{"id":11228,"date":"2025-07-15T21:37:03","date_gmt":"2025-07-15T19:37:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/schwule-liebe-literarisch\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:03","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:03","slug":"schwule-liebe-literarisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/schwule-liebe-literarisch\/","title":{"rendered":"Schwule Liebe, literarisch"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein W\u00e4lzer! \u00dcber 500 Seiten dick, knallrot mit einem verhalten l\u00e4chelnden M\u00e4nnerpaar auf dem Cover und dem r\u00fchrenden Titel\u00a0<em>Ach, nur\u2019n bisschen Liebe<\/em>. Der Untertitel verspricht eine trockene literaturwissenschaftliche Studie:\u00a0<em>M\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t in den Romanen deutschsprachiger Autoren in der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939<\/em>. Trocken? Mitnichten! Denn die Untersuchung von Stefan M\u00fcller ist eine lohnende und spannende Lekt\u00fcre, meint Zentrum QWIEN. Der Text ist selbst im theoretischen Einleitungsteil auch f\u00fcr \u201eLaien\u201c sehr fl\u00fcssig, die literaturgeschichtlichen Analysen sind spannend erz\u00e4hlt. Kurz f\u00fcr Alle, die sich f\u00fcr die Literatur dieser Zeit und die Darstellung Homosexueller in den B\u00fcchern von bekannten Autoren wie Joseph Roth, Alfred D\u00f6blin, Hermann Hesse oder Klaus Mann, aber auch unbekannterer Autoren wie Erich Ebermayer, Karl Tschuppik oder Hanns Heinz Ewers interessieren, ein Gewinn. Bewusst schloss Stefan M\u00fcller Texte, die sich ausschlie\u00dflich an schwule M\u00e4nner oder die in Verlagen publiziert wurden, die sich an ein Szenepublikum wandten, aus. Er untersuchte Bestseller des allgemeinen Sortiments, worunter sich eine Reihe heute vergessener Autoren finden, aber auch Werke von Autoren, die zwar zu Lebzeiten an St\u00fcckzahlen weit hinter den Vergessenen blieben, die aber Eingang in den literarischen Kanon gefunden haben. Darunter k\u00f6nnen sich auch offen schwule Autoren wie Klaus Mann, von dem Stefan M\u00fcller vier Romane in seine Analyse einbezieht, oder Ludwig Renn finden, dessen Roman\u00a0<em>Vor gro\u00dfen Wandlungen<\/em>\u00a0heute nur mehr SpezialistInnen bekannt sein mag, der aber wegen seiner Darstellung des Prototypen des brutalen schwulen Nazis eine verheerende Wirkung f\u00fcr die Emanzipation von homosexuellen M\u00e4nnern in der Nachkriegszeit hatte. Eingebettet ist die Interpretation von Renns folgenschwerem Roman in ein Kapitel, das Stefan M\u00fcller\u00a0<em>Die Inszenierung des schwulen Nazis<\/em>\u00a0nennt, einem von sechs thematischen Gro\u00dfkapiteln, die sich mit der Darstellung von Homosexualit\u00e4t in Kindheit und Jugend, unter Erwachsenen, oder beim Milit\u00e4r und mit Themenbereichen wie\u00a0<em>Homosexualit\u00e4t und Gewalt<\/em>\u00a0sowie\u00a0<em>Homosexualit\u00e4t und Recht<\/em>auseinandersetzen. In Zusammenhang mit Renn werden neun weitere Romane mit diesem thematischen Schwerpunkt, oder einer im Roman wichtigen Figur oder Passage vorgestellt. Und dabei erweist sich Stefan M\u00fcllers Systematik als absoluter Gl\u00fccksfall, jeder Text wird einzeln vorgestellt, die homosexuelle Thematik herausgearbeitet und in Zusammenhang mit anderen Autoren, Zeitumst\u00e4nden und politischem Hintergrund interpretiert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1249 alignleft\" src=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Cover_M\u00fcller-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Cover_M\u00fcller-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Cover_M\u00fcller.jpg 439w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/p>\n<p>Was diese literaturwissenschaftliche Studie so lesenswert macht, ist die F\u00e4higkeit Stefan M\u00fcllers spannend und fl\u00fcssig erz\u00e4hlte Literaturgeschichte mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu verbinden \u2013 die Fu\u00dfnotenzahlen kann man ja getrost \u00fcberlesen, auch wenn sich in mancher Anmerkung spannende Detailinformationen und Querverweise finden. Seine Romaninterpretationen machen Lust auf die Originaltexte, wie etwa Joseph Roths\u00a0<em>Das Spinnennetz<\/em>, in dem der gefeierte Wiener Schriftsteller schon lange vor Renn einen schwulen Nazi in die Literaturgeschichte einf\u00fchrte. Klarsichtig zeigt M\u00fcller, wie problematisch die Figuren Roths, der sich nicht grunds\u00e4tzlich gegen Homosexuelle ausspricht, schlussendlich sind. In seinem 1923\/24 erschienen Zeitroman erz\u00e4hlt Roth vom Aufstieg der Nazis unter der F\u00fchrung des brutalen Homosexuellen Prinz Heinrich, der sich den an sich heterosexuellen Opportunisten Theodor Lohse f\u00fcr sexuelle und andere Dienste h\u00e4lt. Roth instrumentalisiert dabei Homosexualit\u00e4t, denn es sind \u201eletztlich speziell homosexuelle Eskapaden [\u2026], die den Sittenverfall der Rechtsradikalen abbilden\u201c, wie M\u00fcller schreibt. Die Liste der AutorInnen, die in ihren Romanen schwule Nazis darstellten, reicht von Lion Feuchtwanger, \u00fcber Ewers, Ernst Glaeser, Ernst Wei\u00df bis zu Vicki Baum. Man hat Lust ans B\u00fccherregal zu treten und etwa Alfred D\u00f6blins\u00a0<em>Berlin Alexanderplatz<\/em>\u00a0herauszuziehen und die Passagen nachzulesen, die M\u00fcller in seiner Interpretation zitiert. In zwei Kapiteln widmet er sich dem Berliner Stadtroman und zeigt dabei die unausgelebte homosexuelle Beziehung von Franz Biberkopf zu seinem Kumpel Reinhold, die vor allem durch Gewalt gepr\u00e4gt ist. Das ist nicht unbedingt neu, es gibt bereits Untersuchungen zu diesem Thema, aber M\u00fcller b\u00fcndelt die Interpretationen zu schl\u00fcssigen Darstellungen, die anregen, sie anhand der eigenen Lekt\u00fcre zu \u00fcberpr\u00fcfen. Aber es finden sich auch viele Fundst\u00fccke, Romane unbekannter, vergessener AutorInnen: aus \u00d6sterreich etwa Karl Tschuppiks\u00a0<em>Ein Sohn aus gutem Hause<\/em>. Der \u00f6sterreichische Journalist und Publizist, mit Joseph Roth eng befreundet, war einem breiten Publikum vor allem durch seine historischen Biografien, etwas \u00fcber\u00a0<em>Maria Theresia<\/em>\u00a0bekannt, konnte aber seinen einzigen Roman 1937 nur noch im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange ver\u00f6ffentlichen, da er nach den N\u00fcrnberger Gesetzen als \u201eJude\u201c galt und sich bereits fr\u00fch gegen den Nationalsozialismus exponiert hatte. Er erz\u00e4hlt darin die homoerotisch gef\u00e4rbte Geschichte zweier Jungen und in einer Parallelhandlung, die auch Einfluss auf dem Hauptstrang nimmt, die Skandalgeschichte des homosexuellen Oberst Redl. Vier von den etwa 70 vorgestellten Romanen gibt M\u00fcller eine Alleinstellung in einem eigenen Kapitel: Joseph Breitbachs\u00a0<em>Die Wandlung der Susanne Dasseldorf<\/em>, Friedo Lampes\u00a0<em>Am Rande der Nacht<\/em>, Otto Zareks\u00a0<em>Begierde<\/em>\u00a0und Hans Henny Jahnns\u00a0<em>Perrudja<\/em>. Ihnen allen gemeinsam ist bei aller Unterschiedlichkeit eine differenzierte Darstellung von Homosexualit\u00e4t und lebendige, tiefergehende schwule Charaktere. Wie viele der von Stefan M\u00fcller vorgestellten Romane fanden sie sehr widerspr\u00fcchliche Aufnahme bei der Kritik, wobei die homosexuellen Charaktere oft im Zentrum der Ablehnung standen. Aber sie unterscheiden sich auch insofern von den anderen Romanen, die M\u00fcller vorstellte. Die Darstellung der Homosexuellen ist bei ihnen vielschichtiger und differenzierter, ob sie in einen Gro\u00dfstadtroman wie in Zareks\u00a0<em>Begierde<\/em>\u00a0oder in Lampes\u00a0<em>Am Rande der Nacht<\/em>auftreten, der stilistisch dem magischen Realismus zuzurechnen ist.\u00a0<em>Ach, nur\u2019n bisschen Liebe<\/em> ist eine wunderbare Fundgrube f\u00fcr literarisch Interessierte. Stefan M\u00fcller hat nicht nur eine gro\u00dfe F\u00fclle von Romanen aus der Zwischenkriegszeit nach schwulen Charakteren durchforstet, er zeigt in seinen Analysen, dass die Texte ein Spiegel der Zeit sind, dass sich in ihnen die unterschiedlichen theoretischen Erkl\u00e4rungsversuche f\u00fcr das Entstehen von Homosexualit\u00e4t finden, aber auch Vorurteile, Unverst\u00e4ndnis und Hass transportiert werden. Von Emanzipation sind die schwulen M\u00e4nner der Zwischenkriegzeit noch weit entfernt, im Gegenteil, mit dem Erstarken der Nationalsozialisten und ihrer Macht\u00fcbernahme 1933 intensiviert sich die Verfolgung, aber in der Literatur war es \u2013 wie M\u00fcller zeigt \u2013 auch m\u00f6glich positive Gegenbilder zu entwerfen. Wiederentdeckungen, wie die Romane von Breitbach oder Lampe, die in den letzten Jahren wieder aufgelegt und von der heutigen Kritik auch wegen ihrer ausgewogenen Darstellung von Homosexualit\u00e4t gew\u00fcrdigt wurden, zeigen, dass es in einer homosexuellen Literaturgeschichte noch viel zu entdecken gibt. Stefan M\u00fcller Buch ist dabei ein kompetenter Leitfaden.<\/p>\n<p><strong>Stefan M\u00fcller: Ach, nur\u2019n bisschen Liebe. M\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t in den Romanen deutschsprachiger Autoren in der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939<\/strong>\u00a0<strong>W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann 2011<\/strong>\u00a0<strong>Broschur, 542 Seiten<\/strong><\/p>\n<p>Erh\u00e4ltlich bei\u00a0<a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=7860\">Buchhandlung L\u00f6wenherz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":9559,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[267,271,272],"tags":[],"class_list":["post-11228","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-qwien-books","category-literature-archive","category-qwien","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Schwule Liebe, literarisch - 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