QWIEN studies

informiert über unsere aktuellen Forschungsprojekte zur schwul/lesbischen Geschichte Wiens und Österreichs.

QWIEN books

Das QWIEN-Team liest für Sie aktuelle Neuerscheinungen aus der schwul/lesbischen Belletristik und Fachliteratur.

QWIEN tipp

Was läuft in Wien und auf der Welt? Tipps zu Filmen, Theater, Ausstellungen, Kunst, Musik, Wissenschaft und mehr.

QWIEN guide

Historische Spaziergänge durch das schwule und lesbische Wien. Aktuelle Termine, Routen, Infos für Gruppen.

QWIEN friends

Mit Ihrem Mitgliedsbeitrag bei QWIEN friends unterstützen Sie Ankäufe für die wissenschaftliche Bibliothek von QWIEN.

start » QWIEN, QWIEN books

Ein Jahrhundertleben

Verfasst von am 11. März 2013 – 20:17Kein Kommentar

Dem engagierten Zaglossus Verlag ist es zu danken, dass die Lebensgeschichte von Sidonie C. wieder nachzulesen ist. Die Biografie ist weit mehr als die Geschichte von Sigmund Freuds lesbischer Patientin, sie erzählt ein Jahrhundertleben.

Sidonie/Gretl als junge Frau

Als das Buch unter dem Titel Heimliches Begehren 2000 erstmals erschien, war die Heldin der von Ines Rieder und Diana Voigt verfassten Biografie kaum ein Jahr tot, verstorben in ihrem 100. Lebensjahr. Damals entschieden sich die Autorinnen für ein Pseudonym, aus Margarethe „Gretl“ Csonka-Trautenegg wurde Sidonie „Sidi“ Csillag-Weitenegg. Heute erzählt Ines Rieder in ihrem Nachwort von den Gesprächen und Diskussionen um Sinn und/oder Notwendigkeit dieser Pseudonymisierung, die sie bis zu ihrem Tod 2009 mit ihrer Co-Autorin Diana Voigt führte. In zahlreichen Gesprächen mit Gretl hatten sie ihre Geschichten festgehalten und mit Materialien aus Recherchen in Literatur und Archiven zu einer prallen Lebensgeschichte verdichtet, die ein ganzen Jahrhundert abdeckt.

Leben im Vergangenen

In Gretl Csonkas Biografie wird aber nicht nur aufgrund dieser nummerischen Koinzidenz von einem Jahrhundertleben erzählt, Gretl war eine fast prototypische Repräsentantin einer Schicht und einer Lebenshaltung, die untergegangen ist. Sie kam aus einer Welt, in der sie noch selbstverständlich von Dienstboten sprach, wie Ines Rieder anmerkt, denn sie wurde in eine wohlhabende, assimilierte jüdische Industriellenfamilie mit Kontakten zu den führenden Kreisen der damaligen Gesellschaft hineingeboren und dementsprechend erzogen. In ihrem bewegten Lebens wird ihr dieser Habitus Stütze sein, selbst wenn er in dramatischsten Situationen ihres Lebens von außen betrachtet befremdend wirkt. Da sie sich erst spät zu einer Emigration nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Wien entschloss, wohl weil sie für sich die rassistische Definition als „Jüdin“ nicht akzeptieren wollte und deshalb auch die Gefahr nicht entsprechend wahrnahm, waren die Wege in den Westen (nach Frankreich oder England) schon dicht. Ihr gelang aber die Flucht über den Osten mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland.

Noch hatte sie Geld, reiste erster Klasse, genoss russischen Kaviar, der „ihr oft alle Mahlzeiten ersetzte“ und echauffierte sich über „die Farbe der Tischtücher“ im Speisewagen. Auch später im Exil, wenn die finanziellen Möglichkeiten nicht mehr reichten, würde sie ihr aufrechter Gang über viele Widrigkeiten blicken lassen. Sie blieb im Innersten immer eine Dame aus einer vergangenen Epoche. Noch im hohen Alter verabscheute sie jeden Filmkuss, weil sich eine so offene Zuschaustellung von Begierde in ihren Augen verbat. Doch die Geschichte von Sidonie C. erzählt noch von mehr als einen immer dem Schein verpflichteten Leben – gebrochen durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen ihres Jahrhunderts.

Sidonie/Gretl in hohem Alter

Persönlicher Blickwinkel

Einen interessanten Blick auf die „große Geschichte“ lassen Gretls Schilderungen des gerade in den letzten Tagen wieder im medialen Interesse stehenden „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 zu. Ihr Mann, ein ausgedienter k.u.k. Militär aus nun verbotenem adeligem Haus, diente sich zuerst den Austrofaschisten an, um dann problemlos in die „neue“ Ordnung zu rutschen. Die jüdische Ehefrau war jedoch bei den sich nun ergebenden Karrierechancen des Anschlussgewinnlers im Weg. Gretl bot ihrem von ihr sowohl verachteten als auch geschätzten Mann sogar eine Proforma-Scheidung an, im Glauben, dass der Nazi-Spuk ohnehin bald vorbei wäre. Die Ehe wurde aber nicht geschieden, sondern für nichtig erklärt, weil ein neues Gesetz vorsah, dass „Mischehen“ annuliert werden, wenn ein/e Ehepartner/in vor der Hochzeit der/dem Anderen die Angehörigkeit zur „jüdischen Rasse“ verschwiegen hatte. Da ihre jüdische Herkunft für Gretl nie ein Thema war, hatte sie natürlich mit ihrem Ehemann nicht darüber gesprochen. Und so war sie von einem auf den anderen Tag plötzlich wieder unverheiratet, so als hätte es die nicht immer konfliktfreien Ehejahre nie gegeben.

Die Biografie von Gretl Csonka, alias Sidonie C., erzählt – und das ist selten genug – von einem lesbischen Leben, gegen alle Widerstände, von heimlichen Lieben und großen Skandalen. Oft wird ihr Leben auf eine Episode reduziert, auf vier Monate, die sie dem Wunsch ihres Vaters entsprechend auf Sigmund Freuds Couch verbrachte, um ihre Homosexualität zu behandeln. Auf eine gewisse Art trotzig verteidigte sie ihr gleichgeschlechtliches Begehren, gegenüber Freud, den sie für einen Trottel hielt, und ihren Eltern, aber sie hatte die ablehnende öffentliche Meinung über Homosexuelle auch tief internalisiert. Fast ihr ganzes Leben lang war neben der Drohung durch den § 129Ib, der „Unzucht wider die Natur“ mit bis zu fünf Jahren schweren Kerker bestrafte, vor allem die aus einer Entdeckung und Verurteilung resultierende gesellschaftliche Ächtung ein Damoklesschwert, das Gretl zur Vorsicht drängte.

Zwischen der lesbischen Boheme im Berlin der Zwanziger Jahre und den Entbehrungen des Exils changiert dieses Leben der Margarethe Csonka, das Ines Rieder und Diana Voigt vor mehr als zehn Jahren zu einem Buch gemacht haben. Endlich ist es wieder lieferbar. Wir wünschen ihm viele Leser_innen!

Am 20. März wird „Die Geschichte der Sidonie C.“ um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Löwenherz präsentiert.

Ines Rieder/Diana Voigt: Die Geschichte der Sidonie C. Sigmund Freuds berühmte Patientin. Wien: Zaglossus 2012 erhältlich bei Löwenherz

Print Friendly, PDF & Email

Und was sind Ihre Gedanken? Lassen Sie uns daran teilhaben.

Sie müssen angemeldet sein, um Kommentare zu veröffentlichen.