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Queering Gay Pride

Verfasst von am 29. Oktober 2013 – 22:18Kein Kommentar

Die Wiener Aktivistin und Queer-Theoretikerin Marty Huber hinterfragt die CSD-Paraden als Lackmustest für die Liberalität einer Gesellschaft. Ein lesenswertes Buch findet einer der Gründer der Regenbogen Parade.

Wer in queerer Theorie nicht sattelfest ist, sollte dem Rat der Autorin folgen und erst bei Kapitel 5 in die Lektüre einsteigen, denn die ersten hundert Seiten sind harte Kost. Hubers theoretische Überlegungen erschließen sich an den Beispielen der untersuchten Paraden viel einfacher. Der Einstieg in Kapitel 5 erfolgt mit einem historischen Rückblick auf die Geburtsstunde aller Paraden weltweit: die Unruhen in der Christopher Street in New York Ende Juni 1969, als die Polizei in der Bar Stonewall Inn eine Razzia durchführte und dabei auf unerwarteten Widerstand stieß. Das Stonewall Inn war eine von der Mafia kontrollierte Bar, in dem vor allem Schwarze, Sexarbeiter_innen, Drag Queens, Transsexuelle und Lesben zu Gast waren. Der bürgerliche, großteils weiße, schwul/lesbische Mittelstand, wie ihn die Mattachine Society repräsentierte, mied eine Spelunke wie das Stonewall Inn, wie auch ihr Protest gegen die homosexuellenfeindlichen Gesetze in sehr zivilisierten Bahnen ablief.

Stonewall Inn 1969 (Quelle: Wikipedia)

Zivilisiert würde ich die Randale in der Christopher Street hingegen nicht nennen und Marty Huber zeichnet ein genaues Bild, wie sich Unterprivilegierte in ihrem Zorn gegen die Ordnungsmacht zusammenschlossen. Besonders die schwarzen Drag Queens fielen bei den Straßenkämpfen durch subversive Frechheit auf: Tanzend und singend traten sie gegen eine knüppelschwingende Polizei zum ungleichen Kampf an. Dancing in the Streets – ein an und für sich harmloser Soul Song – war schon zum Kampflied der Black Power Bewegung geworden, nun wurde er auch zum Slogan der sich gerade erst formierenden radikalen Lesben- und Schwulenbewegung, die in Allianz mit der Black Power, der Anti Vietnam, der Student_innen und der Frauenbewegung auch neue Formen des Protests erprobte. Diese Übernahme einer subversiven Taktik zeigt auch die Nähe und gegenseitige Beeinflussung der unterschiedlichen Bürgerrechts- und Protestbewegungen. Doch bald kam es – so die Feststellung Hubers – zu einer monothematischen Ausrichtung wichtiger Teile der Homosexuellenbewegung auf den Kampf zur Befreiung von Lesben und Schwulen. Allianzen waren dabei kein Thema mehr.

Schwierige Allianzen

Und hier kommt der einzige, kleine Einspruch des Historikers gegen die Darstellung Marty Hubers. Beim Lesen bekommt man den Eindruck, dass dieser Rückzug auf einen monothematischen Kampf von der von Schwulen dominierten Bewegung ausging. Was in ihrer Darstellung nicht zur Sprache kommt, ist, dass auch viele potentielle Verbündete wegen homophober Vorurteile mit Lesben und Schwulen nichts zu tun haben wollten. Dies betrifft sowohl weite Teile der Frauen- als auch die Black Power Bewegung. Allianzen waren also auch von dieser Seite nicht immer erwünscht.

Weltweit sind die Paraden in Erinnerung an den Aufstand in der Christopher Street heute der Lackmustext für die Liberalität einer Gesellschaft geworden. So werden die Auseinandersetzungen um die Paraden auch als Gradmesser für die „Europareife“ beitrittswilliger Staaten in die Europäische Union gesehen, wie beispielweise die Parade von Belgrad, die auch in diesem Jahr untersagt wurde, weil die Polizei sich außerstande sah, diese vor Angriffen Rechtsradikaler und kirchlicher Hetzer zu schützen. Doch ist dies der richtige Weg? Bemisst sich eine Verankerung im „europäischen Wertsesystem“ an der Abhaltung einer Pride Parade in Zeiten, in denen Flüchtlinge vor den Küsten Europas im Meer ertrinken? Und wie steht es um die Paraden in „westlichen“ Ländern, die sich den Vorwurf der fortschreitenden Kommerzialisierung gefallen lassen müssen? Diesen Fragen stellt sich Marty Huber in ihrer Analyse der Paraden in Amsterdam, Wien, Budapest und Belgrad. Auf einer West- Ost- und Nord-Süd-Achse zeigt sie, wie unterschiedlich nicht nur die rechtliche Situation der LGBT-Bewegung in den einzelnen Ländern ist.

 

Budapest Pride 2008 (Quelle ILGA Europe)
2008 waren außerhalb des Zauns, der die Parade schützte noch Zuseher_innen erlaubt.

Kommerz vs. Politik ?

Denn auch die Belgrader Parade fand dieses Jahr trotz Verbots statt. Spontan und unangekündigt in der Nacht vor dem verbotenen Protestmarsch. Die Canal Pride in Amsterdam hingegen wird schon seit Jahren als kommerzielles Unternehmen geführt, was inzwischen auch zum Ausschluss vieler Gruppen geführt hat, die sich eine Teilnahme nicht mehr leisten können: Die Parade ist ein kommerzieller Event, touristisch vermarktet, Werbefläche für Firmen, die Boote sponsern oder ihre LGBT-Mitarbeiter_innen auf eigenen Booten für ihr Unternehmen werben lassen. Auch in Wien bewirbt der Wientourismus die Regenbogen Parade um die Ringstraße als touristischen Event, und Wien präsentiert sich als weltoffene Stadt. Doch unterscheidet sich die Wiener Parade maßgeblich von Amsterdam aber auch anderen Städten, weil Publikum und Parade räumlich nicht getrennt sind und damit ein Austausch stattfinden kann. Wer zusieht oder teilnimmt, ist oft eine Frage des Blickwinkels. Auch sind spontane Interventionen möglich, wie dies etwa die jährlichen Auftritte der Spaß-Guerilla H.A.P.P.Y. mit ihren provokanten Inszenierungen, die weit über Fragen der LGBT-Gleichstellung hinausgehen, zeigen.

An der historisch gewachsenen Verengung des Protests auf die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Anerkennung von Lesben, Schwulen und Transgender entzündet sich die Kritik Marty Hubers, weil diese zum Ausschluss von „Körpern“ führe, die den Vorstellungen der in der Mitte der Gesellschaft angekommenen Homosexuellen widersprechen. Doch gerade die zunehmende Kommerzialisierung, das Ankommen Homosexueller im gesellschaftlichen Mainstream, verhindert nach Marty Huber Allianzen mit minorisierten Gruppen. Diese reichen von Mitgliedern migrantischer Communities und Asylsuchenden, bis zu Menschen mit Behinderung oder zu jenen, die aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen sind. Gleichzeitig werden die Paraden nach westlichem Muster aber wie eine Entwicklungshilfemaßnahme in „unterentwickelte“ Länder exportiert. Bei der ILGA Europe gibt es einen Leitfaden für die Organisation von Paraden in feindlichem Umfeld, Organisationskomitees aus Europa geben Tipps und EU-Politiker_innen unterstützen mit Besuchen die Organisator_innen vor Ort.

Queere Entwicklungshilfe

Die Solidarisierung mit den Veranstalter_innen der Paraden in Budapest und Belgrad sieht Marty Huber aber als zweischneidiges Schwert: Ist es erstrebenswert, dass die Parade in Budapest auf einer zum „Gitterkäfig“ umgestalteten Straße stattfinden kann und sich die Veranstalter_innen einer Polizei bedienen, die vor und nach dem Tag der Parade, die sie schützen, weil sie unter internationaler Beobachtung stehen, vor homophoben Übergriffen und vor Gewalt gegenüber anderen Minderheiten und Andersdenkenden nicht zurückschreckt? Ist es sinnvoll in einem repressiven gesellschaftlichen Klima, dass von Hass gegen Lesben, Schwule und Transgender geprägt ist, eine Parade durchzuführen? Ist das Beharren auf heftig umkämpften symbolischen Akten, wie sie Paraden darstellen, der richtige Weg für LGBT-Emanzipation weltweit? Mitunter wird argumentiert, dass die Paraden auch der Selbstvergewisserung der Communities dienen, was aber in Anbetracht der Heftigkeit der Ablehnung, die den wenigen Mutigen entgegenschlägt, bezweifelt werden kann.

Die Aneignung des öffentlichen Raums war auch bei der Gründung der Regenbogen Parade ein zentrales Motiv, auch für die Festlegung auch die Ringstraße als Demoroute, denn wir wollten die repräsentativste Straße der Republik an einem Tag im Jahr für „uns“ reservieren, um „uns“ zu feiern, ja, aber auch um für „unsere“ gesellschaftliche Sichtbarkeit und gegen eine Gesetzgebung zu demonstrieren, die Lesben und Schwule diskriminierte, weshalb die Parade auch heute noch immer am Parlament vorbeiführt. Wer „uns“ dabei war, blieb offen, denn das Organisationsteam ließ alle Gruppen zu, die nicht homophob, sexistisch oder xenophob waren. Bis heute ist es für mich als Paradenbesucher ein schönes Gefühl, dass die Ringstraße „uns“ gehört. Insofern ist der Wunsch der Veranstalter_innen der Paraden in Budapest, Belgrad oder anderswo verständlich, diesen symbolischen Akt der Raumaneignung zu erleben. Aber sind die nur unter massivem Polizeischutz angehaltenen Paraden, wie der schon erwähnte, im einem zweimenschhohen Gitterzaun eingesperrte Demonstrationszug in Budapest, wirklich dazu geeignet? Oder ist ein subversiver Akt, wie heuer in Belgrad als die Parade spontan mit einem nächtlichen Umzug gefeiert wurde, nicht viel besser geeignet?

Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind, die es aber wert sind, gestellt und diskutiert zu werden. So ist Marty Hubers Buch auch allen Organisator_innen von Paraden zu empfehlen, weil es Anregungen bringt, wie man bei aller Kommerzialisierung der Paraden diese auch (wieder) mit Inhalten füllen kann.

Marty Huber
Queering Gay Pride. Zwischen Assimilation und Widerstand. Wien:
Zaglossus 2013, erhältlich bei Löwenherz
 
 
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