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Was treibt Schwuchteln an?

Verfasst von am 27. Februar 2012 – 13:22Kein Kommentar

In der neuen Reihe Die Besten veröffentlichte der Bruno Gmünder Verlag Larry Kramers Roman Schwuchteln, der schon bald nach Erscheinen von der Gegenwart überholt wurde aber durchaus auch heute noch aktuell ist.

2.556.596 Schwuchteln gäbe es im Großraum New York, behauptet der Erzähler der Geschichte von Fred Lemish und einiger seiner Freunde, mit der der heute 77-jährige US-amerikanische Autor und Dramatiker Larry Kramer der schwulen, hedonistischen Spaßgesellschaft Ende der 1970er Jahre einen Spiegel vorhielt. Folgerichtig setzt er mit einer Aufzählung der wichtigsten Partylocations fort und beginnt alle möglichen und vorstellbaren Arten sexuellen Paarungsverhaltens von Schwulen durchzudeklinieren. Bevor sich die wirklich hippe (und natürlich reiche) schwule Society zum sommerlichen Bade- und Fickvergnügen in die Dünen, Wälder, Villen oder Clubs von Fire Island zusammenfindet, lässt man bei diversen Abschiedspartys in Manhattan noch einmal ordentlich die Sau raus.

Larry Kramer (c) David Shankbone/Wikimedia

Fred ist in diesem Geflirte, eitlem Stolzieren (ob in Leder oder Feder ist dabei völlig nebensächlich) und Geficke ein Fremdkörper, denn er sehnt sich nach seiner großen Liebe Dinky, der sich im Laufe des ersten Fire Island Wochenendes aber eher als perverses Sexluder denn als Typ für die Traumpartnerschaft entpuppt. Obwohl Fred auch nichts anbrennen lässt: 87 Dates mit Orgasmus zählt sein Sextagebuch, wobei diverse Begegnungen in Badehäusern oder am Strand nicht mitgezählt sind. Nur zwei von ihnen hat er ein zweites Mal getroffen. Promiskuität ist in der Schwulenszene der Zeit Programm.

Das sollte sich ändern: Wenige Jahre nach Erscheinen seines wütenden Rundumschlags gegen schwule Partysucht und sexuelle Selbstentäußerung schrieb Kramer sein Aids-Drama The Normal Heart. Die Party war vorbei. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Roman erst heute einen deutschsprachigen Verlag gefunden hat. In den ersten Jahren der Aids-Krise hätte sich im deutschsprachigen Raum wohl kaum ein Publikum für Kramers bissige Hedonismussatire gefunden. Ist die Zeit heute gekommen? Und wie sieht es aus mit der Bewandtnis des Werks für die Gegenwart? Gerade in der schwulen Partystadt Berlin, die auch die Heimat des Bruno Gmünder Verlags ist?

Abgesehen davon, dass heute wahrscheinlich noch mehr Schwuchteln in New York leben, als Kramer vor mehr als dreißig Jahren zu zählen wähnte, könnte der Roman auch heute spielen. Wenig hat sich am Party- und Sexverhalten vieler Schwuler geändert. Aids hin oder her. Mit seinen neununddreißig Jahren war Kramers Held Fred in den 1970er Jahren kurz vor Torschluss, heute wäre das nicht anders, außer er spezialisierte sich auf einen speziellen Fetisch, da zählen andere Qualitäten als das schwule Verfallsdatum. Körperkult einst wie heute, Drogen (außer dass ein paar Neue dazugekommen sind und einige inzwischen aus der Mode sind), die Clubs, Discos und Bars – nur das Interieur und die musikalische Beschallung haben sich geändert. Ein durchaus zeitgemäßes Buch also, wenn man bedenkt, dass es 1978 erstmals erschienen ist.

Und trotzdem nervt Kramer mitunter, wenn seine ja durchaus berechtigte Kritik am schwulen Hedonismus gar moralinsauer wird und er auf literarisch macht und stilistische Mittel wählt, die in jedem Literaturseminar über den Roman der Moderne gelehrt werden, wie er gerne Namen von Bars oder unzähliger Drogen aufzählt wie einst Döblin die Berliner Straßennamen. Und trotzdem ist es ein Verdienst des Verlags, dass er diesen Roman einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht. Er ist einer der wichtigsten schwulen Romane der Zeit zwischen Stonewall und Aids. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung stürzten sich die befreiten Schwulen ins Vergnügen, kosteten vom süßen Nektar der sexuellen Lust in vollen Zügen. Doch die zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelten sich dabei nicht mit, wie Kramer kritisiert, wenn er seine in oberflächliche und rein sexuelle Beziehungen verstrickten Figuren im Grunde oft einsam bleiben lässt. Unverhohlen griff Kramer einflussreiche schwulen Männer an, die sich trotz ihrer sozialen Stellung nicht zu ihrer Sexualität bekannten, auch dies ein typisches und „heißes“ Thema der 1970er, das mit Outing-Kampagnen in der Aids-Krise eine Zuspitzung erfahren sollte.

Soziale Netzwerke sind in dieser Welt, die natürlich auch damals nur ein Ausschnitt der schwulen Welt war, den Kramer ins Rampenlicht rückte, praktisch nicht existent. Doch sie sollten es in der Aids-Krise bald werden – und es ist der große Verdienst einer Community, der auch Larry Kramer angehörte, dass diese überlebenswichtigen Netzwerke in Windeseile entstanden. Aber darüber schriebt Kramer andere Bücher. Seine Schwuchteln waren es auf jeden Fall wert, in die Reihe Die Besten aufgenommen zu werden, denn der Roman ist mehr als ein literarisches Dokument aus den 1970ern sondern auch eine gelungene Satire auf einen auch heute noch/wieder praktizierten schwulen Lifestyle.

Larry Kramer: Schwuchteln. Berlin: Bruno Gmünder 2011, € 13,31

Erhältlich bei Buchhandlung Löwenherz

 

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