{"id":11229,"date":"2025-07-15T21:37:03","date_gmt":"2025-07-15T19:37:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/mammutwerk-mit-fehlstellen\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:03","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:03","slug":"mammutwerk-mit-fehlstellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/mammutwerk-mit-fehlstellen\/","title":{"rendered":"Mammutwerk mit Fehlstellen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das biographische Lexikon\u00a0<\/strong><strong>Mann f\u00fcr Mann<\/strong><em><strong>\u00a0von Bernd-Ulrich Hergem\u00f6ller ist in einer \u00fcberarbeiteten zweib\u00e4ndigen Ausgabe erschienen.\u00a0Andreas Brunner\u00a0und\u00a0Hannes Sulzenbacher\u00a0haben das Mammutwerk gelesen und erlauben sich eine kritische W\u00fcrdigung.\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_1807\" style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Ludwig-Viktor00412-183x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1807\" class=\"size-medium wp-image-1807\" title=\"Ludwig-Viktor0041\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Ludwig-Viktor00412-183x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Ludwig-Viktor00412-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Ludwig-Viktor00412-625x1024.jpg 625w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Ludwig-Viktor00412.jpg 745w\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1807\" class=\"wp-caption-text\">Erzherzog Ludwig Viktor, vulgo Luziwuzi (Sammlung QWIEN)<\/p><\/div>\n<p>Eigentlich ist es unfair sich einem Lebenswerk wie dem von Bernd-Ulrich Hergem\u00f6llers kritisierend zu n\u00e4hern. Seit drei\u00dfig Jahren sammelt er biografische \u00dcberlieferungen \u00fcber M\u00e4nner, die wir heute salopp als schwul bezeichnen w\u00fcrden, und verfasst daraus biografische Kurzdarstellungen f\u00fcr sein umfassendes Lexikon. Inzwischen \u2013 er gibt zu die Forschungslage nicht mehr allein zu \u00fcberblicken \u2013 hat er Mitarbeiter, die ihn in seinen Bem\u00fchungen unterst\u00fctzen. Gegen\u00fcber der letzten 2001 als Suhrkamp Taschenbuch ver\u00f6ffentlichten Ausgabe hat sich der Umfang des Lexikons deutlich vergr\u00f6\u00dfert. Etwa 1.800 M\u00e4nner finden Eingang in\u00a0<em>Mann f\u00fcr Mann<\/em>, von diesen sind fast 500 Kurzbiografien von Angeklagten wegen widernat\u00fcrlicher Unzucht, die zwischen 1819 und 1924 in deutschen Fahndungsbl\u00e4ttern ausgeschrieben wurden. Weitere 650 umfassten Kurzbiografien von M\u00e4nnern, deren Biografien zum Gro\u00dfteil nicht mehr recherchierbar sein werden: Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung oder zahlreiche Opfer von Aids, deren Eintr\u00e4ge meist auf Basis von Nachrufen in Szenemagazinen verfasst wurden und dementsprechend l\u00fcckenhaft sind. Und gerade in dieser fast inflation\u00e4ren Anh\u00e4ufung von Kurzbiografien liegt, schon vorab festgehalten, ein Problem der Neuauflage des Lexikons, auch wenn sich Hergem\u00f6ller im Vorwort freut, durch die Auswahl des M\u00fcnsteraner LIT-Verlags \u201evor K\u00fcrzungsbefehlen, inhaltlichen Eingriffen, dem \u201aKorrekturprogramm\u2018 der modernen Rechtschreibung und der Trennungswillk\u00fcr der Setzer gesch\u00fctzt\u201c gewesen zu sein. \u00dcbrig bleiben etwa 700 Artikel mit umfassenden Biografien von M\u00e4nnern, die M\u00e4nner liebten. Da die Begriffe \u201ehomosexuell\u201c oder \u201eschwul\u201c relativ jung sind und sich auch viele M\u00e4nner, die heute zu den bekanntesten \u201eSchwulen\u201c z\u00e4hlen, nicht mit diesen identifizieren konnten (man denke an Thomas Mann oder an Erzherzog Ludwig Viktor), definiert Hergem\u00f6ller die Kriterien f\u00fcr die Aufnahme relativ offen. Wie schon im Untertitel des Lexikons festgehalten wird, steht die\u00a0<em>Geschichte der Freundesliebe und mannm\u00e4nnlichen Sexualit\u00e4t im deutschen Sprachraum<\/em>\u00a0im Mittelpunkt. Das f\u00fchrt zu Eintr\u00e4gen \u2013 und wir bleiben hier bei \u00f6sterreichischen Beispielen -, die f\u00fcr ein allgemeines Lesepublikum \u00fcberraschend, ja irritierend sein werden. Zu nennen w\u00e4ren hier etwa Ludwig van Beethoven oder Franz Grillparzer.<\/p>\n<h2>Brodelnde Ger\u00fcchtek\u00fcche mit wenig Essenz<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Karl_van_Beethoven1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1793 alignleft\" title=\"220px-Karl_van_Beethoven\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Karl_van_Beethoven1.png\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"271\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bereits 1964 erregte das Wiener \u00c4rzte-Ehepaar Editha und Richard Sterba Aufsehen mit ihrer psychoanalytischen Deutung der Beziehung Beethovens zu seinem Neffen Karl, die \u201eals Ausdruck freigesetzter Homosexualit\u00e4t zu interpretieren sei\u201c. Anstatt aber diesen spekulativen biografischen Interpretationsansatz kritisch zu hinterfragen, sammelt Hergem\u00f6ller \u201eBelege\u201c f\u00fcr \u2013 ja was eigentlich? \u2013 f\u00fcr Beethovens gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zu Frauen oder f\u00fcr seine Freundeskreise, die sich haupts\u00e4chlich aus M\u00e4nnern zusammensetzten (kein Wunder bei der gesellschaftlichen Stellung von Frauen zu Beethovens Zeit). Und er schreibt Beethoven \u201ein Wien ein intensives Bed\u00fcrfnis nach M\u00e4nnerfreundschaft\u201c zu. Nachvollziehbare Belege bleibt er f\u00fcr all dies schuldig. Indes ist die Aufnahme Beethovens in das Lexikon \u201eMann f\u00fcr Mann\u201c nat\u00fcrlich zul\u00e4ssig, denn auch Ger\u00fcchte \u00fcber M\u00e4nner f\u00fchrten oft zu Zuschreibungen, die es zu \u00fcberliefern aber zu hinterfragen gilt. Doch gerade diese kritische Hinterfragung der Quellen unterbleibt beim Beethoven-Artikel Hergem\u00f6llers, \u00e4hnlich wie beim Grillparzer-Eintrag des Lexikons. F\u00fcnf Spalten braucht Hergem\u00f6ller, um bei Grillparzer nichts zu beweisen. Als junger Mann hat er ein paar schw\u00e4rmerische Freundschaften gehabt, bei der zu Georg Altm\u00fcller, einem sp\u00e4teren Professor am Polytechnikum, \u201eentflammte seine [Grillparzers] Eifersucht\u201c, nachdem er heimlich in Altm\u00fcllers Tagebuch gelesen hatte, dass dieser seine Freundschaft nicht exklusiv Grillparzer widmete. Diese Episode in Grillparzers Jugend ist einer der vielen Belege f\u00fcr Grillparzers neurotischen Umgang mit Menschen, aber mitnichten einer f\u00fcr \u201eFreundesliebe\u201c oder gar ein Begehren von Seiten Grillparzers. Hergem\u00f6ller z\u00e4hlt eine Reihe von Belegen f\u00fcr \u201eeinen un\u00fcberwindlichen Ha\u00df auf alles \u201aWidernat\u00fcrliche\u2018 und Effeminierte&#8217;\u201c interpretiert aber diese \u201etiefe Abneigung\u201c Grillparzers \u201eunschwer als Projektion des Selbsthasses\u201c. Mit diesem haneb\u00fcchenen Argument kann ich alles beweisen, weshalb man Grillparzer \u201eweder gerecht\u201c werden kann, wenn man \u201eihn in die Riege der \u201aber\u00fchmten Homosexuellen&#8217;\u201c einreiht, noch wenn man ihn \u201eden z\u00e4rtlichen und sch\u00fcchternen Frauenliebhabern\u201c zurechnet. Dass auch noch Grillparzers von \u201elangatmigen trockenen Dialogen und Reflexionen\u201c erf\u00fcllten Dramen die \u201eGrundelemente seines unerf\u00fcllten Seelenlebens\u201c widerspiegeln, ist als Summe der Erkenntnisse dann auch ausgesprochen d\u00fcrftig. Manchmal haben mitdenkende Lektoren und Verleger mit Widerspruchsgeist eben doch einen Sinn.<\/p>\n<p>Was Hergem\u00f6llers Lexikon auch f\u00fcr \u00d6sterreich-Interessierte lesenswert macht, sind Biografien wie jene des fr\u00fchen Aktivisten Franz Xaver Gugg, die mithilfe Kurt Kricklers von der HOSI Wien entstanden ist, in fr\u00fcheren Auflagen hatte Gugg gefehlt. Auch der Eintrag \u00fcber Ludwig Wittgenstein geht der Frage, wie verkrampft die Geschichtsschreibung mit Wittgensteins sexuellen Vorlieben umging, nach. Seine Herkunft mit den Worten \u201eentstammte der alten, j\u00fcdischen Textilh\u00e4ndlerfamilie Mejer\u201c zu beschreiben und seinen Vater als \u201eev. Stahlwerkdirektor\u201c zu bezeichnen, hinterl\u00e4sst dann aber doch ein schiefes Bild \u00fcber die Familie eines der reichsten Industriemagnaten Europas.<\/p>\n<h2>\u00c4rgerliche Auslassungen<\/h2>\n<p>Was Hergem\u00f6llers Lexikon \u00e4rgerlich macht: Es kommt gro\u00dfspurig als \u201edeutschsprachig\u201c daher und meint doch \u00fcber weite Strecken nur Deutschland, da \u00f6sterreichische Forschungsergebnisse entweder ignoriert werden, oder eine grunds\u00e4tzliche Ahnungslosigkeit \u00fcber \u00d6sterreich zu gro\u00dfen L\u00fccken f\u00fchrt. Selbst ein verdienstvoller Lexikonbeitrag, wie jener von Axel Schock \u00fcber den Theaterdirektor und Regisseur Hans Gratzer ger\u00e4t dabei recht farblos, weil der Berliner Autor die Bedeutung Gratzers f\u00fcr das Wiener Theater nur bruchst\u00fcckhaft erfassen kann. Daneben findet man etwa eine h\u00f6chst spekulative, psychoanalytische Deutungshilfen bem\u00fchende Biografie \u00fcber den \u00f6sterreichischen Milit\u00e4r und Freund (?) von Erzherzog Ludwig Viktor Edmund Glaise von Horstenau, oder \u2013 bleiben wir beim Buchstaben G \u2013 einen v\u00f6llig sinnlosen Lexikoneintrag \u00fcber den \u00f6sterreichischen Schriftsteller Franz Karl Ginzkey. Der Sch\u00f6pfer des rassistischen Kinderbuchs \u201eHatschi Bratschis Luftballon\u201c, das Hergem\u00f6ller nicht einmal erw\u00e4hnt (hat ja auch nichts mit seinem Interesse an Ginzkey zu tun, dass Ginzkey ein typischer \u00f6sterreichischer \u201eAll-Regime-Opportunist\u201c war, zuerst strammer Austrofaschist, dann ebenso strammer Nationalsozialist und im Nachkriegs\u00f6sterreich als Sch\u00f6pfer des Textes der Nieder\u00f6sterreichischen Nationalhymne hochverehrt). Er findet sich in diesem Lexikon der mannm\u00e4nnlichen Liebe wieder, weil er sich \u201ew\u00e4hrend seiner Kadettenausbildung [\u2026] [in] einen \u201akleinen rosigen Kerl\u2018, der im Sch\u00fclertheater die \u201aBraut\u2018 spielte\u201c verliebt haben soll \u2013 eine recht d\u00fcnne Suppe.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ja alles nicht so tragisch, w\u00e4ren die Fehlstellen bez\u00fcglich \u00d6sterreich nicht so eklatant. Der Operns\u00e4nger Hanns Beer, \u201e\u00fcber dessen weiteres Schicksal\u201c laut Hergem\u00f6ller bisher nichts bekannt ist, wurde nach dem \u201eAnschluss\u201c in \u00d6sterreich verhaftet, ins KZ verschleppt, aus diesem aber von Winifred Wagner gerettet (da h\u00e4tte eine einfache Spiegel-Online-Suche gereicht, um das zu erfahren). Fehler wie dieser k\u00f6nnen beim Mammutprojekt eines \u00fcber 1.700 Seiten dicken Lexikons schon passieren, aber die zahlreiche Auslassung wirken viel schwerer, zumal es sich bei allen in Folge erw\u00e4hnten um gut dokumentierte Beispiele handelt. Weil wir schon bei Beer sind: Was ist mit dem Wiener Privatdozenten Theodor Beer, der 1906 wegen\u00a0<em>Unzucht wider die Natur<\/em>\u00a0zu einer Kerkerstrafe inklusive Aberkennung der akademischen W\u00fcrden verurteilt wurde? \u00dcber den hat schon Karl Kraus geschrieben und selbst in\u00a0<em>Capri<\/em>\u00a0gibt es einen Aufsatz \u00fcber ihn. Was ist mit dem \u00f6sterreichischen Dichtern Alfred Gr\u00fcnewald, der aus dem franz\u00f6sischen Exil von den Nazis in ein Vernichtungslager verschleppt wurde? Erstaunlicherweise f\u00fchrt Hergem\u00f6ller dessen bislang der Homosexualit\u00e4t unverd\u00e4chtigen \u201eNachlassverwalter\u201c Jan Otto Tauschinski an, obwohl sich \u201eweder aus seiner Biographie noch aus seinem (bislang ver\u00f6ffentlichten) Werk [\u2026] Aussagen zu pers\u00f6nlichen Neigungen ableiten\u201c lassen. Nur ein ungenannter pers\u00f6nlicher Freund gilt als Zeuge, dass Tauschinski \u201eder reinste und angenehmste Typus des Homosexuellen, gepflegt, sch\u00f6nheitssinnig [\u2026]\u201c war \u2013 na dann wird\u2019s ja wohl stimmen. Es sei nur angemerkt, dass sich Tauschinski in einem im Ausstellungsstellungskatalog \u201egeheimsache:leben\u201c publizierten Textausschnitt aus einem autobiografischen Manuskript etwa zu seinen homosexuellen Erfahrungen beim \u201eWandervogel\u201c ge\u00e4u\u00dfert hat. Aber nicht nur das Fehlen Gr\u00fcnewalds, der als Dichter wesentlich bedeutender als Tauschinski ist, schmerzt, die Liste l\u00e4sst sich fortsetzten. Zwar findet Emil Maria Vacano Aufnahme, aber die zweite H\u00e4lfte des Zweigestirns der\u00a0<em>Dioskuren<\/em>, wie sie in einem Gedicht genannt werden, Graf Emerich von Stadion, fehlt hingegen. Den Jahrhundertwendefotograf Paul Pichier, dem QWIEN schon 2007 eine gro\u00dfe Ausstellung widmete, wird man ebenfalls vergeblich suchen. Dass Hergem\u00f6ller nach wie vor falsch das Pseudonym Homunculus mit dem Wiener Humoristen Robert Weil aufl\u00f6st, ist unverst\u00e4ndlich. Ein Blick in dessen Werk h\u00e4tte reichen m\u00fcssen, um zu wissen, dass der Wiener Autor mit dem Pseudonym Homunculus nie und nimmer einen \u201eschwulen\u201c Roman geschrieben haben kann. Es gab eben einfach mehrere Autoren, die sich dieses Pseudonyms bedient haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Erinnern_Paehler1-e1340395290843.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1798\" title=\"Erinnern_Paehler\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Erinnern_Paehler1-e1340395290843.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Erinnern_Paehler1-e1340395290843.jpg 393w, https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Erinnern_Paehler1-e1340395290843-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a>Der \u201e\u00f6sterreichische Gr\u00fcndgens\u201c Raoul Aslan, der Modesch\u00f6pfer Fred Adlm\u00fcller, Viktor von Habsburg \u2013 die Liste der fehlenden \u00d6sterreicher lie\u00dfe sich fortsetzen. Wirklich \u00e4rgerlich ist aber der Umgang mit schwulen M\u00e4nnern, die an den Folgen ihrer HIV-Infektion gestorben sind. Da erinnert sich Hergem\u00f6ller offenbar derer, die ihm zuf\u00e4llig in Szenemagazinen aufgefallen sind. Wichtige \u00f6sterreichische Opfer, die auch die Auseinandersetzung mit HIV und Aids in \u00d6sterreich wesentlich gepr\u00e4gt haben, fehlen: Rainer Brandst\u00e4tter, Michael Handl, Hannes P\u00e4hler oder der in Linz geborene Michael Pollack, der zu den theoretischen Wegbereitern der Oral History geh\u00f6rte. Ebenso unverst\u00e4ndlich ist die Auswahl angef\u00fchrter Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Da als Quelle meist die Publikation\u00a0<em>Schwule in Auschwitz<\/em>\u00a0angef\u00fchrt ist, ist zu vermuten, dass es nur eine sehr reduzierte Auswertung von Arbeiten \u00fcber die NS-Zeit gegeben hat. \u00dcber zahlreiche Lager liegen inzwischen ausf\u00fchrliche Studien vor, die offenbar keine Beachtung fanden. Liest man den Eintrag zu Peter Jacobi fragt man sich \u00fcberhaupt, welche Relevanz dessen Aufnahme in dieses Lexikon hat. Der 5-zeilige Eintrag berichtet von der Ermordung des Berliner Senatsbeamten Jacobi durch Unbekannte, die m\u00f6glicherweise in Zusammenhang mit dessen Aids-Erkrankung stand. \u00c4hnlich spekulativ wie der Eintrag ist auch die Quelle, ein Artikel der BILD-Zeitung. Soll damit belegt werden, dass Schwule Mordopfer werden k\u00f6nnen? Da k\u00f6nnten wir noch zahlreiche besser belegte Schicksale nachliefern. Da beginnen bei aller Bewunderung f\u00fcr das Lebenswerk von Bernd-Ulrich Hergem\u00f6ller doch Zweifel, da wurde innerhalb eines Jahrzehnts aus einem dicken Lexikon-Band mit Biografien ein zweib\u00e4ndiges, zweihundert Euro teures Prestigeprojekt, im Grunde unvollst\u00e4ndiger als die Erstausgaben, weil etwa durch die halbherzige und in den Kriterien nicht nachvollziehbare Aufnahme von Aids-Opfern und Opfern des NS-Terrors f\u00fcr unbedarfte BenutzerInnen des Lexikons der Eindruck einer durchdachten Auswahl vorgegaukelt wird. \u00c4hnlich wie durch den anma\u00dfenden Untertitel, dass das Lexikon tats\u00e4chlich den \u201edeutschen Sprachraum\u201c erfasse. \u00dcber ein so aufw\u00e4ndiges und durch jahrelange Recherche erstelltes Werk mag man in gewisser Hinsicht nicht mosern. Und Hergem\u00f6ller bedankt sich schon im Vorwort f\u00fcr die Hilfestellungen seiner LeserInnen, die er seit den fr\u00fcheren Auflagen des Lexikons erfahren hat. Diesen LeserInnen sei gesagt: Machen Sie weiter so! Denn es scheint, aus einem Buch, das bei seinem ersten Erscheinen der Schaffung von Selbstverst\u00e4ndlichkeit von Homosexuellen und Homosexualit\u00e4t in der Geschichte dienen sollte, und das zu seiner Zeit ambitioniert und \u00fcberf\u00e4llig war, ist eine nach nicht nachvollziehbaren Kriterien erstellte Sammlung von Biografien geworden, die auf Wikipedia oft genauer recherchiert und belegt werden. Deren massenhafte Vermehrung geschieht offenbar ziellos und zuf\u00e4llig und dient der Selbstlegitimation und Immunisierung. Das Beharren auf der alten Rechtschreibung ist da nur ein Symptom.<\/p>\n<p><strong>Bernd-Ulrich Hergem\u00f6ller (Hrsg): Mann f\u00fcr Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannm\u00e4nnlicher Sexualit\u00e4t im deutschen Sprachraum. Unter Mitwirkung von Nicolai Clarus, Jens Dobler, Klaus Sator, Axel Schock und Raimund Wolfert neubearbeitet und erg\u00e4nzt von Bernd-Ulrich Hergem\u00f6ller. 2 B\u00e4nde, 1744 S. M\u00fcnster: LIT-Verlag 2010<\/strong>\u00a0(erh\u00e4ltlich bei\u00a0<a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=7207\">L\u00f6wenherz<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[267,271,272],"tags":[],"class_list":["post-11229","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-qwien-books","category-literature-archive","category-qwien","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Mammutwerk mit Fehlstellen - Blog - Qwien - Zentrum f\u00fcr queere Geschichte<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/mammutwerk-mit-fehlstellen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mammutwerk mit Fehlstellen - 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