{"id":11267,"date":"2025-07-15T21:37:01","date_gmt":"2025-07-15T19:37:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.qwien.at\/nicht-kategorisiert\/das-gluck-kam-immer-zu-mir\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:01","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:01","slug":"das-gluck-kam-immer-zu-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qwien.at\/en\/qwien-books\/das-gluck-kam-immer-zu-mir\/","title":{"rendered":"&quot;Das Gl\u00fcck kam immer zu mir&quot;"},"content":{"rendered":"<p><strong>oder: wie der homosexuelle KZ-H\u00e4ftlings Rudolf Brazda den Naziterror \u00fcberlebte<\/strong>\u00a0<em><strong>Der heute 97-j\u00e4hrige Rudolf Brazda ist der wahrscheinlich letzte lebende schwule Mann, der den Terror des Naziregimes gegen Homosexuelle und die Internierung in einem Konzentrationslager bezeugen kann. Der deutsche Soziologe Alexander Zinn hat eine Biografie \u00fcber das \u00dcberleben Brazdas im Dritten Reich verfasst. Das Buch ist ein Gl\u00fccksfall \u2013 in mehrfacher Hinsicht.<\/strong><\/em>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Brazda-hoch-197x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-692\" title=\"zinn n2a.indd\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Brazda-hoch-197x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Brazda-hoch-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Brazda-hoch-768x1169.jpg 768w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Brazda-hoch-673x1024.jpg 673w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Brazda-hoch.jpg 1180w\" alt=\"Cover Brazda\" width=\"197\" height=\"300\" \/><\/a>Zum einen kann sich Rudolf Brazda trotz seines hohen Alters an viele Details seiner Verfolgung erinnern und war auch bereit dar\u00fcber zu sprechen, was angesichts der erlittenen Dem\u00fctigungen und Grausamkeiten nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Zudem wurden schwule M\u00e4nner lange nicht als Opfer des nationalsozialistischen Terrors anerkannt, sowohl in \u00d6sterreich als auch in Deutschland wurden Homosexuelle auch in den neu erstandenen Demokratien weiter verfolgt und drangsaliert, marginalisiert und als Verbrecher behandelt. Als Brazda 2008 erf\u00e4hrt, dass in Berlin ein Denkmal f\u00fcr die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus er\u00f6ffnet werden soll, will er unbedingt dabei sein. Die Er\u00f6ffnung vers\u00e4umt er zwar, aber einen Monat sp\u00e4ter ist er zu Gast beim Berliner B\u00fcrgermeister Wowereit. Das h\u00e4tte er sich in den schwersten Stunden seines Lebens im Konzentrationslager Buchenwald nicht tr\u00e4umen lassen, dass ihm einmal ein offen schwuler B\u00fcrgermeister die Hand sch\u00fctteln w\u00fcrde und dass sich ein junger Wissenschaftler auf den Weg macht, sein Leben aufzuzeichnen. Dabei hat Alexander Zinn zus\u00e4tzliches Gl\u00fcck, denn neben den Erinnerungen Rudolf Brazdas, die nach mehr als 60 Jahren nat\u00fcrlich in vielen Details verschwommen sind, findet Zinn in deutschen und tschechischen Archiven die Strafakten Brazdas, mit denen er einerseits dessen Erz\u00e4hlungen auf ihren Wahrheitsgehalt \u00fcberpr\u00fcfen kann und anderseits viele Leerstellen, Erinnerungsl\u00fccken und biografische Details auff\u00fcllen kann. Ein weiterer Gl\u00fccksfall ist es, dass Brazdas Lebensgeschichte nicht nur von einem genau recherchierenden Wissenschaftler beschrieben wird, sondern von einem Autor, der es auch versteht spannend zu erz\u00e4hlen, ohne in rei\u00dferische oder mitleidheischende Prosa zu verfallen. Rudolf Brazda wurden 1913 als Kind tschechischer Einwanderer in einem heute th\u00fcringischen Dorf geboren und erlebte sich als Kind schon irgendwie \u201eanders\u201c. Er liebte den Tanz, verkleidete sich gerne und entdeckte bald, dass sein sexuelles Interesse ausschlie\u00dflich M\u00e4nnern galt. Als dieses erwachte, diskutierte man in der Weimarer Republik noch die Abschaffung des \u00a7175, der zu diesem Zeitpunkt nur beischlaf\u00e4hnliche Handlungen zwischen M\u00e4nnern bestrafte. Die politische Radikalisierung und der Aufstieg der Nationalsozialisten sollte diese kurze Phase relativ sorglosen schwulen Lebens bald zunichte machen. Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten in Deutschland im Jahr 1933 hofften viele Schwule weiter auf entspannte Zeiten, war doch einer der wichtigsten Gefolgsleute Adolf Hitlers, SA-Chef Ernst R\u00f6hm, als Homosexueller bekannt. Mit der Ermordung R\u00f6hm 1934 werden sich diese Hoffnungen in Luft aufl\u00f6sen. Heinrich Himmler gibt nun den Ton an und dieser ist besessen homophob. Wie einen Krimi erz\u00e4hlt Alexander Zinn, wie sich die Schlinge der Verfolgung langsam um Rudolf Brazda und seinen schwulen Freundeskreis in der th\u00fcringischen Provinz zuzieht. Eine strafrechtliche Versch\u00e4rfung nach der anderen folgt, ohne dass die Betroffenen wirklich erkennen, welche Gefahr ihnen pl\u00f6tzlich droht. Dabei kommt Zinn ein Aktenfund zugute. 1937 ger\u00e4t der Freundeskreis um Brazda in die F\u00e4nge rabiater Nazikarrieristen in der th\u00fcringischen Justiz, ein Kettenprozess mit mehreren Verurteilten ist die Folge. Aus den erhaltenen Prozessakten kann Zinn den gesamten Ablauf, von den ersten Hinweisen und Anzeigen bei der Polizei, den Ermittlungen und den Prozess rekonstruieren. Als \u201eErstt\u00e4ter\u201c kommt Rudolf Brazda noch relativ glimpflich davon, als tschechischer Staatsageh\u00f6riger wird er nach der verb\u00fc\u00dften Haftstrafe allerdings ausgewiesen und geht ins nahe Karlsbad, das er mit seinem Geliebten Werner besucht hatte. Werner wird er nie wieder sehen. Als deutscher Staatsb\u00fcrger wird er zur Wehrmacht eingezogen, 1943 verliert sich seine Spur in Rum\u00e4nien. Im tschechischen Karlsbad, der ehemals mond\u00e4nen Kurstadt der Donaumonarchie, findet der h\u00fcbsche und leutselige Rudolf rasch wieder Anschluss an schwule Freundeskreise, hier gilt mit dem \u00a7129 noch das alte \u00f6sterreichische Strafrecht, das urspr\u00fcnglich weit strenger war als das ehemals preussische. Doch hatten die Nationalsozialisten bereits 1935 das Strafrecht f\u00fcr das deutsche Reich versch\u00e4rft, nun waren alle Handlungen (selbst Flirten) p\u00f6nalisiert und bei Wiederholungst\u00e4tern war die Einlieferung in ein Konzentrationslager vorzunehmen. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten ins Sudentenland und der Besetzung Rest-Tschechiens, das zum Protektorat B\u00f6hmen und M\u00e4hren wird, \u00e4ndert sich die Bedrohungslage f\u00fcr Rudolf Brazda, seinen neuen Geliebten Toni und den neuen Freundeskreis schlagartig. Hatte man in der alten Kurstadt \u2013 wohl auch im Interesse der zahlungskr\u00e4ftigen G\u00e4ste \u2013 auf eine zielgerichtete Verfolgung Homosexueller verzichtet, beginnt nun die Maschinerie der Nationalsozialisten zu laufen und Rudolf ger\u00e4t erneut ins Visier der Ermittler. Wieder wird der komplette Freundeskreis ausgehoben und wieder kann Alexander Zinn den genauen Ablauf anhand erhaltener Akten mit den Erinnerungen Brazdas, die \u00fcber weite Strecken sehr genau sind, erg\u00e4nzen. Diesmal n\u00fctzt es Rudolf nichts, dass er kein deutscher Staatsb\u00fcrger ist, er ist au\u00dferdem Wiederholungst\u00e4ter und damit f\u00fcr die Nazis der gef\u00e4hrlichen Kategorie der \u201eVerf\u00fchrer\u201c zuzurechnen, denen die h\u00e4rteste Strafe geb\u00fchrt: vierzehn Monate Haft und anschlie\u00dfende Einweisung ins Konzentrationslager. In ihren kruden, wenn auch nicht neuen Vorstellungen \u00fcber Homosexualit\u00e4t teilten die Nazis Schwule in zwei Gruppen: die \u201eVerf\u00fchrten\u201c und die \u201eVerf\u00fchrer\u201c. Wie Zinn richtig anmerkt, ging es den Nazis nicht in erster Linie um die Vernichtung aller Homosexuellen sondern und die Ausmerzung der Homosexualit\u00e4t. Dies meinten sie zu erreichen, wenn sie die unverbesserlichen \u201eVerf\u00fchrer\u201c ausschalteten, die sich an M\u00e4nner heranmachten, um sie mit dem \u201eVirus\u201c Homosexualit\u00e4t zu infizieren. Als \u201eVerf\u00fchrer\u201c galt, wer mindestens zwei Mal wegen \u00a7 175 verurteilt worden war.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/zinn_alexander1-193x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-694 alignleft\" title=\"zinn_alexander\" src=\"https:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/zinn_alexander1-193x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" srcset=\"http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/zinn_alexander1-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/zinn_alexander1-768x1193.jpg 768w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/zinn_alexander1-659x1024.jpg 659w, http:\/\/www.qwien.at\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/zinn_alexander1.jpg 945w\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" \/><\/a>Wer sich aus der Sicht der Nationalsozialisten nicht \u201ebessern\u201c konnte oder wollte, musste daher mit der Einlieferung in ein Konzentrationslager rechnen. Dort konnte er keine weiteren M\u00e4nner \u201evergiften\u201c, dort wurden die Unverbesserlichen \u201edurch Arbeit vernichtet\u201c. Rudolf wurde ins KZ Buchenwald eingeliefert. Als erstes musste er sich den \u201erosa Winkel\u201c an seine gestreifte H\u00e4ftlingskleidung n\u00e4hen. Dieser kennzeichnete ihn als Gefangenen, der auf einer der untersten Stufen der H\u00e4ftlingshierarchie stand. \u201eRosa Winkel\u201c-H\u00e4ftlinge wurden in Buchenwald grunds\u00e4tzlich der Strafkompanie Steinbruch zugeteilt, was den meisten innerhalb kurzer Zeit das Leben kostete. Ersch\u00f6pft, verhungert oder von den Kapos und der SS misshandelt und in den Tod getrieben \u2013 Rudolf sah keinen Ausweg. Doch er hatte Gl\u00fcck: ein kommunistischer Kapo, der wegen seiner Grausamkeit gef\u00fcrchtet war, nahm sich des zarten, h\u00fcbschen Jungen an und machte ihn \u2013 obwohl selbst heterosexuell \u2013 zu seinem \u201ePuppenjungen\u201c. F\u00fcr sexuelle Dienste erhielt Rudolf Extrarationen Essen und wurde auch bald von der Strafkompanie in eine andere Abteilung versetzt. Als gelernter Dachdecker war er eine gesuchte Fachkraft und konnte so, wieder unter dem Schutz eines Kapos, \u00fcber drei Jahre im KZ Buchenwald \u00fcberleben. Die Grausamkeiten und Gewaltexzesse der Nazischergen, die H\u00e4ftlinge, die im Krankentrakt verschwanden und nie wieder auftauchten (weil sie zu medizinischen Versuchen missbraucht oder einfach \u201eabgespritzt\u201c \u2013 mit Gift ermordet \u2013 wurden), das Bild des Geliebten, den er tot \u2013 nackt und misshandelt \u2013 auf einem Leichenberg wiederfand, gruben sich tief ins Ged\u00e4chtnis von Rudolf Brazda ein. Nach der Befreiung ging er mit seinem \u201eFreund\u201c, dem heterosexuellen Fernand, mit dem ihm im KZ eine lebensrettende Freundschaft verband, ins franz\u00f6sische Elsass, in dem Homosexualit\u00e4t nicht strafbar war (in Deutschland blieb hingegen der \u00a7175 in seiner versch\u00e4rften Nazifassung bis 1969 g\u00fcltig). Aus einem gemeinsamen Leben mit Fernand wurde nichts, doch lernte der lebensbejahende Rudolf mit Edi bald einen neuen Mann f\u00fcrs Leben kennen, mit dem er mehr als 50 Jahre Haus und Bett teilte, bis dieser 2003 verstarb. Obwohl bereits 95 machte Rudolf Brazda einen weiteren mutigen Schritt und ging mit seiner Lebensgeschichte in die \u00d6ffentlichkeit. Und wieder hatte er Gl\u00fcck: Er fand in Alexander Zinn einen Biografen, der nicht nur eine seri\u00f6s recherchierte Lebensbeschreibung vorlegt, sondern auch ein ersch\u00fctterndes und ber\u00fchrendes Dokument eines fast 100-j\u00e4hrigen Lebens, in dem sich die Geschichte schwuler M\u00e4nner und ihrer Verfolgung spiegelt.<\/p>\n<p><strong>Alexander Zinn: \u201eDas Gl\u00fcck kam immer zu mir\u201c. Rudolf Brazda \u2013 das \u00dcberleben eines Homosexuellen im Dritten Reich. Frankfurt: Campus 2011. 356 Seiten, \u20ac 25,60<\/strong><\/p>\n<p>Erh\u00e4ltlich bei\u00a0<a href=\"http:\/\/www.loewenherz.at\/index_lw_nr.php?LWNR=7443\">Buchhandlung L\u00f6wenherz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<![CDATA[]]>\t\t<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[267,271,272,275],"tags":[338,462,307,304,319],"class_list":["post-11267","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-qwien-books","category-literature-archive","category-qwien","category-qwien-tipp","tag-homophobie","tag-konzentrationslager","tag-nationalsozialismus","tag-rezension","tag-verfolgung","grve-entry-item","grve-blog-item"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Das Gl\u00fcck kam immer zu mir&quot; 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