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Von lesbischen Vampirinnen und schwulen Fundstücken

Verfasst von am 9. Mai 2012 – 11:06Kein Kommentar

Über Carmilla, eine „lesbische“ Vampirin, die zum Vorbild für Bram Stokers Dracula wurde und über zwei neue Bände der schon klassischen Bibliothek rosa Winkel.

Gerade rechtzeitig zum 100. Todestag von Dracula-Erfinder Bram Stoker veröffentlichte der kleine Wiener Zaglossus Verlag eine Neuübersetzung von Carmilla des englischen Autors Joseph Sheridan Le Fanu. In einem einsam gelegenen Schloss in der Steiermark lebt ein englischer Adeliger mit seiner 18-jährigen Tochter Laura, die unter dem eintönigen Schlossleben leidet, bis ihr der Unfall einer Kutsche eine gleichaltrige Freundin beschert. Da ihre Mutter vorgibt, ihre Reise unbedingt fortsetzen zu müssen, verbleibt Carmilla für geplante drei Monate in der Obhut der Familie. Ein eigenartiges Mädchen, das sich Laura zärtlich nähert.

Das ist es aber auch schon bei Le Fanu, der in den Konventionen des 19. Jahrhunderts erzählt (man darf sich also keine direkt lesbische Liebesgeschichte erwarten, wie auch Erzählduktus und Sprache die Entstehungszeit wiederspiegeln), obwohl sich der Autor des Skandalpotentials seiner Geschichte durchaus bewusst ist. In einem Prolog spricht er vom „seltsamen Thema“ der Erzählung, das „nicht unwahrscheinlich manche der obskursten Geheimnisse unserer dualistischen Existenz und ihrer Zwischenräume enthält“. Für 1872, das Jahr der Veröffentlichung, eine recht deutliche Anspielung auf Vorstellungen der Sexualwissenschaft seiner Zeit.

Und natürlich ist es auch kein positives Bild, das Le Fanu von diesem Begehren (ich nenne es bewusst nicht lesbisch) zeichnet, wenn er dieses mit der untoten (unchristlichen) Existenz der Vampirin verknüpft, wie die Übersetzerin Katja Langmaier in ihrem informativen Nachwort erläutert. Langmayers kritischer aber interessierter Blick auf diesen historischen Text mit all seinen Schwächen unterstützt dessen Lektüre, hilft Anspielungen mit Bedeutung zu füllen und den Text in einen historischen Kontext zu stellen, der weit über die gerade jetzt zum 100. Todestag von Bram Stoker oft erwähnte Vorbildwirkung für Dracula hinausreicht.

Zwei historische Wiederentdeckungen werden auch in der von Wolfram Setz betreuten Bibliothek rosa Winkel vorgestellt. Zwischen den Geschlechtern, eine schwule Erpressergeschichte mit dem pathetischen Untertitel Roman einer geächteten Leidenschaft, erschien unter dem Pseudonym Homunkulus, der gemeinhin mit dem Wiener Humoristen Robert Weil identifiziert wird. Allerdings fälschlicherweise, wie Wolfram Setz und Albert Knoll in ihrem Nachwort überzeugend nachweisen, ohne dabei aber einen Ersatzautor ausfindig zu machen, der eben das gleiche Pseudonym wie Weil verwendete. Dieser Homunkulus dürfte jedenfalls gute Informationen über die Münchner Szene zur Zeit der Romanhandlung gehabt haben, weshalb dem Roman Texte über das schwule München aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts beigegeben sind, die eine ideale Ergänzung zum manchmal doch etwas holzschnitthaften Roman bilden. Der Roman von Homunkulus ist heute vor allem ein Dokument unserer Geschichte, weil er Stimmungen einer längst vergangenen Zeit einfängt und so einen Subtext zu historischen Dokumenten und Texten herstellt.

Dokumentarischen Charakter gibt Friedrich Radszuweit in Männer zu verkaufen gleich selbst vor. Marktschreierisch nennt er seine Erpressergeschichte (ja schon wieder, was aber auch zeigt, welch dominante Stellung Erpressung im Leben homosexueller Männer hatte) einen Wirklichkeitsroman aus der Welt der männlichen Erpresser und Prostituierten. Mit seinem in mehreren Auflagen erschienenen Berliner Großstadtroman verfolgte Radszuweit aber auch politische Ziele, wie Jens Dobler im Nachwort erläutert. Als Zeitschriftenverleger dominierte Radszuweit einige Jahre den schwulen und lesbischen Markt und machte auch als Aktivist mit seinem Bund für Menschenrecht von sich reden, wobei beide Tätigkeiten und die damit verbundenen Interessen nicht immer voneinander zu trennen sind. Die Anbiederung an die politisch erstarkenden Nationalsozialisten endete bald mit dem Tod Radszuweits im Jahr 1932. Das Leben des Autors ist in diesem Fall fast so schillernd wie die von ihm geschilderte Szene.

Joseph Sheridan Le Fanu: Carmilla. Übersetzung und Nachwort Katja Langmaier. Wien: Zaglossus Verlag 2011 (erhältlich bei Löwenherz)

Homunkulus: Zwischen den Geschlechtern. Mit einem Nachwort von Wolfram Setz und Albert Knoll. Hamburg: Männerschwarm Verlag 2012 (Bibliothek rosa Winkel, Band 60) (erhältlich bei Löwenherz)

Friedrich Radszuweit: Männer zu verkaufen. Mit einem Nachwort von Jens Dobler. Hamburg: Männerschwarm Verlag 2012 (Bibliothek rosa Winkel, Band 61) (erhältlich bei Löwenherz)

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