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1945 Schauplatz Wien

Das aktuelle Forschungsprojekt von Ines Rieder, das mit einem Vortrag unter dem Titel Durch dick und dünn bereits öffentlich vorgestellt wurde, erforscht das Schicksal lesbischer Frauen, die in der NS-Zeit im Untergrund als U-Boote versteckt, mithilfe ihrer Freundinnen überlebt haben. Das Forschungsprojekt wurde aus Mittel des Queeren Kleinprojektetopfs der Wiener Antidiskriminierungsstelle unterstützt.

Wien 1945, eine Stadt, die den Austrofaschismus und das Naziregime hinter sich hat, die Jahre der Besatzung  und des wirtschaftlichen Aufschwungs vor sich. In all diesen Jahren war Wien auch eine Stadt, mit einer lesbischen Bevölkerung, die trotz des Totalverbots (der seit 1852 gültige § 129 I b war bis 1971 wirksam) in dieser Stadt lebte und liebte.

Der § 129 I b ist sicherlich einer der Hauptgründe warum es so schwer ist, von Frauen, die damals ihre Liebe zu Frauen gelebt haben, mehr in Erfahrung zu bringen. Nur wenige erzählten darüber – sei es mündlich oder schriftlich – und das wenige, was wir sonst noch in Erfahrungen bringen konnten, stammt oft aus Akten, wo Frauen durch die verschmutzte Brille der Justiz gesehen, beschrieben und bewertet werden.

Ende der 1970er Jahre sprach die Schauspielerin Dorothea Neff  zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über die Tatsache, dass sie ihre jüdische Freundin Lilli Wolff in den Jahren 1942 bis 1945 in ihrer Wohnung in der Annagasse versteckt hatte. Dass diese Beziehung auch eine lesbisch war, darüber sprach sie nicht, genauso wenig wie sie darüber sprach, dass sie von einem befreundeten lesbischen Paar aus Köln unterstützt wurde und dass diese Beziehung auseinanderbrach, weil Dorothea Neff 1944 die Schauspielerin Eva Zilcher kennen lernte.

Es gab außer Lilly Wolff noch andere lesbische U-Boote. (Während der Nazizeit versteckte Jüdinnen und Juden werden als U-Boote bezeichnet.) Bei einigen ist es auf Grund von Gestapo Einträgen zu vermuten, andere wurden bei der Durchsicht der Strafgerichtsakte nach 1945 bekannt.  Um eine genauere Anzahl von lesbischen U-Booten zu eruieren, wäre es allerdings notwendig die U-Boote, die nach dem Krieg in Österreich aufgetaucht sind, genauer zu untersuchen.

In den Akten des Wiener Straf-und Landesgerichts I, gibt es zwei Fälle,  in denen auch das Überleben als U-Boote während des Naziregimes thematisiert werden. In einem Fall handelt es sich um eine Schwindlerin, die vorgibt als Jüdin ihre Familie in den KZs verloren zu haben und selbst mit Hilfe einiger Freundinnen als U-Boot überlebt zu haben. Sie wollte damit zu einer Reihe von Vergünstigungen kommen, die Jüdinnen und Juden in der Nachkriegszeit gewährt worden waren.

Im anderen Fall handelt es sich um ein älteres Frauenpaar – Selma F. und Rosa L. – die seit 1928 in Wien zusammenwohnten. 1939 flohen sie zusammen in Rosa Links Geburtsstadt Znaim, wo Rosa zuerst Selma und dann noch zwei weitere rassisch verfolgte Menschen versteckte und sie die NS-Zeit überleben konnten.

Die beiden Frauen über die der Gerichtsgutachter schrieb, dass sie „durch Dick und Dünn“ füreinander gehen, sorgten nach ihrer Rückkehr nach Wien im Jahre 1945 eigenhändig dafür, dass ihnen das Unrecht, welches ihnen im Jahre 1938 in Wien angetan wurde, wieder gut getan wurde. Da der österreichische Staat ab 1948 wieder verschärft Eigentumsdelikte zur Anzeige brachte, wurden auch Anzeigen gegen Selma F. eingebracht. Dass es bei den Verhören und dem Prozess im Jahr 1951 nicht nur um das Unmittelbare ging, sondern auch um die politische Gesinnung in Österreich der 1930er und 1940er Jahre, macht die Geschichte dieses Frauenpaars besonders spannend.

Vortrag: Durch dick und dünn. Lesbische U-Boote, Solidarität und Überleben in Kriegszeiten von Ines Rieder

25. Oktober 2011, 19.00 Uhr, Das Gugg, Heumühlgasse 24, 1040 Wien

15. Dezember 2011, 19.00 Uhr, Feel Free, Annenstraße 26, 8020 Graz