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Queer History Day 2018

Verfasst von am 3. Mai 2018 – 12:53Kein Kommentar

In diesem Jahr findet der Queer History Day (QHD) bereits zum fünften Mal statt – ein kleines Jubiläum, das wir zum Anlass nehmen, um neue Wege zu beschreiten. Das Jahr 2018 ist ein wichtiges Gedenkjahr für die Republik Österreich, es soll der Jahrestage 1918, 1938 und 1968 gedacht werden. Deshalb stellen wir auch den QHD unter dieses Motto 1918 – 1938 – 1968: Wegmarken auf dem Weg zur Befreiung? und haben dazu Wissenschaftler_innen aus dem deutschsprachigen Raum eingeladen, um in Vorträgen diese historischen Wegmarken auf ihre Bedeutung für die LGTBI*-Community zu befragen.

Sky Lounge mit Blick über Wien, Foto: Universität Wien

So widmet sich ein Vortrag dem Gründungsjahrzehnt der Republik ab 1918 und untersucht dabei, ob sich mit der republikanischen Verfassung etwas für gleichgeschlechtlich Begehrende geändert hat und wie sich das schwul/lesbische Leben in der Ersten Republik entwickeln konnte. Der Terror des NS-Regimes gegen Homosexuelle ab 1938 wird unter dem Blickwinkel des Gedenkens betrachtet, weil es 2018 auch weitere Fortschritte in der Planung eines Mahnmals für diese Opfergruppe geben wird. Und zu 1968, dem Jahr der in Österreich kaum stattgefundenen Studentenrevolte und dem Befreiungsschlag der „sexuellen Revolution“, wird zu diskutieren sein, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Emanzipation der Schwulen und Lesben beförderten.
In drei etwa 30-minütigen Vorträgen werden diese Themenblöcke erörtert und in einer anschließenden Diskussion auf Bezüge zum republikanischen Gedenkjahr 2018 befragt. Zum Jubiläum sind wir in der repräsentativen Sky Lounge der Universität Wien zu Gast. Der QHD 2018 wird vom Zentrum QWIEN in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Universität Wien veranstaltet und von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen (WASt) gefördert.

Ablauf und Programm
14.00 14.30 Uhr
Begrüßung durch o. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schmale, Institut für Geschichte der Universität Wien
Begrüßung durch Stadtrat Mag. Jürgen Czernohorsky, Stadtrat für Bildung, Integration, Jugend und Personal

Andreas Brunner, Foto: Peter Hiller

14.30 – 15.00 Uhr
Mag. Andreas Brunner (Wien)
Vergebliche Versuche. Gescheiterte Bemühungen einer Entkriminalisierung von Homosexualität in der Ersten Republik
Im Gegensatz zu Berlin, das in den „Goldenen Zwanzigerjahren“ als Eldorado für homosexuelle Frauen und Männer sowie Transvestit*innen, wie der geläufige Ausdruck damals war, galt, war Wien, die ehemalige kaiserliche Residenzstadt und das geistige Zentrum des Fin-de-Siècle, nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs alles andere als der Nabel der „queeren“ Welt. Verarmt und von politischen wie gesellschaftlichen Machtkämpfen zerrissen, standen in Wien Bemühungen um eine Reform des Sexualstrafrechts unter einem schlechten Stern.
Zudem fehlte es in Wien an einer zentralen wie populären Leitfigur für eine in Ansätzen aufkeimende Homosexuellenbewegung, wie sie Berlin in der Person von Magnus Hirschfeld hatte, der regelmäßig zu heftig diskutierten und von den Nationalsozialisten gestörten Vorträgen nach Wien kam. Die Allianz von Antisemitismus, Homophobie und Ausgrenzung von Minderheiten war auch in den 1920er-Jahren Teil der politischen Realität Österreichs.
Trotzdem gab es in Österreich oft in den Ansätzen steckenbleibende Versuche zu einer Abschaffung des homosexuelle Handlungen zwischen Frauen und Männern verfolgenden Paragrafen 129 Ib StG., der für das „Verbrechen der Unzucht wider die Natur“ seit mehr als einem halben Jahrhundert Kerkerstrafen androhte. Diese Bestrebungen werden im Zuge des Vortrags im Zusammenhang der politischen Entwicklung der Ersten Republik behandelt. Dabei wird die Darstellung einer lebendigen Subkultur nicht zu kurz kommen. Sicherlich war Wien kein Eldorado, Schwule und Lesben fanden aber auch hier ihre Freiräume und Möglichkeiten der Begegnung, Vernetzung und des Vergnügens.

15.15 – 15.45 Uhr
Dr.in Corinna Tomberger (Berlin)
Historisches Erbe, politischer Antrieb: Die Schwulen- und Lesbenbewegung und die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung

Corinna Tomberger

„Totgeschlagen totgeschwiegen“ lautet die Inschrift auf dem Gedenkstein für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte Mauthausen. Die homosexuellen Initiativen Österreichs setzten dort 1984 das weltweit erste Erinnerungszeichen für die verfolgten Homosexuellen. Die Erinnerung an die Verfolgung wie auch die Rehabilitierung der ehemaligen Verfolgten waren und sind wichtige politische Anliegen der österreichischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Ihren Protest gegen die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung der Verfolgung trugen die Aktivist*innen ab den 1980er Jahren mit vielfältigen Aktionen in die Öffentlichkeit. Auf diese Weise wollten sie nicht zuletzt auf die anhaltende rechtliche und soziale Diskriminierung Homosexueller in Österreich aufmerksam machen.
Inzwischen sind die Sonderparagraphen gegen Homosexuelle des Österreichischen Strafgesetzbuchs aufgehoben; die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen wurden rechtlich rehabilitiert. 2005 schrieb die Stadt Wien erstmals einen Wettbewerb für ein Mahnmal zum Gedenken an die homosexuellen und transgender Opfer des Nationalsozialismus aus, das jedoch nicht realisiert wurde. Aktuell wird erneut die Errichtung eines Wiener LGBTIQ-Gedenkzeichens vorbereitet.
Welche Bedeutung hatte die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung für die frühe Schwulen- und Lesbenbewegung der Zweiten Republik? Inwiefern hat sie das Selbstverständnis und die politischen Aktionen der homosexuellen Emanzipationsbewegung geprägt? Mit besonderem Augenmerk auf diese Fragen streift der Vortrag durch die österreichische Bewegungsgeschichte von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart.

16.00 – 16.30 Uhr
Ao. Univ. Porf. Dr.in Ingrid Bauer (Wien/Salzburg)
Die Sexuelle Revolution, „1968“ und die Anfänge der Lesben- und Schwulenbewegung
Die sogenannte Sexuelle Revolution und der antiautoritäre Protestelan der 1968er Jahre haben das gesellschaftliche Klima nachhaltig in Richtung Liberalisierung und Demokratisierung verändert und damit auch den Boden bereitet für ein Umdenken gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe. Die ‚linke‘ Studentenbewegung heftete die sexuelle Befreiung auf ihre Fahnen und sah darin einen wichtigen Motor für eine freie Gesellschaft. Die auf Umfragen basierenden Kinsey-Reports des gleichnamigen US-amerikanischen Sexualforschers, die 1954/1955 auch in deutscher Sprache veröffentlicht worden waren, ließen erstmals die gesamte Bandbreite tatsächlich praktizierten menschlichen Sexuallebens erkennen. Sie relativierten damit die nach wie vor verbreitete sexualkonservative Moral und trugen dazu bei, gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität aus ihre Tabuisierung herauszuholen. Der spontane und massive Widerstand gegen Polizeiwillkür bei einer Razzia im New Yorker Stonewall Inn im Jahr 1969 wiederum gilt als – international ausstrahlende – Geburtsstunde für ein Entstehen von selbstbewusster schwuler und lesbischer Identität als politischer Kraft.

Ingrid Bauer, Foto: Stadt Salzburg

Ein Meilenstein für frauenliebende Frauen und männerliebende Männer war die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Sexualität unter Erwachsenen ab Ende der 1960er Jahre in vielen europäischen Ländern. In Österreich wurde die Aufhebung des Totalverbots 1971 umgesetzt, was wenige Jahre später erste schwule und – eingebettet in die autonome Frauenbewegung – erste lesbische Gruppierungen entstehen ließ und gegen Ende des Jahrzehnts dann auch in Österreich eine wirkungsvolle soziale Bewegung gegen weiterbestehende antihomosexuelle Strafrechtsbestimmungen und gesellschaftliche Diskriminierung.
Ausgehend vom eingangs skizzierten komplexen gesellschaftlichen Hintergrund wird im Vortrag ein Streifzug durch die Anfänge, Anliegen, Forderungen, Ziele, Strategien und Erfolge der österreichischen Lesben- und Schwulenbewegung gemacht, mit Blick auf die Wechselwirkungen zwischen allgemeinen Trends einer Demokratisierung und Liberalisierung und kämpferischem Engagement.

Nach den Vorträgen soll es jeweils eine Viertelstunde für Fragen, Diskussion und eine kurze Pause geben.

Freitag, 8. Juni 2018, 14.00 – 17.00 Uhr
Sky Lounge der Universität Wien
Oskar-Morgenstern-Platz 1, Dachgeschoß
1090 Wien
Eintritt frei, Anmeldung erwünscht unter: qhd@qwien.at

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