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Körperschau 3

Verfasst von am 5. November 2012 – 09:083 Kommentare

Eine ideale, stille Ergänzung zu den beiden im MUQUA zu sehenden Ausstellungen ist die noch bis 2. Dezember in der ALBERTINA gezeigte : Körper als Protest.

Im Zentrum der von Walter Moser zusammengestellten Ausstellung mit Fotoarbeiten stehen die großformatigen Selbstporträts des britischen Fotografen John Coplans, in denen er seinen nackten und alternden Körper inszeniert. Coplans arrangiert großformatige, gestochen klare Aufnahmen von Teilen seines Körpers zu Kompositionen, die einmal Bewegung simulieren ein anderes Mal fast kontemplative Ruhe ausstrahlen. Er setzt seinen Körper den Blicken aus, die faltige Haut und das schlaffe Fleisch, hängende Pobacken und kraftlose Oberschenkel. In ihrer stillen Eindringlichkeit sind sie ein Kontrapunkt zu den Männerbildern, die in den beiden Ausstellungen im MUQUA gezeigt wurden. Dort einerseits ein Rundgang durch die Kunstgeschichte des nackten Mannes, daneben der das pralle Leben, Sex und Exzess zelebrierende Leigh Bowery, hier der ruhig fließende Blick auf den vergänglichen Leib.

John Coplans Frieze No. 6, 1994 (c) Albertina, Wien

Walter Moser, Kurator von Körper als Protest, zitiert am Beginn seines Katalogbeitrags Barbara Kruger: Your body is a battleground. In einem gewissen Sinn könnte dieser Satz als Motto über der Ausstellung stehen. Coplans Fotos protestieren gegen die herrschenden Normen und Ideale, die den männlichen Körper als jung, schön, makellos und unverwundbar definieren. Coplans stellt dem seine Verletzlichkeit entgegen und den ungeschönten Blick auf Verfall. Das verstört beim Betrachten der Bilder noch immer. Wir wollen nicht sehen, wie ein schlaffer Bauch fast über den Penis hängt, unter dem kraftlos Hoden baumeln, eingerahmt von struppig weißen Haarbüscheln. Zusätzlich irritiert die Fragmentierung. Wie David Hockney in seinen multiperspektivischen Fotocollagen montiert Coplans großformatige Schwarzweiß-Fotos von Körperteilen zu Ensembles, die aber nie einen vollständigen Körper ergeben und auch der Kopf wir nie gezeigt. Damit nimmt Coplans den Bildern auch die persönliche Ebene, es geht schlussendlich nicht um seinen Körper, es geht um einen alternden Männerkörper, den er in seinen Fotos mit bestechender Klarheit, meist hart in den Konturen abbildet.

Ishiuchi Miyako 1906#38 (c) Courtesy by The Third Gallery Aya

Ganz anders wirken die Fotos der japanischen Fotografin Ishiuchi Miyako vom greisen Körper des Tänzers Kazuo Ohno. Sieht man bei Coplans jede Falte, jeden Pigmentfleck der Haut, jedes Haar hat Ohnos Haut eine pergamenten fragile Textur, die dem Körper des Tänzers eine fast magische Zerbrechlichkeit verleiht. Den Zeitläuften enthoben scheint er, Alter ästhetisch der Zeit enthoben. Die muskulösen Körper in den Fotos von Robert Mapplethorpe und der offensive Blick homosexuellen Begehrens stehen zu Coplans und Miyakos in hartem Kontrast, wüsste man nicht auch, dass diesen Bildern der Verfall inne wohnt. Von der Aids-Krise bedroht wird der unversehrte männliche Körper zum erträumten Wunsch- ja Hoffnungsbild, gleichzeitig wir das begehrte Lustobjekt zum potentiellen Todbringer.

Robert Mapplethorpe Thomas, 1986 © Robert Mapplethorpe Foundation

Vito Acconci Performance Openings greift – früh für 1970 – Genderfragen auf. In einer endlos erscheinenden starren Einstellung sieht man wie sich Acconci die Haare rund um seinen Nabel ausreißt, bis seine Haut im Bildausschnitt ganz glatt ist und auch als Bauch einer Frau gesehen werden könnte. Hände stellen in den Fotos von Ketty La Rocca einen Beziehungskrieg nach, sie werden zum Material wie Haut und Fleisch bei Bruce Naumann bloß Ausgangsbasis für seine Gesichtsdeformationen sind. Ein großformatige Fotoarbeit Hannah Villiger stellt ein weibliches Gegenstück zu John Coplans Körperbildern dar. Sie fragmentiert den weiblichen Körper komplett, oft ist nur vage erahnbar, welche Körperteile sie abgelichtet hat. Die in großen Blöcken arrangierten Körperfragmente verunmöglichen einen erotischen Blick auf den weiblichen Körper, entziehen ihn der Betrachtbarkeit.

Noch bis Anfang Dezember in der Albertina. Nicht versäumen!

Weitere Infos zu der Ausstellung und zu den Öffnungszeiten hier.

Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung Nackte Männer siehe Körperschau 1 und von XTRAVAGANZA staging Leigh Bowery siehe Körperschau 2

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3 Kommentare »

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