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Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?

Verfasst von am 22. Juni 2012 – 12:13Kein Kommentar

Ines Rieder hat für QWIEN die spannende und materialreiche Biografie von Thomas Blubacher über des Geschwisterpaars Eleonora und Francesco von Mendelssohn gelesen.

„Vor allem aber ist Francesco von Mendelssohn der sicherlich exzentrischste glamorous boy der Weimarer Republik, der schillerndste Paradiesvogel der Berliner Gesellschaft – und zugleich ein prominentes Mitglied der schwulen Subkultur, immer gut für einen Skandal oder zumindest Anlass für eine Klatschgeschichte.“

Schloss Kammer am Attersee 2006, Foto Markus Wiederkehr (Wikipedia)

Dass der 1901 in Berlin geborene Francesco von Mendelssohn nicht nur zu einem hervorragenden Cellisten, sondern auch zu einer schillernden Figur der Berliner 20er Jahre werden konnte, verdankte er dem familiären Vermögen, den eigenen Talenten und dem großen Kreis inspirierenden Persönlichkeiten und FreundInnen, die ihn umgaben. Seine 1900 geborene Schwester Eleonora schillerte auf ihre Weise – in den 20er Jahren allerdings nicht in Berlin, sondern auf vielen deutschsprachigen Bühnen und obendrein hatte sie 1925 – gemeinsam mit einem ihrer späteren Ehemänner – das Schloss Kammer am Attersee erworben, wo sie bis zum Jahre 1938 Gastgeberin für die internationale queere Szene war.

Mittelpunkt des Berliner Treibens in den 20er Jahren war die Familienvilla im Grunewald, dort traf sich alles was im lesbischwulen Berlin einen Namen und einen Platz hatte. Dort „vermischte sich die Elite mit Strichjungen und Morphinisten“. Bekannt sind die Auftritte Francescos mit der Schriftstellerin Rut Landshoff – er in Abendkleid, sie in Smoking – und die unzähligen Feste in der Villa, meistens gemeinsam organisiert mit seinem Liebhaber, dem Pianisten Vladimir Horowitz, mit dem Francesco auch seine Vorliebe für muskulöse Jungs in Matrosenhemden teilte. Unter den unzähligen Anwesenden waren Erika und Klaus Mann, der Schauspieler Gustaf Gründgens – mit dem Francesco auch ein längere Beziehung hatte –die Bühnenbildnerin Mopsa Sternheim, die Autorin Annemarie Schwarzenbach, der Regisseur Veit Harlan, der in der Nazizeit eine steile Karriere machte und der zu Francescos engsten Freunden zählte.

Gustaf Gründens, Starpostkarte späte 1920er Jahre

Schwul/lesbisches Who-Is-Who

Ein kleiner Auszug aus der schwul/lesbischen-und-FreundInnen Gästeliste, die Nennung von noch mehr Namen würde den Rahmen dieser Rezension sprengen: Eddy Sackville-West, André Gide, Marc Allegret, René Crevel, Pablo Casals, Veit Harlan, Salka Viertel, Tilla Durieux, Fritz Kortner, Elisabeth Bergner, Yvette Guilbert, Harald Kreutzberg, Yvonne Georgi, Mechthilde Fürstin von Lichnowsky, Renée Sintenis, Curt Bois, Baronin Baby von Goldschmidt-Rothschild, Alfred Flechtheim, Hans Siemsen, Frieda G. Riess, Hubert von Meyerinck, Ramon Novarro, Victor Graf Henckel von Donnersmarck

Zur selben Zeit empfing Eleonora auf Schloss Kammer, u.a. Fritzi Massary, Max Pallenberg, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Werner Krauß, Rudolf Forster, Elisabeth Bergner, Richard Billinger, Bruno Frank, Carl Zuckmayer, Arturo Toscanini, Noel Coward, Mercedes de Acosta, Marlene Dietrich, Iris Tree, Friedrich Graf von Ledebur und Raimund von Hofmannsthal.

Ab 1933 beobachten Francesco und seine schwulen Freunde das Geschehen in Berlin aus dem einstweilen noch sicheren Exil in Paris. Zuerst kommentieren sie den Aufstieg des einst gemeinsamen Freunds Gustaf Gründgens zum Leiter des Preußischen Schauspiels, dann die Verfolgung von tausenden ihrer schwulen Freunde und Kollegen.

Rut(h) Landshoff 1927 auf einem Foto von Umbo

Auf Schloss Kammer empfängt Eleonora weiterhin Gäste. Die Geschwister Mann sind da, ebenso Marlene Dietrich, Horst P. Horst, der Liebhaber von Luchino Visconti, der mit Noel Coward verkuppelt werden soll, David Herbert, Cecil Beaton und Elisabeth Bergner, die von Eleonora umschwärmt wird. Aber schon 1935 machen sich die Geschwister in die USA auf, wo sie sich in New York niederlassen, verbringen aber bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch viel Zeit in Europa. In New York erwarb Francesco ein kleines Haus in der East 83rd Street, wo er, wie in Berlin zahllose Feste veranstaltete. Eleonore teilt in East 73rd Street ein Haus mit Annette Kolb und Rut Landshoff.

New Yorker Exil

Gesundheitlich geht es beiden Geschwistern nicht gut, Francesco trinkt zu viel und nimmt wie seine Schwester Tabletten und Morphin. An einer Überdosis stirbt Eleonore 1951 in New York – auch wenn sich über Jahre hartnäckig die Gerüchte halten, dass sie ermordet wurde. Nach Eleonores Tod verschlimmerte sich Francescos gesundheitlicher Zustand und er wird letztendlich in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Dort wird er mit den gängigen psychiatrischen Methoden der damaligen Zeit behandelt: Elektroschocks, Psychopharmaka und Lobotomie. Ab Herbst 1957 pflegt ihn Lilly Wittels, die Witwe Fritz Wittels gegen Bezahlung.

Ab 1960 reisen die beiden jeden Sommer nach Europa, wo er auch alte FreundInnen trifft, die über die Veränderungen in ihrem einstigen lebensfrohen, exzentrischen Freund entsetzt und traurig sind. Im September 1972 nach einer Krebsoperation stirbt Francesco, nachdem im Juni desselben Jahres Lilly Wittels gestorben war. Während Eleonoras Papiere der New York Public Library übergeben werden, fließt das verbleibende Geld der Mendelssohns in eine Foundation, die Geld an Musiker verleiht.

Anstatt auf die tausenden von Thomas Blubacher wunderbar beschriebenen Details in den Biografien der Geschwister Mendelssohn einzugehen, habe ich mich beim Schreiben dieser Rezension darauf beschränkt die Namen aufzuzählen, die in dieser Biographie eine Rolle spielen und deren eigene Lebensläufe, sowie die von Eleonora und Francesco, auf brutale Weise von den Nationalsozialisten unterbrochen, in anderen Fällen beendet und für ganz wenige aus ihrem Berliner Kreis einen Aufstieg brachten. So weckt mein Versuch die vielen Personen und Orten, die im Leben der Mendelssohn Geschwister eine Rolle gespielt haben und in denen vor allem sie eine Rolle spielten, zusammen zu stellen, hoffentlich den Appetit auf den 354 Seiten dieser Taschenbuchausgabe nachzulesen, wer wann wo mit wem unterwegs war.

Thomas Blubacher „Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?“ Die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn. Berin: Insel Taschenbuch 2012 (erhältlich bei Löwenherz)

 

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