum und seine seelischen N\u00f6te r\u00fccken in den Mittelpunkt der Darstellung von Nacktheit. Schiele blickt nicht auf den nackten Mann, er blickt auf das nackte Ich. Das ist neu. Nie zuvor wurde die m\u00e4nnliche Sexualit\u00e4t so radikal thematisiert. Hier trifft er sich mit Richard Gerstl, dessen schmales Werk stark autobiografischen Charakter hat. Warum Anton Kolig in diesen Zusammenhang gestellt wurde, ist aber fraglich, denn bei Kolig geht es nicht um die Befragung des eigenen Ichs, sondern um die eines begehrten Gegen\u00fcbers. Koligs Blick modelliert den begehrten K\u00f6rper auf Papier, jeder Strich ist hoch erotisiert, ein Verlangen versprechend. Sein Ich zeigt sich, wenn \u00fcberhaupt, indirekt, im Blick, der sein homoerotisches Begehren offen legt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2276\" style=\"width: 191px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/neu.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Anton-Kolig-Sitzender-J%C3%BCngling.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2276\" class=\"size-medium wp-image-2276\" title=\"Anton-Kolig,-Sitzender-J\u00fcngling\" src=\"http:\/\/neu.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Anton-Kolig-Sitzender-J%C3%BCngling-181x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Anton-Kolig-Sitzender-J\u00fcngling-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Anton-Kolig-Sitzender-J\u00fcngling-768x1272.jpg 768w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Anton-Kolig-Sitzender-J\u00fcngling-618x1024.jpg 618w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Anton-Kolig-Sitzender-J\u00fcngling.jpg 906w\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2276\" class=\"wp-caption-text\">\u00a0Sitzender J\u00fcngling von Anton Kolig (c) Leopold Museum<\/p><\/div>\n<p>Mit einem R\u00fcckgriff in die fr\u00fche Neuzeit begeben wir uns ins\u00a0<em>M\u00e4nnerbad<\/em>.\u00a0<strong>Albrecht D\u00fcrers<\/strong>\u00a0ber\u00fchmter Stich, der durchaus laszive Z\u00fcge tr\u00e4gt (die am Wasserhahn lehnende M\u00e4nnerfigur rechts, die sehns\u00fcchtig schmachtend ihr Hinterteil dem Fl\u00f6tenspieler entgegenreckt!), steht am Anfang. Wichtige Werke dieses Raums entspringen lebensreformatorischen Str\u00f6mungen der Zeit, erstaunlich ist mit welcher Dichte pl\u00f6tzlich der nackte Knabe als Sujet entdeckt wird, zumal laut Katalog\u00a0<em>\u201eder Nacktheit vorpubert\u00e4rer Kinder in der \u00d6ffentlichkeit [\u2026] weit weniger Bedeutung geschenkt wurde\u201c<\/em>. Die Erotisierung des erwachenden K\u00f6rpers wurde damals offenbar nicht als bedrohlich empfunden. Im Gegensatz zu heute. Ein interessantes Beispiel f\u00fcr fr\u00fches homosexuelles Selbstbewusstsein ist der schwedische Maler\u00a0<strong>Eug\u00e8ne Jansson<\/strong>, der den m\u00e4nnlichen K\u00f6rper kultiviert und bei regelm\u00e4\u00dfigen Besuchen in den Badeanstalten der k\u00f6niglichen Marineverwaltung seine sportlich trainierten Modelle fand.\u00a0<strong>Schwule M\u00e4nnertr\u00e4ume<\/strong>\u00a0Mit Schiele ist das m\u00e4nnliche Ich Thema der Kunst geworden, die Frauenbewegung, die Industrialisierung und die Entfremdung des Individuums f\u00fchren zu einer grunds\u00e4tzlichen Verunsicherung. Die Kapitel\u00a0<em>\u201eTrauer\u201c\u00a0<\/em>und<em>\u201eGeschlechterkampf und Verweigerung\u201c<\/em>\u00a0f\u00fchren zu neuen M\u00e4nnerbildern. Die Gegens\u00e4tze k\u00f6nnten nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Auf der einen Seite ein in seiner Reduktion beeindruckendes Bild von\u00a0<strong>Albin Egger-Lienz<\/strong>, die\u00a0<em>Piet\u00e0<\/em>\u00a0von 1926, die auf Mantegnas\u00a0<em>Beweinung Christi<\/em>Bezug nimmt und den Leichnam von Christus in stark verk\u00fcrzter Perspektive zeigt. (Es h\u00e4tte zu diesem Bild sogar einen schwulen Bezug gegeben. Pier Paolo Pasolini verwendet dieser Perspektive in der Schlusseinstellung seines ersten Films\u00a0<em>Accatone<\/em>.) In unmittelbarer N\u00e4he ein Bild von\u00a0<strong>Francis Bacon<\/strong>,\u00a0<em>Man at a Waterbasin<\/em>, und daneben eine schwule Sebastian-Fantasie des franz\u00f6sischen Malers\u00a0<strong>Alfred Courmes<\/strong>, der den Heiligen als Matrosen verkleidet, mit fleischigem Schwanz fast verz\u00fcckt an einem Stamm lehnen l\u00e4sst, die Pfeile ignorierend, genie\u00dfend?<\/p>\n<div id=\"attachment_2277\" style=\"width: 113px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Alfred-Courmes-Heiliger-Sebastian-103x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2277\" class=\"size-medium wp-image-2277\" title=\"Alfred-Courmes,-Heiliger-Sebastian\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Alfred-Courmes-Heiliger-Sebastian-103x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 103px) 100vw, 103px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Alfred-Courmes-Heiliger-Sebastian-103x300.jpg 103w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Alfred-Courmes-Heiliger-Sebastian.jpg 344w\" alt=\"\" width=\"103\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2277\" class=\"wp-caption-text\">\u00a0Heiliger Sebastian von Alfred Courmes (c) Leopold Museum<\/p><\/div>\n<p>An der Wand gegen\u00fcber die homoerotischen Fantasien des deutschen Malers\u00a0<strong>Sascha Schneider,\u00a0<\/strong>der offen zugab:\u00a0<em>\u201eMich interessiert ausschlie\u00dflich der m\u00e4nnliche K\u00f6rper, d.h. die Kraft [\u2026]. Die Kraft ist f\u00fcr mich Sch\u00f6nheit, und ich denke da so radikal, dass ich eine h\u00f6chste entwickelte Muskulatur f\u00fcr absolut sch\u00f6n halte.\u201c<\/em>\u00a0etc etc. Er stand offenbar auf Muskelkerle und das sieht man auch in seinem Gem\u00e4lde\u00a0<em>Die Glut<\/em>. Obwohl noch eine weibliche Figur das Bild beherrscht, das lebendige Zentrum sind die in sich verkeilten Leiber der M\u00e4nner, die den Schild tragen.<strong>Frauen sehen M\u00e4nner<\/strong>\u00a0Die Kunst nach 1945 wurden von Tobias G. Natter und Elisabeth Leopold in drei Themenbl\u00f6cke unterteilt, deren erster den weiblichen Blick auf nackte M\u00e4nner bebildert \u2013 mit\u00a0<strong>Maria Lassnig, Louise Bourgeois\u00a0<\/strong>oder<strong>\u00a0Nan Goldin<\/strong>. Das interessanteste Objekt dieses Teils, eine raumf\u00fcllende Installation von\u00a0<strong>Katarzyna Kozyra<\/strong>, steht aus Platzgr\u00fcnden im Erdgescho\u00df. Kozyra hat sich mit einem t\u00e4uschend echten Penis, k\u00fcnstlichem Bart, Brustbehaarung, zwei Freunden und einer versteckten Kamera ins Budapester Gellert Bad begeben. Die Kamera dokumentiert das ungezwungene Verhalten der badenden M\u00e4nner, manche lauernd, aber nicht offen schwul. Und dazwischen Katarzyna Kozyra mit ihrem k\u00fcnstlichen Schwanz. Witzig!\u00a0<strong>Elke Krystufek<\/strong>\u00a0meinte in einem Interview, dass sich Bilder nackter M\u00e4nner schlecht verkaufen. Die weibliche Kundschaft hat oft nicht das n\u00f6tige Kleingeld, oder will es nicht f\u00fcr nackte M\u00e4nner ausgeben. Und sieht man sich in diesem Raum um, wundert es nicht, dass auch eine schwule kunstaffine Klientel wenig anspringt. Unsinnlichere M\u00e4nnerbilder als in diesem Raum habe ich kaum gesehen.\u00a0<em>\u201eDas Ich zwischen Norm und Aufbegehren\u201c<\/em>\u00a0l\u00e4sst unvermittelt die unterschiedlichsten K\u00f6rperbilder aufeinanderprallen. Arbeiten von\u00a0<strong>G\u00fcnter Brus<\/strong>\u00a0und den Wiener Aktionismus als Ausgangspunkt nehmend schlagen die Kurator_innen \u00fcber\u00a0<strong>Otto M\u00fchl<\/strong>, eines der\u00a0<em>St\u00e4nderfotos<\/em>\u00a0von\u00a0<strong>Gelatin<\/strong>\u00a0den Bogen zu Heimo Zobernig und spannen damit auch eine chronologische Achse durch mehr als vier Jahrzehnte \u00f6sterreichischer Kunstgeschichte unter dem Blickwinkel des nackten Mannes.\u00a0<em>Mister Foxy<\/em>, eine Fotoserie, in der\u00a0<strong>Tomislav Gotovac<\/strong>als alter, wei\u00dfb\u00e4rtiger Mann Pornoposen weiblicher Pin-up nachahmt, kann auch schwul gelesen werden. Etwas verloren wirkt da unkommentiert das Selbstbildnis von\u00a0<strong>J\u00fcrgen Baldiga<\/strong>. In der N\u00e4he h\u00e4ngt zwar der\u00a0<em>Ignorance = Fear<\/em>-Plakat von\u00a0<strong>Keith Haring<\/strong>, das die Aids-Krise thematisiert, ohne Wissen bringt man aber Baldiga nicht in diesen Zusammenhang, zeigt er doch die Verletzlichkeit des m\u00e4nnlichen K\u00f6rpers, die gerade Aids so offensichtlich gemacht hat. Mit Arbeiten von\u00a0<strong>Pierre Molinier, Marianne Greber\u00a0<\/strong>und<strong>Matthias Herrmann<\/strong>wird an aktuelle queere Diskurse angeschlossen und die Eindeutigkeit des m\u00e4nnlichen Geschlechts in Frage gestellt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2278\" style=\"width: 223px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Jean-Cocteau-llustration-zu-Jean-Genet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2278\" class=\"size-medium wp-image-2278\" title=\"Jean-Cocteau,-llustration-zu-Jean-Genet\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Jean-Cocteau-llustration-zu-Jean-Genet.jpg\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Jean-Cocteau-llustration-zu-Jean-Genet.jpg 1000w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Jean-Cocteau-llustration-zu-Jean-Genet-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Jean-Cocteau-llustration-zu-Jean-Genet-768x1078.jpg 768w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Jean-Cocteau-llustration-zu-Jean-Genet-729x1024.jpg 729w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2278\" class=\"wp-caption-text\">\u00a0Illustration zu Jean Genet von Jean Cocteau (c) Leopold Museum<\/p><\/div>\n<p><strong>M\u00e4nner sehen M\u00e4nner<\/strong>\u00a0Wenn M\u00e4nner auf M\u00e4nner blicken sieht man manch Erwartbares, wenn auch auf k\u00fcnstlerisch hohem Niveau. Neben den verf\u00fchrerischen Grafiken von\u00a0<strong>Jean Cocteau\u00a0<\/strong>oder<strong>\u00a0David Hockney<\/strong>\u00a0ist auch\u00a0<strong>Andy Warhols<\/strong>Querelle Version ein Klassiker. Mit Fotos von\u00a0<strong>Robert Mapplethorpe<\/strong>\u00a0begegnen wir erstmals einem offensiv schwulen Blick auf den Mann, auf das Sexobjekt Mann. Sein Blick ist fixiert auf den Schwanz seiner Fotomodelle. So offensiv blickte noch kein Mann auf das Lustobjekt Mann, auch in seinen Selbstportr\u00e4ts und seinen SM-Inszenierungen und \u00fcberschritt damit lustvoll die Grenzen zwischen Pornografie und Kunst.\u00a0<strong>Bruce of Los Angeles<\/strong>, der wie auch Mapplethorpe auf einen Kanon der klassischen Bildsprache zur\u00fcckgriff, erotisiert antikisierende Helden in Latzh\u00f6schen bis an die Grenzen des von der Zensur Geduldeten. Die wandf\u00fcllende Plakatwand von\u00a0<strong>F\u00e9lix Gonz\u00e1les-Torres<\/strong>\u00a0zeigt keinen nackten Mann, ein leeres Bett ist f\u00fcr den an Aids verstorbenen K\u00fcnstler Ausdruck seiner Verzweiflung \u00fcber den Tod seines Partners. Mit\u00a0<em>Spit Law<\/em>\u00a0einer gro\u00dfformatigen Fotoarbeit von\u00a0<strong>Gilbert &amp; George<\/strong>dringt auch wieder die Gesellschaft in die Kunst ein. Auf einem blutroten Grund schwimmen Mikroaufnahmen von Spuke, auf den beiden Tafeln zeigen einmal Gilbert und einmal George den blanken Hintern. Zwischen den Tafeln als Lauftext, Zitate aus Leviticus, die Homosexualit\u00e4t verdammen. Klar, was Gilbert &amp; George davon halten. Die f\u00fcr mich eindruckvollste Arbeit ist eine kleinformatige Fotostrecke des ukrainischen K\u00fcnstlers\u00a0<strong>Boris Mikailov<\/strong>, in der er von den z\u00e4rtlichen Ann\u00e4herungen zweier M\u00e4nner in einem Armenasyl beim\u00a0<em>Men\u2019s Talk<\/em>\u00a0erz\u00e4hlt. T\u00e4nzerische Posen wechseln mit allt\u00e4glichen Szenen ab und ergeben einen vieldeutigen Bilderbogen. Damit endet der Rundgang im Leopold Museum und man fragt sich nach hunderten nackten M\u00e4nnern, warum dieses Thema in der Kunstgeschichte so lange tabuisiert war. Der erotisierte m\u00e4nnliche K\u00f6rper stellt aber offenbar noch f\u00fcr viele eine Bedrohung dar. In der Kunsthalle Wien geht es mit\u00a0<a href=\"http:\/\/www.qwien.at\/?p=2281\">K\u00f6rperschau 2<\/a>\u00a0weiter bei\u00a0<strong>XTRAVAGANZA<\/strong><strong>\u00a0staging Leigh Bowery<\/strong>, der ebenfalls den m\u00e4nnlichen K\u00f6rper thematisiert.\u00a0Infos zur Ausstellung\u00a0<a href=\"http:\/\/www.leopoldmuseum.org\/\">Nackte M\u00e4nner<\/a>\u00a0Ein ausf\u00fchrliche Rezension der Ausstellung\u00a0<em>K\u00f6rper als Protest<\/em>\u00a0in der ALBERTINA siehe\u00a0<a href=\"http:\/\/www.qwien.at\/?p=2291\">K\u00f6rperschau 3<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[272,275,276],"tags":[],"class_list":["post-11183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-qwien","category-qwien-tipp","category-webarchive","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.6 - 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